Absage Tschagajew vs. Walujew Twister statt Titelkampf

Wut, Enttäuschung und viele Fragezeichen: Das WM-Boxduell zwischen Tschagajew und Walujew wurde jetzt schon zum dritten Mal abgesagt. Publikum und Experten rätseln über die Hintergründe, die größten Verlierer stehen schon fest - die Millionen Fans des Sports.
Von Susanne Rohlfing

Helsinki - Ruslan Tschagajew sieht fit aus. Am Morgen ist er noch gelaufen, schnell und lange, um den Frust loszuwerden. Das ist ihm nicht gelungen. Jetzt steht er in der Lobby des Radisson-SAS-Hotels in Helsinki und blickt traurig in die Kameras, obwohl er sich doch eigentlich abgeschottet von der Öffentlichkeit auf seinen Kampf am Abend vorbereiten sollte. Tschagajew wird jedoch nicht boxen. Die Mediziner des finnischen Profibox-Verbandes haben es verboten, weil sie der Meinung sind, der Usbeke könnte seinen russischen Gegner Nikolai Walujew mit Hepatitis B infizieren.

Boxer Tschagajew (l.), Walujew: Dritter Versuch, dritte Absage

Boxer Tschagajew (l.), Walujew: Dritter Versuch, dritte Absage

Foto: DPA

"Ich bin gesund, ich bin in guter Form, ich bin bereit, zu kämpfen", sagt Tschagajew. Ihm stockt die Stimme und es fehlen ihm die Worte. Immer wieder sagt er: "Ich verstehe es nicht." Er sei Boxer und kein Promoter oder Arzt. "Ich verstehe diese Politik nicht."

Gerade haben in der "Vivaldi Suite" zweieinhalb Stunden lang die Verantwortlichen getagt. Vertreter seines Stalls Universum-Boxpromotion, Walujews Promoter Wilfried Sauerland mit Kollegen, Vertreter der WBA und des finnischen Verbandes sowie Don King, der gemeinsam mit Sauerland an Walujews Kämpfen verdient. Das Resultat: Die WBA-Verantwortlichen um ihren Präsidenten Gilberto Mendoza Jr. wollen erst in sieben Tagen über die Zukunft der beiden Weltmeister und des nun schon zum dritten Mal abgesagten Duells entscheiden.

Nach der Sitzung geht es in der Hotellobby zu wie in einem Boxring. Die Lager der beiden Kämpfer stehen in unterschiedlichen Ecken des mit bequemen Sesseln und einem glitzernden Kronleuchter ausgestatteten Saals. Michael Ehnert, der Arzt von Universum Box-Promotion, betont: "Ruslan ist gesund." Es sei seit vier Jahren bekannt, dass der 30-jährige Usbeke mal eine akute Hepatitis B hatte, eine Infektionskrankheit der Leber. Es handele sich jedoch um eine alte Infektion, die "nicht mehr ansteckend" sei. "Als Ruslan vor zwei Jahren zum ersten Mal gegen Nikolai gekämpft hat, waren die Werte identisch", erklärt Ehnert.

Unterschiedliche Angaben über die Blutwerte Tschagajews

Nikolai Walujew überragt am anderen Ende des Saals alle und sagt: "Ich bin sehr enttäuscht, ich warte seit zwei Jahren auf diesen Kampf." Wegen der "verdeckten Ansteckungsgefahr" sei der Kampf aber nun mal nicht möglich.

Die Mediziner des finnischen Verbandes sehen Tschagajews Werte anders als Michael Ehnert, sie sind der Meinung, dass eine, wenn auch geringe, Ansteckungsgefahr besteht. Da der finnische Verband bei einer Veranstaltung in Helsinki maßgebend für die Überprüfung der gesundheitlichen Standards ist, forderte er am Mittwoch zusätzlich zu einer am 8. Mai bei Tschagajew durchgeführten Blutuntersuchung einen weiteren Test vor Ort in Helsinki.

Die Angaben der beiden Boxställe über diese neuen, am Freitagnachmittag vorgelegten Werte, unterscheiden sich erheblich: Sauerland und der finnische Verband teilten mit, sie hätten sich verschlechtert und der Kampf habe deshalb kurzfristig abgesagt werden müssen. Universum erklärte, die Werte seien gleich geblieben, würden von den finnischen Ärzten nur anders interpretiert. Warum das plötzlich zu einer derart kurzfristigen Kampfabsage führte, könne man sich nicht erklären.

Don King hatte schon wenige Stunden nach der Entscheidung gefordert, dass die WBA Walujew nun unverzüglich zum alleinigen Weltmeister erklären möge. Bei Universum zeigte man sich ratlos bis verärgert: "Wir sind der Auffassung, dass der finnische Verband eine falsche Entscheidung getroffen hat", sagte Dietmar Poszwa aus der Universum-Geschäftsführung.

Die Absage könnte nun sogar ein gerichtliches Nachspiel haben. In einer Mitteilung von Universum heißt es: "Der finnische Verband hat in der Anhörung erklärt, dass er den Kampf nicht untersagt habe, sondern durchführen lassen wollte, wenn Nikolai Walujew einer passiven Schutzimpfung binnen 24 Stunden nach dem Kampf zugestimmt hätte. Eine Entscheidung von Walujew wurde nicht mitgeteilt. Die Universum Box-Promotion behält sich vor diesem Hintergrund rechtliche Schritte vor."

Der geplante Rückkampf zwischen Tschagajew und Walujew sorgt schon seit einiger Zeit für Turbulenzen, selbst im ohnehin häufig undurchsichtigen Profiboxgeschäft ist dieses Wirrwarr auffällig. Der Usbeke hatte dem Russen vor zwei Jahren dessen erste und bislang einzige Niederlage als Profiboxer beigebracht und sich den Titel des WBA-Weltmeisters gesichert. Die Revanche sagte Tschagajew zweimal gesundheitsbedingt ab, einmal wegen einer Virusinfektion, einmal wegen eines Achillessehnenrisses.

Der Weltverband ließ daraufhin zu, dass sich Walujew im August 2008 nach einem Sieg über John Ruiz ebenfalls Weltmeister, und nicht - wie sonst in solchen Fällen üblich - Interims-Weltmeister nannte. Tschagajew wurde zum Weltmeister "in recess" (im Wartestand) ernannt - und seither tobt der Streit um das Recht, der einzig wahre Weltmeister zu sein.

"Boxen ein erfolgreiches Samstagabend-Programm"

Er sollte mit Fäusten beigelegt werden. Mann gegen Mann. Jetzt werden Anwälte, Funktionäre und Manager mit ihren Waffen kämpfen, und die Boxer können nur zusehen. Die übertragende ARD musste kurzfristig ihr Programm ändern. Auf der ARD-Homepage wird mittlerweile der Action-Film "Twister" angekündigt. "Für uns ist das sehr ärgerlich, aber keine finanzielle Katastrophe", sagte Wolf-Dieter Jacobi, Sportchef des MDR und verantwortlich für das Boxen in der ARD. Die finanzielle Last trägt wohl hauptsächlich der finnische Veranstalter.

Dass man ähnlich wie das ZDF, das seinen Vertrag mit der Hamburger Universum-Boxpromotion wohl nicht über das kommende Jahr hinaus verlängern will, am Engagement der ARD im Profiboxen zweifeln könnte, schloss Jacobi trotz des Kuddelmuddels aus. "Wir haben noch einen langfristigen Vertrag mit Sauerland, außerdem handelt es sich beim Boxen um ein erfolgreiches Samstagabend-Programm."

Mit Material des sid
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