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Radrennen Seide und Helium

»Das schafft Eddy Merckx nicht«, bezweifelte Ex-Weltmeister Rudi Altig die Chance des belgischen Serien-Siegers, den Stundenweltrekord zu brechen – die äußerste Herausforderung im Radsport.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Den wertvollsten Weltrekord im Radsport ermöglichen nur noch unabdingbare Voraussetzungen: ein Spezialrad von ungefähr sechs Kilo Gewicht, etwa 100 Gramm schwere, helium-gefüllte Seidenreifen, eine Piste von Edelholz aus Kamerun. Windstille -- und kein Pannenpech.

Noch im Oktober will Belgiens Nationalheros Eddy Merckx den Stundenweltrekord angreifen. In 60 Minuten müßte er mehr als der dänische Rekordinhaber Ole Ritter -- 48 653 Meter -- zurücklegen. Merckx spurtete schon zur Weltmeisterschaft, deklassierte die Konkurrenz in fast 350 Rennen und siegte viermal in Reihenfolge im schwersten Etappenrennen der Welt, der Tour de France.

Doch wenn sein Ehrgeiz ans Ziel gelangen soll und er als erfolgreichster Fahrer der Welt anerkannt werden will, muß er den Stundenweltrekord stürzen.

Unter der selbst für Fachidioten verwirrenden Vielfalt von Bestleistungen in der Radbranche. Kurzstreckenrekorden mit fliegendem Start, Rekorden von einem bis zu 100 Kilometern, in der Halle und auf ungedeckten Bahnen, hinter motorisiertem Schrittmacher oder solo, für Profis und Amateure, von allen zählt nur eine Leistung wirklich -- die längste in einer Stunde gefahrene Strecke.

Schon 1898 war der Amerikaner Hamilton 40,781 Kilometer in einer Stunde gestrampelt. Trotz superleichter Rennmaschinen und federnden Edelholzpisten stieg die Stundenleistung in 70 Jahren bis zu Ritters Rekord von 1968 nur um etwa 20 Prozent.

»Ein solches Unternehmen erfordert Generalstabsarbeit«. beschrieb Raphael Geminiani, der den Franzosen Jacques Anquetil bei seinem Rekordversuch 1967 betreute. »Wir dürfen nichts dem Zufall überlassen.« Auch Anquetil -- fünfmaliger Tour-Sieger -- wollte seine Karriere wie vor ihm Coppi mit dem Stundenweltrekord krönen. Tatsächlich fuhr er weiter als sein Vorgänger Roger Rivière. der allerdings zugegeben hatte, sich dazu mit Amphetaminen aufgeputscht zu haben.

Inzwischen hatte der Weltverband UCI Aufputschmittel offiziell verboten. Anquetil verweigerte jedoch den Doping. Test. Sein Betreuer feuerte den italienischen Doping-Arzt Dr. Giuliano Mareno aus der Kabine. Sein Stundenrekord wurde nicht anerkannt.

Dann machte sich Ritter 1968 als erster den Höheneffekt in der 2240 Meter hoch gelegenen Olympiastadt Mexico City zunutze. Er akklimatisierte sich vier Wochen und raste in der zwar sauerstoffärmeren, aber auch weniger Widerstand bietenden Höhenluft 560 Meter weiter als sein Rekordvorfahrer Ferdinand Bracke aus Belgien.

Die Rekordanwärter müssen die Stunde ohne Konkurrenten im Alleingang durchstehen. Sie halten sich statt dessen an eine genaue Rundentabelle. Ritter hielt seine Rundenzeiten fast auf Zehntelsekunden ein und verfehlte seine Planzeit nur um insgesamt zwei Sekunden, die er verlor, als zeitweilig etwas Wind aufkam. Er hatte eine so große Übersetzung gewählt, daß er mit einer Pedalumdrehung 7.69 Meter zurücklegte. Der Rekord brachte ihm etwa 250 000 Mark.

Bracke wollte seinen Rekord zurückholen. Für 50000 Mark verfrachtete er Rennleiter, Masseur und Mechaniker nach Mexiko. Er verzollte Sonderverpflegung und mehr als 100 Flaschen Mineralwasser. Die Autofirma Peugeot setzte eine Sonderprämie aus. Vergebens, Bracke scheiterte.

Einen Fehlschlag prophezeit die Branche auch Merckx, dessen Vorderrad nur noch 24 Speichen stabilisieren sollen. In dieser Woche wollte er in Mailand seinen ersten Rekordversuch riskieren. Sind die Voraussetzungen zu ungünstig, versucht es Merckx in Mexico City.

»Darauf muß man sein Programm monatelang abstellen«, rügte der frühere Weltmeister Altig. »Da kann er nicht von einem Zeitfahren aus dem Sattel steigen und auf der Rennbahn rumflitzen.

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