Big-Wave-Surfer Sebastian Steudtner Allein mit der Welle

Sebastian Steudtner sitzt in Portugal fest. Eigentlich herrscht Surfverbot, doch der 34-Jährige hat eine Ausnahmegenehmigung. Ein Gespräch über leere Strände und Gelassenheit in der Coronakrise.
Ein Interview von Gerhard Pfeil
Sebastian Steudtner beim Surfen in Portugal

Sebastian Steudtner beim Surfen in Portugal

Foto: Armando Franca/ AP
Zur Person

Sebastian Steudtner, Jahrgang 1985, ist ein erfolgreicher Big Wave Surfer: Er ist auf besonders hohe Wellen spezialisiert. Die Bilder, die dabei entstehen, sind oft spektakulär. Derzeit befindet er sich im portugiesischen Nazaré, einem Hotspot der Wellenreiter an der Atlantikküste. Aufgrund der weltweiten Reiserestriktionen während der Covid-19-Pandemie sitzt er dort fest: "Ich bin gewissermaßen gestrandet", sagt Steudtner.

SPIEGEL: Wegen der Covid-19-Pandemie sind in Portugal die Strände gesperrt. Es gilt ein Surfverbot. Sie gehen dennoch zum Wellenreiten. Warum?

Steudtner: Ich habe, ähnlich wie Profifußballer, eine Ausnahmegenehmigung, die mir erlaubt, zu trainieren. Der Weltverband der Big-Wave-Surfer hat mir eine Bestätigung zugeschickt, die belegt, dass ich als Berufssportler gemeldet bin. Dieses Schreiben habe ich bei der Hafenpolizei vorgelegt. Jetzt kann ich wenigstens in der Region Nazaré ins Wasser gehen.

SPIEGEL: Wie reagieren andere Wellenreiter, wenn die sehen, dass Sie über den Strand marschieren und hinaus in die Wellen paddeln?

Steudtner: Na ja, ich halte mich natürlich von den populären Revieren fern. Es gibt hier in der Nähe von Nazaré abgelegene, schwer zugängliche Spots, die kaum jemand kennt. Dort gehe ich surfen. Da sieht mich kaum einer.

SPIEGEL: Wenn Sie die Wellen jetzt für sich allein haben - bedeutet das, Sie profitieren von der Krise?

Steudtner: Als Berufsportler bin ich davon abhängig, dass ich trainieren kann. Und ein Surfer braucht zur Ausübung seines Sports nun mal die Wellen. Ich fahre alleine zum Strand, bin allein im Wasser. Ich gefährde niemanden.

SPIEGEL: Normalerweise sind an Tagen mit idealen Wellen vor allem die Reviere in der Nähe von Lissabon überfüllt mit Wellenreitern. Halten die Leute sich an das Surfverbot?

Steudtner: Im Großen und Ganzen schon. In Ericeira oder Peniche zum Beispiel, zwei absolute Surf-Hochburgen, sind an guten Tagen Hunderte im Wasser. Wenn ich jetzt die Webcams checke, die die Wellen dort zeigen, dann sehe ich nie jemanden in der Brandung. Auch hier in Nazaré sind die Spots leer. 

SPIEGEL: Werden die Strände kontrolliert?

Steudtner: Das ist kaum möglich. Die Polizei kontrolliert allenfalls besonders beliebte Strandbereiche. Ich habe auch schon davon gehört, dass Beamte ein paar einheimische Surfer, die einfach mal wieder raus aufs Wassen wollten, zurückgepfiffen haben. Die Jugendlichen wurden ermahnt und nach Hause geschickt. Denn wenn einer irgendwo rauspaddelt, fühlen andere sich vielleicht animiert.

Steudtner auf einer Welle in Nazaré - das Bild entstand 2018

Steudtner auf einer Welle in Nazaré - das Bild entstand 2018

Foto: Octavio Passos/ Getty Images

SPIEGEL: Wie gehen die Menschen in Portugal mit der Pandemie und den Einschränkungen des öffentlichen Lebens um?

Steudtner: Hier in Nazaré halten die Leute sich an die Regeln. Man geht nicht in großen Gruppen an den Strand. Im Supermarkt wird nicht gedrängelt. Die Solidarität ist groß. Ich kenne einheimische Surfer, die für andere Mitbürger einkaufen gehen. Ich mache das auch. In Nazaré leben viele Menschen vom Fischfang. Manche der älteren Fischer haben Lungenprobleme durch die jahrelange Arbeit bei Kälte auf See. Deshalb gehen sie nicht mehr vor die Tür, aus Angst vor einer Ansteckung. Um die Alten zu unterstützen, geben nun die jungen Fischer etwas ab von ihren Fangeinnahmen. Sowas ist hier selbstverständlich.

SPIEGEL: Wie ist Ihre Situation?

Steudtner: Als Profisurfer gehöre ich natürlich nicht zu denen, die besonders unter der aktuellen Lage leiden. Mir geht es gut. Ich kann arbeiten. Ich darf mit meiner Ausnahmegenehmigung hier in Nazaré auch in einem Fitnessstudio trainieren. Die einzige Einschränkung, die ich erfahre, ist, dass Reisen nicht möglich sind. Normalerweise halten Berufssurfer sich im europäischen Frühling und Sommer eher auf der Südhalbkugel auf, weil die Wellenbedingungen dort um diese Jahreszeit wesentlich besser sind. Ich komme hier aber nicht weg. Ich bin gewissermaßen gestrandet.

SPIEGEL: Etliche Sportler klagen über finanzielle Schwierigkeiten, weil Sponsoren abgesprungen sind. Geht es auch für Sie jetzt um die Existenz?

Steudtner: Ich lebe davon, Bilder von spektakulären Wellenritten zu produzieren. Das ist mir im Moment nicht möglich. Alle Wettkämpfe wurden abgesagt. Ich kann nicht dorthin reisen, wo aktuell die größten Wellen brechen. Das könnte langfristig zum Problem werden. Aber bislang ist keiner meiner Sponsoren abgesprungen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich komme klar. Mich plagen keine Zukunftsängste. Vor einigen Jahren habe ich mich noch mit Crowdfunding-Aktionen über Wasser gehalten. Sollte sich meine Lage wegen des Lockdowns irgendwann doch verschärfen, wird mir etwas einfallen. Ich bin Überlebenskünstler.

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