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FUSSBALL Schatten unter den Augen

Hunderte polnischer Fußballer spielen gleich für zwei Vereine - in der Heimat und in Deutschland. Der Grenzverkehr ist regelwidrig.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Während der Woche schraubt Darek Dabrowski daheim in Polen für Volkswagen deutsche Automobile zusammen. Freitags, wenn die Arbeit getan ist, hat er für knapp 24 Stunden Ruhe.

Erst am Samstagnachmittag muss er für seinen Sportverein Zamet Przemków an den Ball. Gleich nach dem Schlusspfiff wird es zeitlich eng. Dann setzt sich Darek zusammen mit den Kollegen Adam Koban und Robert Bzdyk in seinen angejahrten Fiat und fährt nach Deutschland.

Ihr Ziel ist ein Fußballplatz in der Nähe von Kassel: Die drei Polen sind sonntags für den örtlichen Fußballclub SG Altenstädt-Naumburg, ein Mitglied der siebten deutschen Spielklasse, im Einsatz. Nach 90 Minuten haben es die Gastarbeiter schon wieder eilig. Neben dem Arbeitslohn nehmen sie noch ein Lunchpaket in Empfang und reisen unverzüglich in die Heimat zurück. Die liegt rund 600 Kilometer weit weg, und wenn zwischendurch kein Stau ist, schaffen sie es noch zum Schichtbeginn am Montagmorgen.

Derlei Mühsal des Wochenendes verbindet die drei Männerfreunde mit Heerscharen anderer Fußballspieler aus Polen. Ähnlich den Anstreicherkolonnen, die in deutschen Großstädten zuverlässig, diskret und netto Wände bearbeiten, verdingen sich auch begabte Kicker nebenberuflich auf teutonischen Wiesen. Gastarbeiter Dabrowski, 30, schätzt die Zahl der Pendel-Fußballer auf »mehrere hundert - kaum ein Club in Hessen, in dem kein Pole spielt«. Jeder Einsatz wird mit 200 bis 400 Mark vergütet.

Zwar ist dieses Doppelpass-Spiel selbstverständlich regelwidrig, doch weder der Deutsche Fußball-Bund (DFB) noch die Vereine, bei denen die Polen in Lohn stehen, haben offiziell Kenntnis von den binationalen Einsätzen. Vorschriftsmäßig müsste ein polnischer Kicker den Ball daheim sechs Monate ruhen lassen, um vom DFB die Spielgenehmigung für Deutschland zu bekommen. Doch was in Polen wirklich passiert, weiß nicht mal der deutsche Verband. Im Hoheitsgebiet der dortigen Föderation funktioniert der Kontrollmechanismus nämlich schon lange nicht mehr. Hier darf spielen, wer gerade spielen will.

Die Anfälligkeit ihrer Administration behindert zusehends die Arbeit einheimischer Fußballlehrer, deren Spieler mit dunklen Schatten unter den Augen zum Training kommen. Im schlimmsten Fall gefährdet die unbürokratische West-Hilfe den Spielbetrieb ganzer Mannschaften. »Die Öffnung der Grenzen«, weiß ein Sachkenner, »hat manchen polnischen Fußballclub ruiniert.«

Der Club Kuz nia Jawor in der Nähe von Liegnitz etwa galt vor einem Jahrzehnt noch als Geburtsstätte hoffnungsvoller Nachwuchskräfte. Doch seit sich Leszek Stepien 1992 als erster Kicker nach Nordbayern aufmachte, kündigten zwölf weitere Kameraden. Zwei Talente schlugen sogar Angebote von polnischen Zweitligaclubs aus und wanderten in die deutsche Provinz aus. Ihr Heimatverein stieg in die vierte Liga ab.

Zur Schadensbegrenzung bemühen sich die polnischen Clubs schon lange um die von Fifa-Chef Joseph Blatter gewünschte Harmonisierung des internationalen Spielkalenders - wenngleich anders als ursprünglich von Blatter gedacht: Sie besorgen sich die deutschen Spieltermine ihrer Spitzenkräfte und stimmen den eigenen Kalender darauf ab.

Angesichts der Zunahme des wochenendlichen Grenzverkehrs konnten die polnischen Spieler ihren Transport zuweilen optimieren - ökonomisch wie ökologisch. Aus der Region Oppeln reist eine polnische Reisegruppe neuerdings im Minibus.

Einzelne Pendler wie Jerzy Wichlacz allerdings, der in Polen bei Miedz Legnica zwischen den Pfosten stand, mussten die rege Reisetätigkeit teuer bezahlen. Zwei Jahre lang hütete Wichlacz im Nebenberuf auch noch das Tor des Bonner Kreisklassen-Vereins TuS Roisdorf, 800 Kilometer von der Heimat entfernt. Heute ist er 40 Jahre alt. Seine Karriere ist am Ende - und seine Ehe auch. ANDRZEJ RYBAK

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