Judotrainer wegen Missbrauchs verurteilt Kein Geständnis, keine Kooperation, keine Entschuldigung

Das Landgericht Berlin hat einen Judotrainer wegen zum Teil schweren sexuellen Missbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt. Das Gericht nahm dem Angeklagten nicht ab, Opfer einer Verschwörung geworden zu sein.
Aus Berlin berichtet Markus Sutera
Nach verlorenen Kämpfen wurden die Judoka von Martin K. geschlagen

Nach verlorenen Kämpfen wurden die Judoka von Martin K. geschlagen

Foto: Rudolf Vlcek / Moment RF / Getty Images

Der Andrang vor Saal B 129 des Berliner Kriminalgerichts war so groß, dass einige vor der Tür warten mussten. Die Zuschauer drinnen ließen je einen Sitzplatz frei, sie trugen einen Mund- und Nasenschutz. Unter ihnen Eltern. Aber auch die Jungen und Männer selbst, Judoschüler, von denen die meisten längst aufgehört haben mit dem Sport. Sie waren von ihrem Trainer Martin K. jahrelang brutal geschlagen, genötigt oder schwer sexuell missbraucht worden.

Mit dunklem Pullover und eckiger Brille stand dieser hinter einer Glasscheibe. Er nahm das Urteil mit unbewegter Miene zur Kenntnis. »Der Angeklagte Martin K. ist des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in 20 Fällen schuldig«, sagte der Vorsitzende Richter Norbert Nowak, den Blick auf den 43-Jährigen gerichtet. »Sie verschließen Ihre Augen davor.«

K. wird für sieben Jahre seine Freiheit verlieren. Bis zuletzt hatte er jede Schuld von sich gewiesen. Er sei das Opfer gewesen, die Jungen – heute zwischen 16 und Mitte 20 – hätten sich gegen ihn verschworen, sagte er. Richter Nowak hielt das für eine Schutzbehauptung. 

Allein eine halbe Stunde lang dauerten die Ausführungen des Gerichts zu den einzelnen Taten an. Mehrere hielten es nicht aus. Sie mussten rausgehen, als Richter Nowak von Oral- und Analverkehr sprach, von Vergewaltigung, von Schlägen und davon, dass der Verurteilte drohte, die Judoka aus dem Verein zu werfen, sollten sie sich wehren. 

Die Übergriffe fanden in einem Zeitraum von 13 Jahren statt. Die Taten geschahen in der Umkleidekabine, auf Turnierfahrten, der Flughafentoilette, der eigens angemieteten Wohnung in Berlin. Auch in seinem Ferienhaus in Schweden, wohin er regelmäßig zu Trainingslagern einlud. Dort konnten die Judoka für einen Pauschalpreis von 600 Euro pro Woche zuzüglich Stroms »in eigenen Zelten oder in originalen, beheizbaren Militärzelten« übernachten, hieß es in einem Flyer.           

Den Betroffenen bleibt die Aussage nicht erspart

Der Verurteilte K. hatte den Verein in Tegel 2007 selbst gegründet. Bis zu seinem Ausschluss Ende vergangenen Jahres war er unter anderem Vorsitzender, seine Frau Kassenwartin, sein Stiefsohn ebenfalls Trainer. Einen Monat nach der ersten Verhaftung im November 2019 wurde von einer weiteren Untersuchungshaft bei K. abgesehen. Danach gab er erneut Training. Nach weiteren Vorwürfen eines Jungen gab es Ende März eine zweite Anklage und K. musste zurück ins Gefängnis. 

Es war ein eigenartiger Prozess, der seit dem 21. April an 28 Tagen vor dem Landgericht in Berlin verhandelt wurde. K. saß dabei meist hinter einer Glasscheibe. Er schrieb oft mit. Mal flüsterte er seinem Verteidiger durch die Sprechluke zu. Seine Auftritte wirkten routiniert, wohl auch, weil ihm das Moabiter Kriminalgericht vertraut war. K. ist Rechtsanwalt und verteidigte auch in Strafprozessen. Auch im laufenden Prozess verteidigte er mitunter sich selbst, befragte Zeugen. 

Der Angeklagte Martin K. bei einer Verhandlung im Mai

Der Angeklagte Martin K. bei einer Verhandlung im Mai

Foto: Olaf Wagner / imago images

Weil K. als Angeklagter alle Taten bestritt und kein Geständnis abgelegt hat, traten auch die sieben Jungen und Männer über Wochen hinweg vor dem Gericht als Zeugen auf. Sie mussten zum jeweiligen Tathergang aussagen, die Folgen schildern, die die Gewalthandlungen für sie hatten und noch immer haben. Jedes Mal, mit jedem Prozesstag, ging es um neue Details. 

Gekuschelt, gestreichelt, vergewaltigt

Nach verlorenen Kämpfen wurden die Jungen, zur Tatzeit teilweise unter 14 Jahre alt, häufig geschlagen. Nach gewonnenen Kämpfen kam es auch zu Vergewaltigungen. Ein Junge hat sich vor K. aufs Bett legen und seinen Mund öffnen müssen, einem anderen hat er gesagt: »Dein Körper gehört jetzt 20 Minuten mir.« Jahrelang haben die Judoka nichts gesagt. Nichts zur Polizei, nichts zu ihren Eltern, nichts zu K. selbst.  

»Der Angeklagte ist nach Ansicht der Kammer für die Geschädigten eine Art Vaterfigur gewesen«, ordnet Gerichtssprecherin Lisa Jani im Gespräch mit dem SPIEGEL das Urteil ein.  Er habe beispielsweise durch das Übernehmen von Erziehungsaufgaben sehr viel Vertrauen genossen, auch bei Eltern. 

Der Judotrainer habe auch über die familiären Situationen Bescheid gewusst. Das sagt der Vater eines betroffenen Jungen, der anonym bleiben möchte. Er selbst habe K. als Vertrauten gesehen, beinahe als Freund, ihn für sein Judotraining bewundert, aber auch für sein unermüdliches Engagement, die Kinder anzuspornen. Und zwar nicht nur für ihre sportliche, sondern auch für ihre schulische Verbesserung. 

Judoka sollten sich zwischen Eltern und Trainer entscheiden

Der Trainer hat mit den Kindern Privates ausgetauscht: Schulnoten, Urlaube, Probleme innerhalb der Familie. Es ging sogar so weit, sagte Richter Nowak, dass einige Familien ihren Urlaub zeitlich nach den Wünschen des Trainers richteten, sodass beim Judo möglichst kein Termin verpasst wurde. 

Von einem Jungen glaubte K., dass nur er ihn ganz nach oben bringen könne. Deshalb hätte er rausgemusst aus dieser Familie, weg von diesen Eltern, die ihm seinen Sport, sein Ein und Alles kaputt machen wollten. Auch sollten einige Judoka einen entsprechenden Vertrag unterschreiben, sich zwischen ihrer Familie und ihm, dem Trainer, entscheiden. Richter Nowak bezeichnete dieses Verhalten als »Wechselspiel aus Anerkennung, Zuneigung und Kontrolle«. 

Der Vater des betroffenen Jungen denke heute ganz anders über K. Er sei entsetzt über die Taten und darüber, selbst nichts bemerkt zu haben. Er habe sich schwere Vorwürfe gemacht, sich gefragt, wie es dem Täter gelingen konnte, unbehelligt damit durchzukommen. 

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig

Durch das Urteil hoffe er, dass die Jungen und ihre Familien damit abschließen können. Er sagt: »Ich bin froh, dass es vorbei ist. Also hoffentlich.« Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht, den Opfern wurde teilweise Schmerzensgeld in noch zu klärender Höhe zugesprochen.

In der Haft könne der Verurteilte das Geschehene aufarbeiten, so Richter Nowak. Für den Angeklagten sprach letztlich nicht viel. Und gegen ihn? Kein Geständnis, keine Kooperation, keine Entschuldigungen bei den Betroffenen.

Nach der Urteilsverkündung verließ Martin K. wortlos den Saal. Er hat darauf vertraut, dass auch all seine Judoschüler schweigen werden. Er hat sich geirrt.

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