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Schnee zuviel

Olympische Winterspiele 1928 und 1948 machten St. Moritz weltberühmt. Jetzt strebte die Oberengadiner Gemeinde nach neuem Sportlorbeer.
aus DER SPIEGEL 7/1974

St. Moritz ließ die alpinen Skirennläufer zu sich kommen. Denn ein paar schneearme Jahre hatten auch im Winterreich vieler Staatsoberhäupter die Besucherzahlen gesenkt. So warb ein Vierteljahrhundert nach den letzten Olympischen Winterspielen Kurdirektor Peter Kasper: »Die besten Skifahrer der Welt müssen wieder im besten Skigebiet der Welt laufen.«

Vorige Woche fand das gewünschte Spektakel in St. Moritz statt: die 18. Ski-Weltmeisterschaft. zäh gegen die Mitbewerber Davos, Zermatt und Garmisch-Partenkirchen erstritten. Den Ausschlag für St. Moritz hatte ein Lockmittel gegeben: Freie Unterkunft für sämtliche Teilnehmer. Da rückte unter den 35 Nationalmannschaften mit mehr als 300 Läufern sogar eine Abordnung des Flachlandes Dänemark ins Hochland ein: drei Grönländer.

Die Ski-Weltmeisterschaft (Kosten: 7,2 Millionen Mark) hatten die Leute aus dem Oberengadin als Ausgleich für die entgangene Olympiade 1976 empfunden. St. Moritz beschloß, die Weltmeisterschaft so exakt zu organisieren. daß sowohl die Olympischen Winterspiele 1972 im japanischen Sapporo, wo drei der sechs alpinen Skirennen von Schweizern gewonnen wurden, als auch Innsbruck 1976 in den Schatten gestellt werden würden.

Schon 1971 bot sich eine Chance, organisatorische Schlagkraft und natürliche Schneemacht nachzuweisen. Der Schweizer Ort Wengen sah sich wegen Schneemangels außerstande, sein Lauberhorn-Rennen zu veranstalten. Kasper und der St. Moritzer Organisationschef Räto Melcher starteten das Rennen in ihrem Ort. Es wurde trotz Schneearmut ein großer Erfolg.

Als auch in diesem Winter Schneemangel beklagt wurde, glaubten die Oberengadiner vorgesorgt zu haben. Kilometerlange Schneepipelines garantierten rasche Anlieferung an jede gewünschte Stelle der Abfahrts- und Slalompisten. Helikopter-Geschwader standen einsatzbereit zum Einflug von Staketenzäunen und Fangnetzen an allen Rennstrecken. Ein Hotel wurde für die 800 Funktionäre requiriert. Und sämtliche Banken mußten am vorigen Mittwoch und Samstag ganz schließen. weil ihre Angestellten im Schnee-Einsatz waren. Allein für die elektronische Zeitmessung waren drei Tonnen Material in die Berge geliftet worden.

Doch da schlich ein Ungeheuer über die wohlpräparierten Rennplätze hinweg, im Engadiner Bergdeutsch »Maloja-Schlange« nach dem Herkunftsort genannt. Nebel wallten und Schnee rieselte Tage und Nächte lang. Zur Eröffnungsfeier traf bleichen Gesichts der St. Moritzer Bürger und Playboy Gunther Sachs ein, der zu berichten wußte, daß er mit seiner Sportmaschine beim Anflug auf den eingeschneiten Kurort fast gegen eine Bergwand geprallt sei.

Als der Schah von Persien seinen Galerieplatz einnahm und geflissentlich Rufe aus der Menge »Petrol, Petrol« überhörte, verstärkte sich der Schneefall. Beim darob verspäteten Einmarsch der Nationen vermißte das Heimatblatt »Der Oberthurgauer« »Schmiß und die starke Hand am Regiepult«.

Nun griff erstmals die schweizerische Armee bei einer Sportveranstaltung ein. 200 Soldaten trampelten, auch nachts, die verschneiten Pisten hart. »Ohne zu murren«, berichtete Organisator Melcher. Dennoch mußte der ganze Terminplan umgeändert und zusätzlich eine Million Mark geopfert werden.

Kurdirektor Kasper bekannte: »Wir waren froh, nur alpine Weltmeisterschaften, nicht aber Olympische Spiele organisieren zu müssen.«

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