Schach-Kandidatenturnier Diese Spiele müssen weitergehen

Der Führende Ian Nepomniachtchi fühlt sich wegen des Coronavirus unwohl und verliert seine erste Partie. Damit hat sein ärgster Verfolger zur Halbzeit unverhofft Chancen auf das WM-Duell gegen Magnus Carlsen.
Von Florian Pütz und Bernd Schroller
Ian Nepomniachtchi sitzt nicht immer so ruhig am Brett (Archivbild)

Ian Nepomniachtchi sitzt nicht immer so ruhig am Brett (Archivbild)

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Nir Alon/ imago images/ZUMA Press

Wenn man Ian Nepomniachtchi in den vergangenen Tagen in den Livestream-Übertragungen beobachtet hat, hätte man meinen können, der Russe sei verzweifelter Letzter des Schach-Kandidatenturniers. Er versenkte sein Gesicht in seiner Armbeuge, legte den Kopf auf den Tisch oder stellte sich hinter seinen grünen Denkersessel und schaute skeptisch aufs Brett.

Dabei hatte Nepomniachtchi sportlich gesehen bislang keine Probleme. Der Mann mit dem Mini-Zopf und den kurz geschorenen Seiten hatte drei von sechs Partien gewonnen und führte das Turnier überraschend an.

Es ist das Coronavirus, das ihm Sorgen macht. Tests seien zwar negativ ausgefallen, er fühle sich aber trotzdem nicht gut, sagte Nepomniachtchi: "Die Atmosphäre hier macht es schwierig, sich gesund zu fühlen."

Der Plan: den Franzosen mit Französisch überraschen

Die Coronavirus-Pandemie ist seit Beginn des Turniers das bestimmende Thema. Alexander Grischuk forderte bereits den Abbruch. Fabiano Caruana erzählte von der nervösen Stimmung im Hotel von Jekaterinburg.

Emil Sutovsky, Direktor des Weltverbands, sah sich deswegen zu einer Stellungnahme genötigt. Ein Abbruch wäre "ein schwerer Schlag" für die "gesamte Schachwelt", schrieb er auf Facebook. Die Fide sehe ihre Verantwortung darin, das Turnier durchzuführen und gleichzeitig die Spieler zu schützen.

Und so wird das Kandidatenturnier 2020 wohl bis zum Ende durchgezogen. Ein Herausforderer für Weltmeister Magnus Carlsen soll unbedingt her.

Für Nepomniachtchi hätte die siebte Runde, die Halbzeit des Kandidatenturniers, gegen seinen ärgsten Verfolger Maxime Vachier-Lagrave schon die Vorentscheidung bringen können.

Sehr selbstbewusst machte sich der 29-Jährige an seine Aufgabe und wählte wie beim Remis in der dritten Runde gegen die Spieleröffnung 1. e4 die für ihn ungewöhnliche Französische Verteidigung mit 1. … e6. Er wollte den Franzosen mit Französisch überraschen.

Zu den Stärken Nepomniachtchis bei diesem Turnier gehört das Gespür für den richtigen Moment, um den Angriff zu verstärken, ohne die Verteidigung der eigenen Stellung aus den Augen zu verlieren. Gegen Vachier-Lagrave, genannt MVL, fand er dieses Gleichgewicht nicht. Im Übergang zum Mittelspiel wählte er trotz langen Nachdenkens nicht die strategisch bessere Fortsetzung. Angestrengt knöpfte er sich den obersten Knopf seines Hemds auf. Später machte er große Augen und atmete schwer aus. Diesmal lief es tatsächlich nicht gut für ihn.

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Nepomniachtchi entschied sich analog zu typischen Stellungsmustern dieser Eröffnung für eine Festlegung der Bauernketten im Zentrum, schuf sich dabei aber schwer zu schließende Einfalllöcher. Weiß bekam den Zugriff auf gleich zwei Diagonalen. Vachier-Lagrave nutzte beide: Auf der einen tauschte er einen wichtigen schwarzen Verteidigungsspringer vom Brett, über die andere initiierte er einen starken Bauernvorstoß. Am Ende drang die Dame in die schwarze Stellung ein und finalisierte zum Sieg.

Maxime Vachier-Lagrave hat den idealen Angriffsmoment gefunden. Der Franzose wird gleich mit 28. Lxe7 eine wichtige schwarze Verteidigungsfigur vom Brett tauschen und dann einen Zug später nach 29. g4 die schwarze Bauernstruktur im Zentrum auseinanderhebeln

Maxime Vachier-Lagrave hat den idealen Angriffsmoment gefunden. Der Franzose wird gleich mit 28. Lxe7 eine wichtige schwarze Verteidigungsfigur vom Brett tauschen und dann einen Zug später nach 29. g4 die schwarze Bauernstruktur im Zentrum auseinanderhebeln

Foto: Lichess

Mit nun 4,5 Punkten übernimmt MLV dank des direkten Vergleichs die Turnierführung, Nepomniachtchi ist punktgleich. Für Nepomniachtchi spricht, dass er in der Rückrunde einmal mehr mit Weiß eröffnen darf als Vachier-Lagrave.

Der Franzose dürfte glücklich sein mit seiner Bilanz. Er war erst wenige Tage vor Turnierbeginn für Teimour Radjabov nachgerückt. Der Aserbaidschaner hatte seine Teilnahme kurzfristig abgesagt - in Sorge vor dem leichtfertigen Umgang mit dem Coronavirus in Jekaterinburg.

Caruana kämpft, Ding resigniert

Die im Vorwege ausgerufenen großen Favoriten Fabiano Caruana und Ding Liren sind bislang hinter den Erwartungen geblieben. Caruana fand gut ins Turnier, bestach einmal mehr dank seiner herausragenden Eröffnungsvorbereitungen und mit einem sehenswerten Angriffssieg gegen Kirill Alekseenko in der zweiten Runde. Auch gegen Ding stand er nach einer Neuerung ambitioniert, verlor dann aber den Faden und die Partie und schleppte sich seitdem durch das Turnier. Für den Amerikaner wird die Partie am Donnerstag gegen Vachier-Lagrave entscheidend sein.

Durch die Niederlage von Nepomniachtchi am Nebenbrett sind Caruanas Chancen deutlich verbessert, er hat es wieder in der eigenen Hand. Er liegt mit Wang Hao, Alexander Grischuk und Anish Giri bei 3,5 von 7,0 möglichen Punkten im breiten Mittelfeld der Konkurrenz.

Für Ding hingegen ist das Turnier bereits nach sieben Runden so gut wie vorbei. Zwar konnte er Caruana eine empfindliche Niederlage zufügen, darüber hinaus blieb die aktuelle Nummer drei der Weltrangliste deutlich hinter den Erwartungen zurück. Auch in der Partie gegen den noch sieglosen Alekseenko musste Ding sich gegen eine Niederlage stemmen. "Hoffentlich geht das Turnier irgendwann zu Ende", sagte Ding nur.

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