Schwimmverband präsentiert Interimslösung Der kleinste gemeinsame Nenner

Im Streit zwischen Leistungssport und Vorstand drohte dem Deutschen Schwimm-Verband die nächste Eskalationsstufe. Schafft die Berufung von Lutz Buschkow zum Leistungssportdirektor nun Ruhe?
Schwimmerin Isabel Gose beim Olympia-Qualifikationswettkampf in Berlin

Schwimmerin Isabel Gose beim Olympia-Qualifikationswettkampf in Berlin

Foto: Soeren Stache / dpa

Lutz Buschkow ist der Zeit voraus. Sieben Stunden, um genau zu sein. Beim Telefonat mit dem SPIEGEL am Samstagmittag hatte er gerade Abendbrot gegessen. Der Bundestrainer der Wasserspringerinnen und Wasserspringer bereitet seine Aktiven derzeit in Dresden auf den entscheidenden Olympia-Qualifikationswettkampf Anfang Mai in Tokio vor. Simulierte Zeitumstellung inklusive. Montag steigt das Nationalteam in den Flieger gen Japan.

Mitten in dieser verkehrten und stressigen Welt erreichte auch Buschkow die Mitteilung des Deutschen Schwimm-Verband (DSV) vom Freitagabend. Darin teilte der DSV nach einer mehrstündigen Präsidiumssitzung mit, dass der Bundestrainer der Wasserspringer kommissarisch die Aufgaben des Leistungssportdirektors übernehmen werde.

Der Posten war seit der umstrittenen Trennung des DSV von Thomas Kurschilgen Ende Februar unbesetzt. Eine etwa von den Bundestrainern Bernd Berkhahn und Hannes Vitense vorgeschlagene Lösung mit dem dreifachen Olympiasieger Michael Groß hatte sich unter der Woche zerschlagen.

Buschkow hatte den Posten des Direktors Leistungssport im DSV bereits von 2008 bis 2016 inne. Dass er in dieser kritischen Phase so kurz vor den Olympischen Spielen im Sommer in Tokio nun erneut die Doppelrolle annimmt, liegt auch daran, dass er »noch nie jemand war, der sich wegduckt, wenn es Probleme gibt und ich helfen kann«, sagt er von sich selbst.

Der 63-Jährige kann auf alte Erfahrungen aufbauen, seine To-do-Liste ist nach zweimonatiger Vakanz auf dieser zentralen Position dennoch lang. Gleich am Morgen hatte er mit seinen Chefcoach-Pendants aus den Fachsparten Schwimmen, Wasserball und Synchronschwimmen telefoniert, nach seiner Ankunft in Tokio will er sich mit ihnen erneut zusammenzoomen, um die drängendsten Themen zu bearbeiten.

Alter und aktueller Sportdirektor: Lutz Buschkow mit den Wasserspringern Sascha Klein und Patrick Hausding (2012)

Alter und aktueller Sportdirektor: Lutz Buschkow mit den Wasserspringern Sascha Klein und Patrick Hausding (2012)

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Im Schwimmen hatte sich Buschkow in seinen Jahren als Leistungssportdirektor nicht nur Freunde gemacht, habe er doch ausschließlich seine Wasserspringerinnen und Wasserspringer im Blick gehabt, hieß es damals. Das wird nun erneut befürchtet. »Ich habe mich immer für alle Sportarten im DSV eingesetzt, und so wird es auch diesmal sein«, sagt Buschkow dazu heute.

Auch einige Schwimmerinnen und Schwimmer haben nicht vergessen, wie er sie bei Olympia 2012 öffentlich abkanzelte. Als die Nerven ob der erstmals seit 80 Jahren im Beckenschwimmen medaillenlosen Spiele von London blank lagen, griff Buschkow in einem Rundumschlag auch die Aktiven an, attestierte ihnen fehlende Wettkampfhärte, zu geringe Grundlagenausdauer, fehlende athletische Voraussetzungen – und überhaupt: »Wir sichten vielleicht mehr Karpfen als Delfine.«

Hoffnung und Frust

Neun Jahre und eine weitere Blamage in Rio 2016 später sagt Buschkow: »Ich werde alles tun, damit wir möglichst erfolgreiche Spiele erleben.« Im Wasserspringen richten sich dabei wie seit vielen Jahren alle Augen auf den zweifachen Olympiamedaillengewinner Patrick Hausding. Aber auch im Beckenschwimmen stehen die Chancen auf olympisches Edelmetall mit Doppelweltmeister Florian Wellbrock und Vizeweltmeisterin Sarah Köhler so gut wie lange nicht für die einstige Schwimmnation Deutschland. Entsprechend groß war daher vor allem bei den Schwimm-Bundestrainern der Frust, wenige Monate vor dem für die Zukunft des gesamten Verbandes so wichtigen Höhepunkt im Tokio plötzlich ohne Management dazustehen.

Ein Posten, alle Entscheidungen

Kurschilgen war seinerzeit im Zuge einer Satzungsänderung zum Alleinentscheider im Leistungssport geworden. Somit liefen bei ihm alle Entscheidungen zusammen: administrative Arbeiten, die Vorbereitung der Potenzialanalyse für den kommenden Olympiazyklus, Anträge beim Sportfachverband (DOSB) oder dem für den Sport zuständigen Bundesinnenministerium.

Für Buschkow liegt die wichtigste Aufgabe nun darin, die sogenannte UWV, die unmittelbare Wettkampfvorbereitung, so zu gestalten, »dass bei den Spielen auch wirklich Bestleistungen abgerufen werden können«. Dazu kommen die Nominierungen für Tokio, die Vorbereitung der weiteren Saisonhöhepunkte in allen Sparten unter Pandemiebedingungen, die EM im Mai in Budapest etwa oder die Jugend-Europameisterschaften im Juli in Rom, drängende Personalgespräche.

Er ist bereit für Tokio: Florian Wellbrock nach seinem WM-Gold über 1500 Meter 2019

Er ist bereit für Tokio: Florian Wellbrock nach seinem WM-Gold über 1500 Meter 2019

Foto: Wang Jingqiang / imago images / Xinhua

Mit der Entscheidung für Buschkow ist der Vorstand einer nächsten Eskalation des Streits zwischen Leistungssport und Ehrenamt aus dem Weg gegangen. Denn: Im Gespräch war auch DSV-Vizepräsident Harald Walter als Interimslösung, ein solch leistungssportsferner Beschluss hätte dem Vernehmen nach nicht nur die Schwimm-Bundestrainer auf die Barrikaden getrieben.

Mit dem kommissarischen Leistungssportdirektor Buschkow halte man nun »den Bundestrainer*innen den Rücken frei und die Athlet*innen können sich voll auf die Olympischen Spiele sowie weitere Jahreshöhepunkte konzentrieren«, wird DSV-Präsident Marco Troll in der Mitteilung zitiert. Die Stelle des Direktors Leistungssport werde zudem neu ausgeschrieben. Mit ihm, glaubt Buschkow, habe der DSV nun zudem Zeit gewonnen, »eine qualifizierte Person für diese zentrale Position in einem so großen Verband« zu finden.

Kurzfristige Ruhe könnte durch die Lösung Buschkow tatsächlich einkehren – wenn es allen Beteiligten in einer längst verfahrenen Situation gelingt, sich im Namen der Sportlerinnen und Sportler zusammenzureißen. Dass wenige Stunden vor der Präsidiumssitzung am Freitagabend DSV-Vize Walter mit dem Antidopingbeauftragten Roland Weiler einen offensiven Kritiker im Präsidium seines Amtes enthoben hat, zeigt aber auch: Der umstrittene Vorstand hält im verbandsinternen Aufstand Kurs auf Konfrontation.