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IRAN Schlacht in kurzen Hosen

Iran träumt vom Sieg über den politischen Erzfeind USA. Für die Spieler wäre es ein unumstößlicher Triumph, für die geistlichen Führer ein zweifelhafter: Der Ruhm der Fußballer unterhöhlt die Macht der Mullahs.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Selbst vor den Augen des Ajatollah Chomeini samt seinem heiligen Zorn gegen Müßiggang in »Lust- und Lasterzentren« des Westens würden Irans Fußballer Gnade finden - könnte er sie noch sehen dieser Tage in ihrem Quartier.

Den Stürmer Khodadad Azizi vom 1. FC Köln etwa, wie er sich sein karges Zimmer in der Hochschule für Konditorei zu Yssingeaux brüderlich teilt mit dem Mittelfeldspieler Naim Saadavi aus Teheran. Wie sie über die daheim verbotenen Satellitenschüsseln ein Programm aus Iran empfangen. Und wie sie jede leergetrunkene Orangenlimonade aus dem Kühlfach im Minibar-Protokoll beglaubigen müssen.

Zwischen spitzen Vulkankegeln im französischen Zentralmassiv steht die Ertüchtigungsanstalt, die der deutsche Gruppengegner Iran für die Zeit der WM-Vorrunde angemietet hat. Vor der Tür tummeln sich französische Polizisten und iranische Geheimdienstler vom Herasat. Drinnen sitzt der angehende Millionär Azizi und lacht.

Mit dem 1. FC Köln war er eine Bundesliga-Saison lang in feineren Häusern. Aber noch ist er Iraner genug, um zu wissen, daß bei der Wahl dieser WM-Unterkunft nicht ausschlaggebend war, ob sie denen gefällt, die darin schlafen.

Am Schrein des Gründers der Islamischen Republik sind die Nationalspieler, Hände an der Hosennaht, am Tag vor ihrer Abreise eingeschworen worden: »Ihr seid Botschafter Irans.« Es sprach Hassan Chomeini, der bärtige Enkel des Revolutionsführers. Gerade weil »der Sport in den Händen der Wahnsinnigen« liege, des internationalen Großkapitals also, sei die Aufgabe groß: »Unser Spiel gegen die USA ist das Symbol dieser WM.«

Am Sonntag ist es soweit. Es gilt, zum ersten Mal in der Geschichte, gegen den von der Propaganda zum »Großen Satan« aufgeblasenen Popanz USA, den Erzfeind von Teherans Regime, im Fußball zu bestehen.

Mitten im schwelenden Konflikt zwischen dem pragmatischen Präsidenten Mohammed Chatami und der orthodoxen Geistlichkeit unter Ajatollah Chamenei um mehr Öffnung in Iran, wirkt die Begegnung mit den USA wie eine Neuauflage der Schlachten von gestern - in kurzen Hosen. »Ein besonderes Match«, sagt diplomatisch Khodadad Azizi, und läßt offen, wie er das genau meint. Den Nerv von Volk wie Führung trifft er so auf jeden Fall.

Das 65-Millionen-Volk ist beinahe zur Hälfte so jung, daß es keine Erinnerung mehr hat an die Schah-Zeit vor 1979, als noch nicht jeden Freitag nach dem Gebet Zehntausende in Teheran mit erhobener Faust »Marg bar Amrika« brüllten, »Tod den USA«. Die meisten fänden einen Sieg aber vor allem deshalb erfreulich, weil es der erste wäre für Iran bei einer WM.

Die »westlichem« Sport gegenüber traditionell skeptischen Religionsführer retten sich über den reißenden Fluß, zu dem die Fußball-Leidenschaft in Iran geworden ist, mit einer goldenen Brücke: Auch sie setzen auf Sieg, weil, wer die Weltmacht USA schlägt, egal auf welchem Feld, grundsätzlich nicht aufs falsche Fundament gebaut haben kann.

Khodadad Azizi, zu deutsch »der gottgegebene Liebling«, verhält sich genau so, wie es sein Name nahelegt. Ein frommer Torjäger, Gebetskette in der Rechten, Handy in der Linken. Er steht am Kreuzweg zwischen den auseinanderdriftenden Welten, ein Popstar im Mullahstaat. Sagt, was die Frommen hören wollen: »Durch die Revolution sind neue Werte in unser Land gekommen.« Und tut doch, was er will.

Liebling ist er nicht nur im ostiranischen Maschhad, wo Hauswände und Fabrikmauern mit Verehrerpost an ihn bedeckt sind, sondern in ganz Iran. Für gottgegeben halten sie ihn spätestens seit dem 29. November, als das Unglaubliche geschah, das, was mit den Worten des Schriftstellers Faradsch Sarkuhi »die große Explosion« auslöste: Azizi schoß ein Tor gegen Australien.

Es war das entscheidende, das letzte von 58 Toren in 17 Qualifikationsspielen. Es war gleichbedeutend mit der ersten WM-Teilnahme seit 20 Jahren, der ersten seit dem Sturz des Schahs; Chance zu beweisen, so nennt es eine junge Frau, »daß es in unserem Land nicht nur Terroristen und Öl gibt, sondern auch Menschen«.

Durch die WM-Qualifikation, sagt der Regimekritiker Sarkuhi, »sind wir in die Welt zurückgekehrt«. Die Freudenfeiern im Gottesstaat, die tanzende Menge, die patriotischen »Iran«-Gesänge und die Frauen, die sich das Kopftuch herunterrissen - die ganze aufgestaute Sehnsucht nach Leben wuchs sich aus zur gewaltigsten Volkskommunion seit Chomeinis Rückkehr aus Frankreich.

Kalt erwischt vom Siegestaumel, in dem selbst Pasdaran - die paramilitärischen Tugendwächter - im Techno-Takt mit den Stiefelspitzen wippten, wurden die Mullahs. Seither versuchen sie, sich von ganz hinten an die Spitze der Bewegung zu mogeln. Die Losung hat das Wächterrats-Mitglied Ajatollah Dschannati ausgegeben: Ohne Gebet und Gottes Hilfe wäre der Sieg nicht möglich gewesen.

Wird Beten helfen am kommenden Sonntag? »Das Spiel gegen die USA ist ein Match wie jedes andere«, beteuert Trainer Jalal Talebi betont emotionslos. Dabei schaut er allerdings so furchtsam drein, als sei er, vor drei Wochen erst engagiert, beinahe schon wieder entlassen. Er ist der vierte Coach Irans in sechs Monaten.

Aus dem Aufenthaltsraum ist brüllende Heiterkeit zu vernehmen. Die Spieler haben eine Videokassette in den Recorder geschoben und lauschen der Stimme von Abbas Torabian, dem Vizepräsidenten des Fußballverbands: Mit dem Kroaten Tomislav Ivic sei es glücklicherweise gelungen, den besten Trainer der Welt nach Iran zu holen, sagt Torabian. Das Band ist nur wenige Wochen alt. Aufgenommen kurz vor Ivics Entlassung.

Lustig ist es nicht, das Trainerleben in Iran, und viel zu kurz. Das als Weltrekord für Qualifikationsspiele aktenkundige 17 : 0 gegen die Malediven hat Mayeli Kohan, einen Mann mit Hang zu nächtlichen Gebetsappellen, nicht gerettet. Ein paar Pleiten danach, ein strenges Verhör im Madschlis, dem Parlament. Dann die Entlassung im November. Der Nachfolger Valdeir Vieira, ein Brasilianer, durfte den Freudentaumel nach der Qualifikation nur wenige Wochen genießen. Seiner Hoffnung zum Trotz, »dem Weltfrieden« gedient zu haben, wird der vom Volk verehrte Coach im Januar gefeuert, angeblich mangelnder internationaler Klasse wegen.

Die Fifa muß erst in einem Schiedsspruch am 4. März 1998 verkünden, »daß der Iranische Fußballverband den Vertrag verletzt hat«, ehe Vieira mit mehreren Monaten Verspätung sein Gehalt überwiesen bekommt: 5000 Dollar pro Monat. Eine Summe, die der Nachfolge-Aspirant Udo Lattek dem Vernehmen nach als Tageslohn fordert und bewilligt bekommt.

Lattek aber springt in letzter Sekunde ab, und es findet sich der Kroate Tomislav Ivic, ein europaweit hochdekorierter Meistertrainer, gehärtet im Umgang mit Diven wie Paulo Futre und Bernd Schuster. Er krempelt das System komplett um und überdauert seine Ernennung zum weltbesten Trainer durch den iranischen Verband um vier Monate. Mitte Mai ist Schluß.

Ivic ist seither Freiwild für Fanatiker: »Wann wollt ihr endlich begreifen, daß es besser ist, einen Trainer zu haben, der Muslim ist, statt irgendwelche Alkoholiker aus Jugoslawien zu holen«, donnert Tage vor WM-Beginn Ajatollah Chasali von der Kanzel der Teheraner Ark-Moschee.

»Diese Leute haben keine Ahnung, wie man ein Fußballteam führt«, sagt Ivic, der noch immer Einsatzwillen und Technik der Spieler lobt. Ihm sei nicht klar gewesen, wie stark in Iran die Politik den Fußball beeinflusse: »Der Druck war ungeheuer. Die Funktionäre wollen nur ihre Stellung halten. Sie denken an sich, nicht an ihr Land.«

Nun also doch mit einem Iraner, mit Jalal Talebi, ins Duell gegen die USA. Hat der nicht umgehend ein 4 : 1 gegen Inter Mailand geschafft? Gegen eine Auswahl von »Inter-Hausmeistern und Putzkolonnenführern« zwar, wie spöttische Iraner anmerkten; aber Sieg ist Sieg, befand die Hauptstadt-Presse. »Alles ist möglich«, sagt Vizepräsident Torabian, hauptamtlich leitend im Erdölministerium tätig: »Wir hoffen, daß wir im Finale dabei sind.«

Obwohl die Spieler aus dem Gottesstaat, allen voran die Stimmungskanone Azizi, in Abwesenheit revolutionärer Würdenträger auch albern und flachsen, liegt doch heiliger Ernst über der iranischen Expedition »France 98«. »Im Namen von Allah«, sagt der Co-Trainer im Trainingscamp von Yssingeaux zur Presse, »wir arbeiten hart.«

»Im Namen von Allah«, auch er hoffe auf gutes Gelingen, ergänzt der aus Paris angereiste Botschafter Hamid Assefi, revolutionskonform kragen- und krawattenlos gewandet, also unverwestlicht, und müht sich erfolglos um ein lockeres Lächeln. Assefi werde hier Ehrenbürger, scherzt später der Bürgermeister. Dies sei bereits der fünfte Besuch von Exzellenz.

Übers Trainingsgelände traben die Hoffnungsträger der Islamischen Republik, vorbei an Bandenwerbung von Coca-Cola und McDonald's. Die meisten spielen in Teheran, haben allerdings von Gastspielen in Singapur oder am Golf schon Dollar und ein paar Brocken Englisch mitgebracht.

In der internen Hierarchie ganz oben stehen Ali Daei, der Welttorjäger von 1996, Karim Bagheri, der beste Torschütze der gesamten WM-Qualifikation, und natürlich Azizi, Asiens Fußballer des Jahres 1996.

Sie sind schon dort, wo andere nach der WM noch hin wollen - in der Bundesliga. Sie sind schlagende Beweise für möglichen Aufbruch, für Anerkennung in einer Welt, die nicht dem Wort der Korangelehrten gehorcht. Die potentiellen Nachahmer ahnen wenig vom Alltag bei Daei und Bagheri, von langen Abenden im geklinkerten Reihenhaus in Oerlinghausen-Lipperreihe, fertig eingerichtet samt Couchgarnitur. Von einem Exil, das bei Arminia Bielefeld auf den Nenner gebracht wurde »Ali hat'n Handy, und Karim hat Leila« - seine Frau.

Die Bundesliga-Kandidaten aus der iranischen WM-Truppe wissen noch nicht, wie es ist, beim Sponsorentermin - »Barre-Bräu, dein Herz erfreu« - aus Glaubensgründen aus dem Bild treten zu müssen und als Exot einer Öffentlichkeit zu begegnen, die mehr nach der Gebets- als nach der Schußtechnik fragt. Orthodoxe Antworten wahren den Frieden mit den Funktionären in der Heimat, wo die deutsche Presse akribisch ausgewertet wird. Ihre Sünden machen die Bundesliga-Legionäre nach Angaben ihrer Freunde lieber mit Allah selbst aus: »Iraner sind Geschäftsleute. Sie verhandeln auch mit Gott.«

Vom Vermächtnis Chomeinis noch nicht entbunden, haben sich Irans Fußballstars mit seinen Gegnern eingelassen. Die Kluft wird nicht kleiner dadurch, daß Ali Daei 30 000 Mark für Erdbebenopfer in seiner Heimat spendet, Azizi einen Pokal für die Imam-Resa-Moschee in Maschhad und andere noch vor dem Schrein des Revolutionsführers strammstehen, obwohl sie Boutiquen am Mosseni-Platz im Norden Teherans besitzen, in denen sie westliche Waren verhökern.

Fußball ist eine Splittermine fürs Bollwerk der Gottesfürchtigen in Iran, hoffen jene, denen nicht entgangen ist, wie der Reformpräsident Chatami den Stürmerstar Daei empfangen hat. Nun hängt viel vom Ausgang des Spiels gegen die USA ab.

Wenn sich am Sonntag abend in Teheran das fröhliche Chaos vom November wiederhole, sagt ein westlicher Diplomat, wenn die Frauen ihr einziges Privileg, tabu für Polizistenhände zu sein, nutzen und wieder das Kopftuch schwingen, dann hänge alles von den Nerven der Revolutionshüter ab: »Halten sie sich nicht zurück, kann es losgehen.«

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