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So jäh wie nie

Fußballkaiser Franz Beckenbauer will nicht Bundestrainer werden. Noch in dieser Woche muß er sich entschließen, ob er auswandert -- in die USA.
aus DER SPIEGEL 17/1977

Den Marshall-Plan für verdiensthungrige Fußballer aus Europa gibt es nicht«, berichtete der Münchner Bayern- und Beckenbauer-Manager Robert Schwan. Letzten Dienstag kehrte er mit seinem Klienten Franz Beckenbauer aus New York zurück, wo sie mit dem US-Profiklub Cosmos New York über den Ankauf des deutschen Fußballkaisers verhandelt hatten.

Cosmos soll laut »New York Times« bereit sein, 6,2 Millionen Dollar für Beckenbauer zu zahlen. Vertragszeit: drei Jahre. Der brasilianische Weltmeister Pelé hat in den letzten drei Jahren jährlich fast vier Millionen Mark kassiert. Schwans Kommentar, als ihm die Pelé-Einkünfte vorgehalten wurden: »Dann sind wir bei der falschen Firma gewesen, die können doch auch zwei und zwei zusammenrechnen, jedenfalls haben sie alle diese Summen für Unsinn erklärt.«

Schwans Beteuerungen könnten jedoch schon eine erste Maßnahme sein, Beckenbauers Dollarmillionen vor dem Steuerzugriff zu bewahren. Denn der US-Fiskus nimmt etwa 70 Prozent der Gelder, die Cosmos gibt.

Trotz der laut Schwan »weitaus geringeren Summe« als sieben Millionen Mark ("Bild") jährlich will Beckenbauer noch im Mai zu Cosmos wechseln, falls Bundestrainer Schön ihn weiterhin in der Nationalmannschaft aufstellt. Denn ohne WM-Teilnahme würden viele Verträge platzen. Auch die Offerte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), in absehbarer Zeit Bundestrainer zu werden, für 10 000 Mark monatlich und auch mehr, reizt Beckenbauer nicht.

Doch Beckenbauers US-Pläne will Bayern-München-Präsident Wilhelm Neudecker durchkreuzen. Sein Spielführer soll vertragsgemäß bis 1979 für den FC Bayern München kicken. Neudecker hält es durchaus für möglich, daß Beckenbauer sieben Millionen Mark bei Cosmos erhalten könnte, weil der Marktwert des 3ljährigen allein aus Altersgründen höher ist als der von Pelé, 36. »Leider ähnelt ja unsere Bayern-Mannschaft schon lange mehr der Weltbank als dem Weltpokalsieger.«

Vor zehn Jahren hatte Neudecker den Versicherungsagenten Schwan als Klubmanager engagiert, »um Tag und Nacht einen Mann bei der Mannschaft zu haben«. Schwan hütete die Bayern so gut, daß Star Beckenbauer zusätzlich noch auf eigene Rechnung sein Klient wurde. Lukrative Werbegeschäfte, von Schwan vermittelt, verdoppelten und verdreifachten Beckenbauers Fußballeinkünfte, so daß er insgesamt eine Million und mehr Mark jährlich einnahm.

Neudecker hatte Schwans doppeltes Management ("Das spaltet die Belegschaft und sät Mißtrauen") zwar abgelehnt, konnte es jedoch nicht verhindern. Solange der FC Bayern München stark genug war, außer dem Weltcup noch viermal den Europapokal und je viermal die Deutsche Meisterschaft und den deutschen Pokal zu gewinnen, lehnte Beckenbauer häufig Angebote in Höhe von vier und fünf Millionen Mark aus Frankreich und dem Steuerparadies Spanien ab, obwohl dort nur 20 Prozent des Einkommens abgeführt werden müssen.

Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1974 überredete Beckenbauer den amtsmüden Bundestrainer Helmut Schön, noch bis zum WM-Turnier 1978 im Amt zu bleiben. Gerührt willigte Schön ein. Schwan besorgte sofort für Beckenbauer neue WM-Werbeverträge, so zum Honorar von 300 000 Mark ein Bilderbuch, von dem jedes Exemplar ein Original-Beckenbauer-Autogramm enthält.

Wegen des erfolgreichen Schwan-Handels setzte sich sogar die Steuerfahndung auf die Spur des Stars und seines Managers. Unangemeldet durchsuchten sie die Wohnungen von Schwan und Beckenbauer. Beckenbauer veräußerte seine Grünwalder Villa (5000 Quadratmeter Grund) für 1,6 Millionen Mark und mietete sich für 3500 Mark monatlich ein rasch kündbares, kleineres Anwesen.

In dieser Phase lockte das bald ein Jahr alte Cosmos-Angebot aus New York »so jäh wie nie« (Schwan). Zu den Finanziers des Pelé-Klubs gehört die Filmgesellschaft Warner Brothers ("Der Exorzist"). Nebenverdienste wie für Pelé, der im Herbst aufhört, stellt Warner auch Beckenbauer in Aussicht. Beckenbauer: »Noch einmal bietet mir das keiner.«

Seit Pelé für Cosmos spielt, kamen statt 21 278 Zuschauer im ersten Einsatz zuletzt mehr als 50 000. In Las Vegas gingen dreimal so viele Sportfans zum Fußballspiel von Cosmos als zum fast zeitgleich stattfindenden Tennismatch des Jahres Jimmy Connors gegen Ilie Nastase, wo 13 000 Besucher gezählt wurden.

Pelés Auftritte lockten erstmals Zehntausende von US-Sportfans auch in die Arenen der 20 Fußballklubs, die zwischen April und August um den US-Titel spielen. Obwohl Cosmos mit Pelé noch nicht Meister geworden ist, übertrug die TV-Station CBS erstmals Fußballspiele live -- die von Cosmos. »Wir kaufen die 120 besten Spieler der Welt, inklusive Beckenbauer«, verriet Phil Woosnam, Präsident der US-Fußballiga. »Nur müssen wir ihn hier umtaufen, vielleicht in Baker.«

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