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VERMARKTUNG Seele im Ausverkauf

Marode Anlagen, frustrierte Trainer, emigrierte Stars - längst hat der Verfall des Sowjetreichs auch den Sport erreicht. Und dort, wo Vereine noch Renditen abwerfen, hat sich die Mafia eingenistet. Jetzt will Boris Jelzin den russischen Sport wieder zur »nationalen Idee« befördern.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Der Trainingsnachmittag im »Sportpark der jungen Pioniere« beginnt mit einem großen Knall. Einer der Schrotthändler, die sich in das Brachland des ehemaligen Radstadions eingenistet haben, hat gerade Restbenzin verpuffen lassen. In hohem Bogen fliegt der Kanister durch das brüchige Velodrom.

Die Kicker des Moskauer FC Katjuscha, die auf dem Kunstrasen des benachbarten Stadions ihre Runden drehen, geben sich unbeeindruckt. Vorgänge wie dieser bringen hier niemanden aus dem Tritt.

Man hat sich im Sportpark an allerlei gewöhnt. Zum Beispiel daran, daß vorn am Eingang des wenige Minuten vom Kreml entfernten Geländes neuerdings Limousinen westlicher Bauart den Besitzer wechseln und die Händler, junge Männer mit dunklen Sonnenbrillen, ziemlich empfindlich reagieren, wenn man ihnen beim Verkauf zuschaut. Neulich erst stürmte eine Sondereinheit der Polizei einen Eingang zur Stadiontribüne, der durch eine schwere Stahltür verrammelt war. Dahinter verbarg sich ein Nachtclub names »Titanic«, der, wie sich später herausstellen sollte, als einer der großen Drogenumschlagplätze Moskaus diente.

»Das ist die neue Zeit«, sagt Jurij Lwow, der Trainer des FC Katjuscha. Früher, daran kann er sich gut erinnern, war der »Sportpark der jungen Pioniere« ausschließlich eine Hochburg der Körperertüchtigung; noch 1980 wurde hier das olympische Hockeyturnier ausgetragen. Doch diese Blüten des Sozialismus sind lange verwelkt.

Die große Sportnation, die bis 1992 bei Olympischen Spielen 1345 Medaillen gewann, existiert nicht mehr. Und der Sportkomplex am Leningrader Prospekt ist nur ein Sinnbild für deren Untergang. Ob in der russischen Metropole, in Sibirien oder im südlichen Ural: Die Kaderschmieden der einstigen Großmacht sind heruntergewirtschaftet, die Kassen der Vereine leer.

Vor allem aber ist das sportliche Klima, das einst Höchstleistungen gedeihen ließ, gekippt. In den Stadien prügeln sich Hooligans. In den großen Clubs tobt der Machtkampf störrischer Funktionäre. Und dort, wo der Sport noch Rendite abwirft, hat sich die Mafia mit Mord und Erpressung ihren Platz erkämpft.

Für das Land, dessen Athleten über Jahrzehnte weltweit Maßstäbe setzten, bedeutet der Absturz eine Zäsur. Als Rußland noch zur Sowjetunion gehörte, galt der Sport als »die Seele des Landes«. Die Taten des Fußballtorwarts Lew Jaschin oder der Eiskunstläuferin Irina Rodnina wurden gefeiert wie das kulturelle Schaffen großer Künstler, etwa Tolstoi oder Tschaikowski.

Führende Politiker wollen jetzt die ruhmreiche Vergangenheit wiederbeleben. »Der Sport muß wieder das Gesicht dieses Landes werden«, fordert Schamil Tarpischtschew, Sportberater des mächtigen Moskauer Oberbürgermeisters Jurij Luschkow. An seiner Seite weiß Tarpischtschew, Mitglied des Nationalen Olympischen Komitees, den höchsten Mann im Land: Boris Jelzin sieht den Sport gar als geeignet an, der krisengeschüttelten Nation wieder »eine nationale Idee« zu verleihen.

Unweit des Kreml, in der früheren Zentralen Leichtathletikschule der Gewerkschaften, tut sich die Basis des russischen Sports schwer, den Vorstellungen der großen Lenker zu folgen. Es ist nachmittags zwei Uhr, auf dem Tisch des fensterlosen Konferenzraums steht eine Flasche Martini. Nach dem vierten Glas ist der Vorsitzende Alexej Kusmin, 70, in Revolutionslaune.

Früher, davon zeugen die Fotos an der Wand, bildete Kusmin hier Speerwerfer und Läufer aus, die später bei Olympia die Nation vertraten. Heute fühlt sich der Veteran »wie der Verwalter des Verfalls«.

An feuchten Decken wuchert Schimmel, aus verrotteten Rohrleitungen rinnt stinkendes Wasser, die Toilette ist seit Tagen kaputt. Und deshalb packt den Mann mit den tiefen Falten im Gesicht jetzt der heilige Zorn: »Hat Rußland uns vergessen?«

Der Hilferuf ist an eine Welt gerichtet, die Kusmin nicht mehr versteht. Zu Sowjetzeiten war der Sport noch nationale Angelegenheit. Mit den Rubel-Millionen der großen staatlichen Förderer - Gewerkschaften, Innenministerium und Militär - wurde das größte Leistungsimperium der Welt aufgebaut. Denn Sport war Politik mit anderen Mitteln. Und jeder Sieg kraftstrotzender Genossinnen und Genossen diente als Symbol für die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaft.

Doch dann kam die politische Wende, und der Sport verlor sein Mandat. Und als mit der Einführung der Marktwirtschaft Subventionen ausblieben, brach der Koloß in sich zusammen.

Dreihundert Sportschulen unterhielten die Gewerkschaften bis vor zehn Jahren - übrig sind noch zehn. Der Restbestand ist ebenfalls gefährdet: 60 Millionen Rubel waren 1998 im Staatshaushalt für den Erhalt von Leistungszentren vorgesehen, ausgezahlt wurden - eine Folge der Wirtschaftskrise - nur 18 Millionen.

Seither taumelt die Zunft der Steinzeit entgegen. Die großen Clubs wie Zenit St. Petersburg oder Dynamo Moskau können nur überleben, weil sie Teile ihrer Vereinsgelände verpachten. Selbst Spitzensportler ringen um ihre Existenz. Das Trainingslager für die Leichtathletik-Europameisterschaften in Budapest mußte die 800-Meter-Läuferin Jelena Afanasjewa streichen. Statt dessen tingelte sie von Wettkampf zu Wettkampf, um Geld für den Unterhalt ihrer Familie zu verdienen.

Die Zeitenwende hat viel Verwirrung hinterlassen, vor allem in ehedem privilegierten Kreisen. Hinter einem schweren Eichentisch sitzt einer der wichtigsten Männer im russischen Sport und zerlegt akribisch einen Prospekt in kleine Schnipsel. Oberst Alexander Baranowski tut das, während er darüber redet, wie gut es seinem Club ZSKA Moskau gehe. Am Ende der Laudatio zieht er dann aber doch ein anderes Fazit: »Es wäre besser, die alten Strukturen kehrten zurück.«

Denn früher war alles so einfach. Die Armee päppelte den Verein und holte sich die Sportler, die er brauchte, um erfolgreich zu sein. Baranowski: »Alles sehr übersichtlich.«

Jetzt ist alles kompliziert. Die Eishockeymannschaft, einst das Aushängeschild des Clubs, hat sich vor drei Jahren privatisiert. Seither firmiert sie unter dem Namen »Eishockey Club ZSKA GmbH« und macht ihr Geld in eigener Sache. ZSKA hat zwar auch noch ein Team, doch das muß sich die Eishalle mit den Abtrünnigen teilen.

Die Zwangsgemeinschaft verlief zuletzt nicht reibungslos. Baranowski, ein Mann, der es nicht gewohnt ist, Widerstände zu tolerieren, untersagte der Konkurrenz beleidigt den Zugang und ließ die Halle von Soldaten abriegeln. Der Streit mündete zunächst in eine Schlägerei, jetzt geht die Sache vor Gericht.

Der Mann, der sich nun berufen fühlt, dem Sport moderne Impulse zu geben, ist, zumindest was Teile seiner Vita betrifft, eine Idealbesetzung. Schamil Tarpischtschew, 50, stand im sowjetischen Daviscup-Team, er gab Boris Jelzin Trainerstunden, und wenn er über seine Aktivitäten spricht, krempelt er die Hemdsärmel hoch, um Entschlossenheit zu demonstrieren.

Vor allem aber ist Tarpischtschew Visionär. Daß Moskau demnächst ein Disneyland hat, ist für ihn genauso sicher wie die Zusage von Formel-1-Chef Bernie Ecclestone, ab 2001 regelmäßig mit sei- nem Rennzirkus in der Metropole zu gastieren. Nicht weniger optimistisch blickt er auch als IOC-Mitglied einer Olympiabewerbung Moskaus für 2012 entgegen. Wie er das alles finanzieren will, verrät Tarpischtschew nicht.

Aber darum geht es ja auch gar nicht. »Es geht darum, hier etwas anzuschieben, um neue Energie freizusetzen«, sagt Tarpischtschew. Denn der Sport leidet nicht nur am finanziellen Chaos und spätkommunistischer Funktionärspolitik: Sportverdrossenheit hat das Land ergriffen.

Die Ablehnung trifft vor allem die klassischen Formen der Körperertüchtigung wie Leichtathletik oder Turnen. Denn sie sind Sinnbild für eine Zeit, als der durchtrainierte Athlet noch das von der Politik propagierte Menschenideal verkörperte - und ein ganzes Volk die Annäherung an das Vorbild mit Liegestützen und Dauerläufen zu vollziehen hatte.

Zum anderen hat eine kollektive Go-West-Mentalität den Sport erreicht. Die Jugend steht auf Inline-Skating und Streetball. Nationale Idole gibt es nicht mehr. Seit die Fernsehstationen Fußball aus Italien und Basketball aus der amerikanischen NBA in die Wohnstuben transportieren, heißen die Helden Ronaldo oder Michael Jordan.

Die Auswirkungen des Wertewandels bekommen vor allem die Proficlubs zu spüren. Dynamo Moskau, einst einer der Branchenführer im Fußball, spielt heute im Schnitt vor 3000 Fans. Selbst die Nationalsportart Eishockey leidet unter Zuschauerschwund, weil die Darbietungen an Qualität eingebüßt haben. 300 der besten russischen Eishockeycracks spielen im Ausland.

Die Hinwendung zum Kapitalismus soll Vereinen und Verbänden nun aus dem Dilemma helfen. Champions-League-Teilnehmer Spartak Moskau wird gesponsert von Sony. Der Fußballverband schloß einen Vertrag mit Coca-Cola ab.

Mancherorts hat die Öffnung zu pikanten Konstellationen geführt. Neben der Eissporthalle des Armeesportclubs ZSKA Moskau, einst sportliches Bollwerk des Sozialismus, hat sich der Stuttgarter Nobelkarossenbauer Daimler-Benz einquartiert. Die Schwimmhalle, einst nur für Angehörige der Armee zugänglich, ist heute eine öffentliche Badeanstalt mit extraordinären Details. Es gibt Sauna-Separées mit Whirlpool, Kabelfernsehen und Minibar. Kosten pro Stunde: 150 Dollar.

Die Kathedrale der neuen Reichen wurde genau zwischen die Bauten von Dynamo und ZSKA gepflanzt. Im »Gold's Gym«, Lizenznehmer einer amerikanischen Fitneßkette, trimmen sich jene, die es geschafft haben im umgewälzten Rußland. Der Jahresbeitrag für die Muskelbude aus Glas und Marmor beträgt 2495 Dollar und liegt damit weit über dem Jahreseinkommen eines Fabrikarbeiters.

Vor dem Club parken ausnahmslos edle Automobile. Die Damen, die an den 80 Kraftmaschinen Work-out für Bein und Po betreiben, stolzieren in Textilien von Versace herein und duften nach Chanel. Die Herren tragen ihr Geld in dicken Bündeln in der Hosentasche.

Die Realität spiegelt diese Welt zwischen Nike und Gucci, Mineraldrinks und Tequila Sunrise nicht wider. Die zeigt sich eher, wenn Gewerkschaftsmann Kusmin in seiner Sportschule mit bebender Stimme erzählt, daß er neulich ein Trainingslager absagen mußte, weil die Jugendlichen, die gemeldet hatten, Anzeichen von Unterernährung aufwiesen. Kusmin zweifelt seither am großen Ganzen: »Wir sind dabei, eine ganze Generation zu verlieren.«

Es gab Versuche, die Lage zu verbessern. Doch die Sportbewegung »21. Jahrhundert«, ein Zirkel hochrangiger Politiker und Unternehmer, stellte ihre Arbeit ein, nachdem der Co-Präsident Otari Kwantrischwili vor der Sauna von einem Mafiakiller erschossen wurde. Das Geld, das der »Nationale Sportfonds« (NSF) zum Beispiel über Außenhandelsgeschäfte und Lotterien eingesammelt hatte, erreichte selten die Vereine und Verbände, sondern versickerte in dunklen Kanälen. Mittlerweile beschäftigt der NSF nur noch die Gerichte: Im Zentrum der Untersuchungen steht ein Messer-Attentat auf den Präsidenten Boris Fjodorow, der seither ein Krüppel ist.

Der neueste Anlauf der Politik taugt auch nicht gerade, den Sport von seinem schlechten Ruf zu befreien. Um den Vereinen Einnahmen zu ermöglichen, erteilten ihnen die Behörden die Erlaubnis zum steuerfreien Warenhandel auf dem Sportgelände. Seitdem ziehen die Clubs gewiefte Geschäftemacher an.

Der Ort, der das neue wirtschaftliche Herzstück des Armeesportclubs ZSKA Moskau darstellt, wird von Ordnern mit Schlagstöcken bewacht. Früher verrichteten in der Leichtathletikhalle von ZSKA Springer und Sprinter Schweißarbeit. Heute durchweht das Bauwerk, das doppelt so groß ist wie die Olympiahalle in München, eine Duftmischung aus Parfüm und Leder.

Bis zu 100 000 Menschen nutzen täglich die Gelegenheit zum Einkaufsbummel im sportiven Ambiente. An 612 Verkaufsständen wird von Damenunterwäsche über edles Schuhwerk bis hin zum Pelzmantel für 12 000 Mark schier alles verkauft.

Daß die Ware, die in der größten Shoppingmeile Moskaus feilgeboten wird, oft über illegale Handelswege nach Rußland kommen soll, stört Clubchef Baranowski nicht. Für ihn zählen die Standgebühren der Aussteller, die die Clubkasse füllen: »Das ist die Zukunft.«

Wie tief die Organisierte Kriminalität ihre Finger schon im Sport hat, darüber redet ohnehin niemand gern. Seit der Präsident des Eishockeyverbandes auf offener Straße erschossen wurde, weil er sich gegen den Einfluß der Ganoven wehrte, herrscht ein Klima der Angst. Insider hegen jedoch keinen Zweifel, daß die Mafia bei Spielertransfers mitverdient und mit illegalen Wettgeschäften ihren Reibach macht.

Im »Sportpark der jungen Pioniere« hat die Stadt jetzt durchgegriffen. Der Nachtclub »Titanic« wurde geschlossen, und die Autohändler werden jetzt wenigstens ab und an von der Polizei aufgeschreckt.

Lwow, der Coach des FC Katjuscha, traut »dem Frieden aber nicht«. In die Rückseite der Tribüne rammen Arbeiter gerade ein Etablissement, das wieder nichts mit Sport zu tun hat und zu einem Anziehungspunkt der Moskauer Unterwelt werden könnte: Im Bau ist ein Spielcasino.

GERHARD PFEIL

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