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ADMIRAL'S CUP Schlimmer als Knast

aus DER SPIEGEL 33/1981

Vor dem Admiral's Cup, der aufwendigsten Regatta der Welt, erhoben Londons Buchmacher die drei bundesdeutschen Boote zu Favoriten. Doch aus dem Sieg wird nichts.

Eine Hälfte der Crew schlief unter Deck, fünf Mann segelten die »Düsselboot« bei Windstärke sechs an der irischen »Regardless« vorbei. »Plötzlich hat es geknirscht«, berichtete Eigner und Skipper Michael Schmidt, »dann fiel die Palme runter.«

»Ein Jahr Arbeit, Geld und Freizeit«, resignierte Jacht-Käpt'n Schmidt nach dem Mastbruch, »alles umsonst.« Mit dem Mast knickten zugleich die Hoffnungen der Deutschen auf einen neuen Sieg im Admiral's Cup, der Mannschafts-Weltmeisterschaft der Hochseesegler.

Dabei hatten die Deutschen an Bord und an der Küste den ersten Startböller hoffnungsvoll erwartet. Sogar die »Times« schätzte die Bundes-Armada als möglichen Sieger ein und rechnete sie den »Großen Vier« zu, die den Admiral's Cup schon gewonnen haben. Wer auf einen deutschen Seesieg wetten wollte, dem boten die britischen Buchmacher den knappsten Kurs von 10:12.

Den Admiral's Cup, einen 27 Zentimeter hohen Henkeltopf, hatte der britische Admiral Sir Miles Wyatt 1927 gestiftet. Der Goldpokal erlangte rasch Höchstkurse an der internationalen Regatta-Börse. All zwei Jahre schicken seither See- und Landmächte ihre Flotten wie zu einer Seeschlacht aus.

Rasch rückte Cowes ins Zentrum der Seglerwelt. Der Nationencup der Hochseesegler »vom Rang Olympischer Spiele« ("Daily Telegraph") schloß offensichtlich eine Lücke. Booten und Crews forderte er eine harte seglerische Vielseitigkeitsprüfung ab: drei sogenannte Inshore-Races über Distanzen bis zu 30 Seemeilen (eine Seemeile = 1852 Meter), das Channel Race bis Cherbourg und zurück (220 Seemeilen). Die schwerste Prüfung, das Fastnet Race (605 Seemeilen) führt schließlich bis an die Südspitze Irlands.

Der Segler-Mehrkampf bei unterschiedlichsten Bedingungen von der Flaute bis zum Orkan faszinierte Segler und Fans, Konstrukteure und Bootsbauer. Vor allem mobilisierte der Admiral's Cup betuchte Geldgeber, die von einem Erfolg Prestige und zumindest versteckte Werbung erwarteten.

Eine Cup-Jacht kostet mit voller Regatta-Ausrüstung eine runde halbe Million Mark. Allein die notwendigen Sätze an Segeln erfordern mindestens 50 000 Mark. Die Flotte der 48 Schiffe, die bis Mitte dieser Woche um den begehrten Pott kämpft, repräsentiert rund 25 Millionen Mark. In die Vorbereitungen haben die Eigner jeder noch einmal etwa eine Viertelmillion Mark gesteckt.

Aber wenigstens 150 Jachten, in der Bundesrepublik anfangs 16, nahmen den Kampf ums Dabeisein auf und bewarben sich in harten Qualifikations-Regatten darum, in die Nationalmannschaft der jeweils drei Cup-Schiffe eines Landes aufgenommen zu werden. Schon ein Achtungserfolg kann sich auszahlen. Mancher Eigner hat sein Boot anschließend schon mit einem Aufpreis von 30 000 bis 50 000 Mark losgeschlagen.

In diesem Jahr qualifizierten sich der Container-Hersteller Udo Schütz, 44, der als Kapitän - Skipper - dabei ist und sein Boot, na wie schon, »Container« nannte. Willi Illbruck, 54, produziert Schaumstoff und brachte die »Pinta« ins Team. Michael Schmidt, 33, baute seine Cup-Jacht auf eigener Werft in Wedel und hätte nichts dagegen, weitere Boote dieses Typs vom Stapel zu lassen. Dazu hülfe ein Erfolg ungemein. Der Name Düsselboot erinnert an den Sponsor, die Düsseldorfer Messegesellschaft und, ihre Verkaufsausstellung »boot«.

Aus den herrschaftlichen Jachten zu Kaisers Zeiten mit blankem Mahagoni und blinkendem Messing sind Rennmaschinen mit einer kahlen Kammer unter Deck geworden, unbehaglicher als eine Ausnüchterungszelle. Jedes Kilo weniger verbessert das Verhältnis von Segelfläche zu Gewicht und fördert damit die Renngeschwindigkeit.

In den kojenlosen Rumpf stopft die Crew Segelsäcke und leichte Schlafmatten. Viele verzichten auf eine Klozelle. Eine Bootstoilette, sagt Schmidt, »wiegt mindestens acht Kilo, unser Plastikeimer nur 400 Gramm«.

Allenfalls die halbe Besatzung kann sich gleichzeitig zum Schlafen unter Deck zusammenrollen. Die Container, das größte deutsche Cup-Schiff, mißt oben 12,89 Meter als größte Länge, 4,05 Meter an der breitesten Stelle unter Deck jedoch wesentlich weniger. »Fünf Nächte auf so einem Schiff«, graut es Segler Schmidt, »das ist schlimmer als vier Wochen Knast.«

Fünf Tage und fünf Nächte aber dauert das abschließende Fastnet Race, das 1979 mit der schlimmsten Katastrophe der Regatta-Geschichte geendet hatte. Die Cup-Jachten bildeten nur den Kern einer Flotte von mehr als 300 Booten, auf denen insgesamt gut 2000 Segler in einen Orkan liefen.

Selbst »Kerle, die ein dutzendmal die Welt umsegelt haben«, erinnerte sich Roger Ware, Pressebetreuer für den Admiral's Cup, »sagten, so etwas hätten sie noch nie erlebt«. Wogen wie »weiße Pferde mit davonwehenden Mähnen« und »Häuptern wie Monster«, erzählte Major J. K. C. Maclean von der britischen Jacht »Fluter«, hätten Boote »15 Meter tief in ein Loch fallen« lassen.

Vielen fehlte ein Sender, um Hilfe herbeizulotsen. 77 Boote kenterten, teils vollführten sie eine volle Umdrehung. 23 Jachten sanken oder wurden aufgegeben. Sechs Segler ertranken, nachdem sie über Bord gerissen worden waren. Insgesamt starben 15 Segler.

»Das schlimmste Erlebnis, das ich je hatte«, hoffte Großbritanniens Ex-Premierminister Edward Heath, den der Orkan auf seiner »Morning Cloud« überrollt hatte, »möchte ich nicht noch einmal erleben.« Englands Royal Ocean Racing Club versucht das durch verschärfte Sicherheitsbestimmungen zu verhindern.

Er bootete Wochenendsegler aus und läßt nur noch Jachten zu, auf denen der Skipper und mindestens die halbe Crew im voraufgegangenen Jahr wenigstens zwei offizielle Seeregatten bestritten haben. Alle Jachten müssen auch einen Sender mitführen, über den sie Notrufe und ihre Position durchgeben können.

An Bord der Admiral's Cupper ist längst »jedes Crewmitglied ein Spezialist«, stellte Gunther Persiehl fest, Vizepräsident des Deutschen Segler-Verbandes und Manager des Fußball-Nationalspielers Manfred Kaltz. Bei den Deutschen segeln mehrere Olympia-Teilnehmer und Medaillengewinner mit: auf der Pinta Jörg und Eckart Diesch, Olympiasieger im Flying Dutchman, auf der Container Eckart Wagner, Richard Huchler und der zweimalige Medaillengewinner Uli Libor.

Aber auch »noch so gründliche Expertenschaft«, warnte die »Times«, reiche nicht aus, den rechten »Weg durch die Zufälle im Solent« zu finden. Besonders starke Strömungen und unberechenbar wechselnde Winde überraschen auch routinierte Segler im Revier vor Cowes immer wieder.

Die Briten trainierten deshalb monatelang in ihren Gewässern. Sie siegten schon siebenmal im Admiral's Cup. Australien und die USA (je zwei Siege) übten wochenlang, die Deutschen (ein Sieg 1973) trugen ihre letzten Qualifikations-Fahrten vor Ort aus. Weil die Pinta dabei den »Morgan Cup« und die Düsselboot die Regatta »Round the Island« gewann, bürdeten ihnen viele Fachleute die Favoritenlast auf.

Die deutschen Boote seien bei den voraufgegangenen Regatten außergewöhnlich gut gesegelt, bestätigte die »Times«, »aber der Admiral's Cup ist vor allem ein Mannschafts-Wettbewerb«. Das spürten die deutschen Gäste beim Channel Race. Bei den beiden kürzeren Regatten vor Cowes hatte die Bundesequipe noch den zweiten Platz ersegelt. Doch beim dritten Rennen über den Kanal beutelten die gefährlichen Zufälle des Reviers vor allem die Deutschen. Einen Teil der Regatta-Flotte riß die Strömung mit. Nur 100 Meter weiter hingen dagegen andere Boote in der Flaute fest. »Wir sind nach Karte und Taktik richtig gesegelt«, ärgerte sich Pinta-Steuermann Jörg Diesch über den 38. Platz. »Aber was wir auch gemacht haben, wir sind allemal in die Scheiße gefahren.«

Die Düsselboot hatte nichts gemacht, kein Manöver lag an, als der Mast kurz über dem Großbaum brach. Konstrukteur Friedrich Jubel räumte ein, der Mast sei gewichtsparend an der »obersten Grenze des Vertretbaren« spargeldünn gehalten worden. Er war während der Regatta vor Helgoland schon einmal bei einer Havarie gebrochen.

Die Zeit bis zum nächsten Rennen reichte nicht aus, einen neuen Mast einzurichten. Nun stützen drei eingeschäftete Teile den alten Mast. Jetzt bangt die Crew, ob der nunmehr sechsteilige Spargel bis zum letzten Regattatag hält. Dennoch hofften die auf den achten Platz zurückgefallenen Deutschen, sich im dreifach gewerteten Fastnet Race zu verbessern.

Pech verfolgte jedoch nicht allein die Deutschen. Während des ersten Rennens im Solent war der Wind fast bis zur Windstille abgeflaut. Kaum einer rechnete damit, daß die Flotte in der Mindestzeit zurück sei. Doch die Regattaleitung brach nicht ab, sondern verkürzte den Kurs auf zehn Seemeilen (18,5 Kilometer). Nach gut fünf Stunden, langsamer als Fußgänger, schlichen die Sieger über die Ziellinie.

Doch da lagen zwei Boote aus Hongkong, die eine Streichung des Rennens erwartet hatten, längst wieder im Hafen; ihre Mannschaft war am ersten Tage geplatzt.

Admiral's-Cup-Jacht »Düsselboot": »Es knirschte, dann fiel die Palme runter«

Admiral's-Cup-Jacht »Pinta«, Crew: Wett-Favoriten verfingen sich in der Flaute

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