Jaksche-Beichte "Nur wer dopt, gewinnt"

Ist der Radsport mafiös? Nein, sagt Profifahrer Jörg Jaksche im letzten Teil seiner Doping-Beichte im SPIEGEL. Dann müsste sich niemand, der manipuliert, Sorgen machen - und Schweigen würde belohnt. Laut Jaksche ist der Radsport aber skrupellos.


SPIEGEL: Wie haben Sie von der Razzia und den Verhaftungen im Rahmen der Operación Puerto erfahren?

Jaksche: Wir waren im Trainingslager in der Nähe von Santander in Nordspanien. Abends gegen 18 Uhr, nach dem Training, sagte unser Busfahrer: Manolo und Eufemiano sind verhaftet worden. Mehr wussten wir nicht. Ich habe erst mal eine Dusche genommen, ich war ziemlich durcheinander: Wieso werden die verhaftet? Wir wussten nicht, dass es illegal ist, was wir taten. Ich habe Fuentes mal gefragt, was eigentlich passiere, wenn er von der Polizei angehalten wird und Blutbeutel im Auto hat. Nichts, hat er gesagt, weil es kein Gesetz gibt, das ihm diese Arbeit verbiete. Am nächsten Tag jedenfalls waren die Zeitungen voll, ich bin dann abgehauen. Nach Bilbao zum Flughafen und dann zurück nach Hause, über Paris. Ich war in meinem Leben noch nie so glücklich, französischen Boden zu betreten.

Ex-Telekom-Profis Ullrich (l.), Riis (1998): Skrupelloser Radsport
DPA

Ex-Telekom-Profis Ullrich (l.), Riis (1998): Skrupelloser Radsport

Jaksche trat, trotz Angst, dass alles auffliegt, bei der Tour de Suisse an. Er war nervös, er hatte fünf Kilo abgenommen. Jan Ullrich siegte, Zweiter wurde der Spanier Koldo Gil und Dritter Jaksche. Auf den Fotos der Siegerehrung sieht er ziemlich klapprig aus, das Trikot schlabbert, er wog höchstens 65 Kilo. "Ich sehe schrecklich aus", sagt Jaksche.

Einen Tag vor der Tour de France veröffentlichte eine spanische Zeitung eine Liste mit 37 Kunden von Fuentes, die aus den Akten zusammengestellt worden war. Die beiden Tour-Favoriten Basso und Ullrich waren dabei, und auch Jörg Jaksche. Ullrich und sein Teamkollege Oscar Sevilla sowie der Sportliche Leiter Rudy Pevenage wurden vom Team T-Mobile suspendiert. Der Untersuchungsbericht der Guardia Civil über die Kunden von Fuentes machte die Runde.

Jaksche: Die Angaben in den Akten stimmen nur zum Teil. Die Nummer 20 gehörte zum Beispiel bis 2005 einem anderen Fahrer. Die spanischen Ermittler gehen davon aus, dass ich auch unter dem Namen "Jorge" geführt wurde, was nicht stimmt. Und es hat sich außerdem herausgestellt, dass es keinerlei Filmaufnahmen von mir gibt. Was die spanische Polizei gefunden hat, war eine Visitenkarte von Doktor Merino Batres, dem Helfer von Fuentes. Batres ist über 70 Jahre alt und ein bisschen senil. Bei jedem Treffen hat er sich immer wieder neu vorgestellt und auch jedes Mal erzählt, dass er zum Skifahren nach Tirol fährt. Der war so durcheinander, dass er sich Codenamen und dazugehörige Nummern auf einer Visitenkarte notieren musste, und die wurde gefunden bei der Razzia. Ich will nichts zerreden, aber man muss schon sagen, dass die spanische Polizei merkwürdig schlampig gearbeitet hat, die wollten vor der Tour noch schnell etwas raushauen.

SPIEGEL: Hat es Sie überrascht, wer alles auf der Liste steht?

Jaksche: Ja. Aber noch mehr hat mich überrascht, wer alles nicht draufsteht - bei all dem Wissen, das jetzt bekannt ist. Es gibt auch unterschiedliche Versionen dieser Liste, plötzlich fehlten Namen. Da hat es eine Selektion gegeben. Am Ende standen fast nur die Fahrer aus meinem Team Liberty Seguros drauf und ein paar Große wie Ullrich oder Basso.

SPIEGEL: Die UCI behauptet, es gebe von ihr nur eine Liste. Der spanische Fahrer Alejandro Valverde beispielsweise fehlt dort. In Fuentes Tiefkühlschrank wurde ein Blutbeutel gefunden, der mit dem Codenamen "VALV.(PITI)" beschriftet ist und in dem sogar Epo-Spuren gefunden wurden. Piti ist der Name von Valverdes Schäferhund.

Jaksche: Name, Codename, Blutbeutel und Blutbeutel mit Epo - das ist der Super-GAU.

SPIEGEL: Aber warum sollte jemand Valverde schützen?

Jaksche: Wenn es so sein sollte, dann gibt es wohl sportpolitische Interessen, weil er Spaniens große Radsporthoffnung ist.

SPIEGEL: Und Jan Ullrich?

Jaksche: Gewundert hat mich damals gar nichts mehr, selbst wenn der König von Spanien auf der Liste gestanden hätte.

SPIEGEL: Können Sie sich einen anderen Grund vorstellen, Blutbeutel im Kühlschrank von Fuentes zu lagern, außer um sie zum Doping einzusetzen?

Jaksche: Höchstens für den Stierkampf.

SPIEGEL: Hat sich Fuentes noch einmal bei Ihnen gemeldet?

Jaksche: Im September, vier Monate nach der Operación Puerto, bekam ich eine SMS von Fuentes: "Hallo, hier ist ein alter Freund von dir, melde dich mal." Wir haben dann zwei, drei Minuten miteinander geredet. Er war ganz gelassen, was seine Zukunft betrifft, aber er hat sich auch entschuldigt, weil er wusste, in was für einer Situation ich mich befand.

Nach der Operación Puerto zog sich Liberty Seguros, der Sponsor von Jaksches altem Team, zurück. Jaksche wurde schließlich arbeitslos. In der Öffentlichkeit leugnete er weiterhin jedes Doping. Die Versuche, ein neues Team zu finden, scheiterten. Einerseits fehlten dem Weltradsportverband zwar die Beweise für eine Sperre, andererseits wollte keines der größeren Teams ihn anstellen, weil die Veranstalter der großen Rennen keinen Fahrer von der Fuentes-Liste fahren lassen wollten. Als Jaksche schließlich in einem Interview mit einer Presseagentur im März vom Aufhören spricht, meldeten sich danach fast alle Teamleiter und Sportdirektoren seiner Karriere: Gianluigi Stanga, Bjarne Riis, Manolo Saiz.

Jaksche: Es gab das Gerücht, dass ich rede, und das hat wohl viele beunruhigt. Bjarne Riis zum Beispiel sagte mir, er könne mir nicht helfen, er könne ja nichts dafür. Und er sagte, dass es ihm leid tue. Alle behaupten immer, dass der Radsport mafiös sei. Aber dieser Vergleich stimmt nicht. Die Mafia kümmert sich um ihre Leute, um ihre Familien. Wenn einer zurückbleibt, muss er sich keine Sorgen machen. Wäre der Radsport eine Mafia, würden sie sagen: Halt ein Jahr lang deine Klappe, und danach stellen wir dich zu guten Konditionen wieder ein. Aber der Radsport ist nicht mafiös, der Radsport ist skrupellos.

Seit zweieinhalb Monaten hat Jaksche einen neuen Rennstall. Es ist so etwas wie ein Gnadenbrot. Das Team Tinkoff gehört dem russischen Millionär Oleg Tinkoff, es ist ein zweitklassiges Team, das nicht zur Tour de France eingeladen ist. Jaksche bekommt ein Mini-Gehalt für einen Radprofi: 37.500 Euro. Er hat für das Team nur ein paar kleinere Rennen fahren dürfen, die Lothringen-Rundfahrt gewann er, bei der Euskal Bizikleta wurde er Zweiter. Jaksche sagt, dass er nicht mehr dopt.

Acht Stunden lang redet Jaksche an diesem Freitag im Hotel Universo in Lucca. Irgendwann am Nachmittag klingelt sein Handy. Es ist Gianluigi Stanga, der Chef des Teams Milram. Der Radsport ist eine kleine Welt, in der sich Gerüchte schnell rumsprechen. Seit Wochen schon gilt Jaksche als Bedrohung. Stanga hat gehört, dass Jaksche mürbe geworden ist.

Das Telefonat hat einen freundlichen, ruhigen Ton. Stanga ist keiner dieser hemdsärmeligen Teamleiter, er trägt feine Anzüge und hat gute Manieren. Man könnte sagen, dass er Jaksche einlullen, ihm Hoffnung machen will, dass bald alles vorbei sei mit der Operación Puerto und wieder Ruhe einkehre. Er sagt auch, dass sich alle Teamleiter demnächst zusammensetzen wollten und er sich für eine Amnestie einsetzen werde, damit die Fuentes-Fahrer wieder starten dürfen. Nur noch die deutschen Teams, Gerolsteiner und T-Mobile, verhinderten, dass die Operación Puerto endlich ad acta gelegt werde. Stanga droht ihm nicht, er kann ihm nicht drohen, womit auch? Jaksche hat nichts mehr zu verlieren.

In den beiden vergangenen Wochen, seit dem Treffen in Lucca, hat er mehr als 40 Anrufe bekommen. Teamleiter, Masseure, Fahrer - es gibt nicht viele, die ihn unterstützen, ein paar drohen ihm, dass es für ihn keinen Weg zurück geben werde. Jaksche versucht trotzdem, sein Trainingspensum einzuhalten, sechs Stunden, jeden Morgen.

Jaksche: Das sind dann die Momente, in denen man nachdenkt. Und man sich fragt, ob die Entscheidung zu reden richtig ist oder nicht. Ich weiß, dass diese Entscheidung sehr weitreichende Konsequenzen haben kann. Ich habe Angst davor und immer noch Zweifel, ich werde sie auch haben, wenn die Geschichte erschienen ist. Ich mag Bjarne und Stanga und die anderen, ich möchte ihnen keinen Schaden zufügen. Bjarne steckt dieses Jahr 500.000 Euro in das Anti-Doping-System seines Rennstalls CSC. Das ist sein persönliches Geld und nicht, wie bei T-Mobile, das Geld eines Konzers.

SPIEGEL: Warum macht Riis das erst jetzt?

Jaksche: Weil er begriffen hat, dass sich etwas ändern muss, denn sonst geht der ganze Sport vor die Hunde. Natürlich ist das eine wirtschaftliche Entscheidung, natürlich will er weiter Geld verdienen mit seiner Firma. Aber es waren auch wirtschaftliche Gründe, die ihn früher dopen ließen: Nur wer dopt, gewinnt. Nur wer gewinnt, kommt in die Medien. Nur wer in den Medien ist, macht seine Sponsoren glücklich. Nur glückliche Sponsoren geben auch im nächsten Jahr noch frisches Geld.

SPIEGEL: Hat sich Riis bei Ihnen auch in den vergangenen Tagen gemeldet?

Jaksche: Ja, er war sehr nett, sehr umgänglich. Er hatte gehört, dass ich mit dem SPIEGEL rede, und wollte wissen, ob das stimmt. Ich habe ihn gefragt: Bjarne, warum meldest du dich jetzt? Als ich arbeitslos wurde, hast du dich nicht gemeldet.

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