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FREIZEIT Schwereloses Gleiten

Seit Sporttauchen immer mehr Anhänger findet, gehen die Deutschen zumeist im Ausland in die Tiefe: zwischen Mallorca und den Malediven.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Der Münchner Peter Herb schnallte sich eine zylindrische Flasche auf den Rücken, zog eine unförmige Maske über die Augen und glitt ins Rote Meer. Er tauchte nie wieder auf.

Wie der 32jährige Kaufmann starben im letzten Jahr rund 50 Bundesbürger. Sie erstickten in Fischernetzen, schossen mit geborstenen Lungen an die Wasseroberfläche oder wurden von gefräßigem Meeresgetier angefallen --Opfer eines Hobbys, das immer beliebter wird: Das Sporttauchen, einst prestigeträchtiger Freizeitspaß für wenige, wird allmählich zum Volkssport.

Über 90 000 Bundesbürger stürzen sich schon regelmäßig in die Dämmerwelt unter Wasser -- die meisten tummeln sich während des Urlaubs irgendwo zwischen Mittelmeer und Malediven, viele tauchen ganzjährig in deutschen Tümpeln und Seen.

Allein 1979 steigerte die norddeutsche Wassersport-Firma Barakuda ihren Umsatz an Tauchgeräten um 17 Prozent auf etwa acht Millionen Mark. Und der Hamburger Verband Deutscher Sporttaucher konnte während der vergangenen fünf Jahre seine Mitgliederzahl auf 16 000 verdoppeln. Was die Deutschen derart massenhaft in die Tiefe treibt, darüber rätselt sogar eine Wissenschaft, die meist schnelle Antworten parat hat: Möglicherweise suchten Taucher, so vermuten Psychologen etwas abseitig, unbewußt den Rückweg in den Mutterleib.

Aktive Unterwasser-Ratten, wie der Kölner Harry Ehrberg, betreiben den Sport wohl eher, »weil immer ein bißchen Abenteuer und Nervenkitzel dabei ist«. Andere Taucher, so der Münchner Ernst Heimer, schwärmen von dem »nahezu schwerelosen Gleiten durch ein unendliches Meer von Farben und Formen«. Und der französische Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau fabelte: »Unter Wasser wird der Mensch zum Erzengel.«

Von diesem Gefühl der Allmacht hatten sich neugierige Naturen schon seit jeher berauschen lassen: Die Assyrer tauchten mit Luftsäcken aus Hammelhäuten, Griechen und Römer senkten sich mittels primitiver Taucherglocken ins Meer. Und im 16. Jahrhundert ersann Alleskönner Leonardo da Vinci, zeitlebens von der Welt sub aqua fasziniert, einen »Apparat zur Atmung unter Wasser«.

Seitdem drangen Wissensdurstige und Wagemutige mit den verschiedensten Tauchhilfen in die Tiefe: Sie zwängten sich in monströse Eisenpanzer, banden sich druckluftgefüllte Metallkanister auf den Rücken oder atmeten reinen Sauerstoff aus der Flasche.

Doch erst die Erfindung des Marine-Froschmanns Cousteau ermöglichte Tauchern einen vergleichsweise unbeschwerten Aufenthalt im lebensfeindlichen Element. Zusammen mit seinem Landsmann Emile Gagnan konstruierte er 1942 den sogenannten Lungenautomaten S.263 -- ein ventilartiges Gerät, das die in der Rückenflasche komprimierte Luft stets lungengerecht ans Mundstück bringt: Trotz des in der Tiefe stetig steigenden Drucks kann der Taucher so mühelos atmen wie beim Spazierengehen. »Damit wurde der hagere Franzose zum Vater des Tauchsports«, konstatierte das Nachrichtenmagazin »Time«.

Besonders in den Vereinigten Staaten wurde das feuchte Hobby schnell populär. Mitte der sechziger Jahre, als TV-Wassermann Hans Hass Deutschlands Bildschirme mit allerlei bunten Fischen sowie seiner unvermeidlichen Tauch-Frau Lotte bevölkerte, begannen auch die Bundesbürger zu tauchen -- meist in heimatlichem Gewässer, in dem sie höchstens mal einen verschreckten Karpfen zu Gesicht bekamen.

Inzwischen jedoch grundeln die Deutschen dort, wo Hass einst so abendfüllend filmte: Über 50 000 Bundesbürger reisten im letzten Jahr zum Unterwasser-Sport -- mal für 1750 Mark pro Woche nach Israel oder auf die Kanarischen Inseln, mal ab 3000 Mark auf die Malediven oder die Bahamas.

Im Atlantik photographieren sie Thunfisch, Rochen und die grimme Muräne, im Pazifik schweben sie durch bizarre Korallengärten und wabernde Tangwälder. Und im Mittelmeer jubeln sie über jede zerbrochene Amphore, die aus dem Schlick ragt.

Über viel mehr können sich Taucher dort auch kaum freuen. Denn die jagdlustigen Italiener und Franzosen, von deutschen Tauchern verächtlich »Harpunettis« genannt, haben das einst fischreiche Mittelmeer weitgehend leergeschossen: »Man muß heute lange nach einer Flosse suchen«, bedauert Waltraud Binanzer vom Hamburger Fachblatt »tauchen«.

Dafür um so mehr Taucher: So gondeln, beispielsweise, einer Herde aufgeregter Delphine nicht unähnlich, im Sommer bis zu 70 Unterwasser-Fans rund um den Odysseus-Felsen vor der Küste Korfus. »Die lautlosen Gefilde«, fürchtete der Ulmer Taucher Helmut Groß, »werden zum touristischen Rummelplatz.«

Auf rund 120 Basen werden die Tauchtouristen betreut. Geübte Subaquatiker erhalten dort Leih-Preßluft-Flaschen, Anfänger müssen erst einmal zum Unterricht. »Der ist«, weiß Experte Wolfgang Oehms, »in der Regel recht gut und sicher.«

Eher riskant hingegen ist eine neue Sparte des Tauchens, die immer mehr Liebhaber findet: der Abstieg in Wracks. Durch Risse und Bullaugen dringen die Taucher in die Schiffsleiber ein, immer in der Gefahr, daß sie sich in dem rostigen Labyrinth verirren; oder daß -- Klappe zu, Taucher tot -irgendwo eine Luke zufällt.

Als Wrack-Dorado gilt Tauchern die mikronesische Inselgruppe Truk, wo über 100 Schiffe und Flugzeuge am Meeresboden liegen -- ein Großteil der 4. Japanischen Flotte, der 1944 dort von amerikanischen Bombern versenkt wurde. »In den Schiffen liegen noch«, so ein Truk-Taucher, »Bleistifte und Radiergummi auf den Schreibtischen.«

Der beinharte Kern des deutschen Tauchsports schwimmt in heimatlichen Wassern -- mit wachsender Vorliebe im Winter. Die Allwetter-Taucher hacken Löcher ins Eis und lassen sich langsam ins Wasser, das selbst eine Forelle zum Frösteln brächte. »Drunten ist es eine Tortur«, gesteht Taucher Ehrberg. »Aber hinterher fühlt man sich toll.«

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