»Schach ist vielleicht nichts für Frauen« Schach-Weltverband setzt Kommentator wegen sexistischer Aussagen ab

Schach-Kommentator Ilya Smirin hat während einer Sendung deutlich gemacht, dass er von Frauen im Schach wenig hält. Spielerinnen sind empört, der Weltverband zieht Konsequenzen. Smirin zeigt sich nun »etwas verwirrt«.
Ilya Smirin am Schachbrett: »Etwas verwirrt«

Ilya Smirin am Schachbrett: »Etwas verwirrt«

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Lennart Ootes

Der Schach-Weltverband Fide (Fédération Internationale des Échecs) hat seinen Livestream-Kommentator eines wichtigen Frauenturniers wegen sexistischer Äußerungen abgesetzt. Großmeister Ilya Smirin habe auf Sendung Ansichten geäußert, die »völlig inakzeptabel« und »beleidigend« seien. »Daher entschuldigen wir uns vorbehaltlos bei all jenen, die beleidigt wurden«, so der Weltverband in einer Mitteilung  vom Mittwoch.

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Auf Twitter kursieren Ausschnitte, die Smirins Gespräch mit Co-Moderatorin Fiona Steil-Antoni während des Frauen-Grand-Prix im kasachischen Astana zeigen. Zunächst sprechen die beiden im offiziellen Fide-Stream über die Spielerin Zhu Jiner. Die Chinesin ist Frauen-Großmeisterin, ein Titel, der unter dem des Großmeisters liegt. Spielerinnen benötigen für den Frauen-Großmeisterinnentitel etwa 2300 Elo-Punkte in der Weltrangliste. Den bei 2500 Elo-Punkten angesiedelten allgemeinen Großmeistertitel können sowohl Frauen als auch Männer erringen.

»Das habe ich nicht öffentlich gesagt«

Smirin und Steil-Antoni sprechen darüber, ob Zhu Jiner auch Großmeisterin werden könnte. »Sie ist eine Frauen-Großmeisterin oder was?«, sagt Smirin: »Warum will sie in diesem Fall wie ein männlicher Großmeister sein?«

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Dann spricht Steil-Antoni ihn darauf an, dass er einmal gesagt habe: »Schach ist vielleicht nichts für Frauen.« Smirin antwortet: »Das habe ich nicht öffentlich gesagt, sondern in einem privaten Gespräch.« Seine Co-Kommentatorin bohrt weiter. Smirin habe auch gesagt, dass Vizeweltmeisterin Alexandra Gorjatschkina »spielt wie ein Mann«. Smirin sagt dazu: »Das stimmt.« Bei der offenen russischen Meisterschaft 2021 habe sie ein sehr starkes Turnier gespielt.

Steil-Antoni erwidert: »Was hat das damit zu tun, dass man wie ein Mann spielt? Nur Männer können gut spielen?« »Nein, nein«, sagt Smirin: »Aber sie spielt einen positionellen Stil.« Dann fragt er: »Warum können Frauen unter Männern spielen, aber Männer können nicht mit Frauen in Frauenturnieren spielen?« Das sei eher eine rhetorische Frage, legt Smirin dann nach. Er will damit wohl sagen, dass Männer bei Frauenturnieren dominieren würden, Frauen bei offenen Turnieren aber nur vereinzelt mithalten könnten.

»Vielleicht wäre weinen angebrachter gewesen«

Ein anderer Clip zeigt, wie Smirin und Steil-Antoni über die Sizilianische Eröffnung sprechen. Die Kommentatorin sagt, sie spiele die Eröffnung selbst nicht. Smirin erwidert: »Vielleicht ist das der Grund, warum du nicht so viel erreicht hast.« Womöglich meinte er das als Scherz. Doch der kam bei seiner Co-Kommentatorin nicht gut an.

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Steil-Antoni lacht über die Aussage. Auf Twitter schrieb sie aber später dazu: »Ich habe gelacht, aber vielleicht wäre weinen angebrachter gewesen.« Sie hofft, dass es im Schach bald keinen Sexismus mehr geben wird. »Ich wünschte, ich hätte viele dieser Kommentare nie hören (oder darauf reagieren) müssen, aber ich hoffe, dass dies den Weg für eine Zukunft mit völlig sexismusfreien Sendungen ebnen wird. Zum Glück sind die allermeisten Co-Moderatoren, mit denen ich das Vergnügen hatte zusammenzuarbeiten, absolut brillant!«

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Die zweifache US-Meisterin Jennifer Shahade kritisierte Smirin scharf. »Es ist widerlich, einen solchen Sexismus in der Übertragung einer Frauenveranstaltung zu sehen«, so Shahade. Und die ehemalige Weltmeisterin Susan Polgar schrieb : »Schockierend inakzeptabel!«

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Die Fide, die 2022 zum »Jahr der Frauen im Schach« ausgerufen hat, reagierte mit der Absetzung Smirins. Die BBC  konfrontierte den Großmeister mit der Kritik an seinen Aussagen. Er sei »etwas verwirrt«, sagte er, da er »nichts wirklich Schlimmes gesagt habe und niemanden beleidigen oder verletzen wollte«. Einsicht zeigt er nicht: »Was ich während der Sendungen gesagt habe, war vielleicht etwas unhöflich, aber mehr nicht.« Er wolle betonen, dass er niemanden habe verletzen wollen: »Ich liebe und respektiere Schach und Frauen.« Er verstehe die Entscheidung, ihn zu suspendieren, hoffe aber, dass »der gesunde Menschenverstand die Oberhand gewinnen wird«.

Zuletzt hatte die erfolgreiche Netflix-Serie »Das Damengambit« eine breite Debatte über Sexismus im Schach ausgelöst. In der Serie steigt Schachspielerin Elizabeth »Beth« Harmon in die Weltspitze auf. Von Männern wird sie meist respektvoll behandelt. Doch den echten Großmeisterinnen ging es oft anders. So hatte der ehemalige Weltmeister Garri Kasparow einmal gesagt: »Es gibt echtes Schach, und es gibt Frauen-Schach.«

Die Weltspitze wird nach wie vor von Männern dominiert, in der gemischten Weltrangliste ist mit der Chinesin Hou Yifan auf Platz 98 lediglich eine Frau vertreten. Die deutsche Großmeisterin Elisabeth Pähtz erklärte das im SPIEGEL-Interview  einmal mit einer Ungleichbehandlung von Jungen und Mädchen: »Es spielen statistisch gesehen viel mehr Männer Schach als Frauen. Es ist logisch, dass eine größere Gruppe mit größerer Wahrscheinlichkeit bessere Leistungen hervorbringt als eine kleinere«, so Pähtz: »Unter zehn Prozent der Frauen in Deutschland spielen Schach, weltweit ungefähr 15 Prozent. Wenn 100 Jungs und Mädchen gleich gefördert würden, dann würde auch eine Frau an der Spitze stehen. Doch die sozialen Gegebenheiten sind nicht gleich.«

ptz
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