Abschied einer Tischtennis-Legende Herr Rossi putzt die Platte

24 Jahre lang hat Jörg Roßkopf sich im Leistungssport an der Spitze gehalten. Jetzt ist Schluss für den Mann, der in Deutschland einst einen Tischtennis-Boom auslöste. Roßkopf wechselt ins Amt des Bundestrainers - seine Sportart ist längst wieder in der Nische verschwunden.

dpa

Von


Am 8. April 1989 wurde Tischtennis in Deutschland neu erfunden. In der Dortmunder Westfalenhalle standen zwei junge Männer an der Platte, 15.000 Zuschauer schrien sich vor Begeisterung die Seele aus dem Leib, und plötzlich kannte das ganze Land zwei Namen: Jörg Roßkopf und Steffen Fetzner, die umjubelten Weltmeister im Doppel.

Der Tischtennis-Boom von damals ist längst vorbei, aber Roßkopf ist noch immer da. Nach 24 Jahren im Leistungssport bestreitet der 40-Jährige an diesem Freitagabend sein vermutlich letztes Bundesliga-Spiel - und es ist ein hübscher Zufall der Sporthistorie, dass er seinen Abschied fast auf den Tag genau 21 Jahre nach seinem größten sportlichen Triumph begeht.

Roßkopf und Fetzner, genannt "Rossi und Speedy" - die beiden haben Tischtennis damals aus der Nische herausgeholt. Der schlaksige, hochbegabte Roßkopf, der oft nach außen ein bisschen übellaunig wirkte, und der kleine, quirlige Fetzner, der eigentliche Medien-Darling des Duos - das ließ sich als ungleiches Pärchen bestens verkaufen. Auf einmal stand das Fernsehen an und wollte die Großereignisse der Sportart live übertragen. Sponsoren tauchten auf, nach dem Tennisboom durch Boris Becker und Steffi Graf hatte auch die kleine Schwester Tischtennis unvermittelt ihr Erweckungserlebnis. Ein kurzer öffentlicher Frühling für die Sportart brach an.

Rückkehr in die Dreifach-Turnhalle

Mittlerweile herrscht wieder Tischtennis-Herbst. Deutschland hat zwar eines der erfolgreichsten Männer-Teams der Welt, verfügt mit dem ehemaligen Weltranglistenersten Timo Boll über ein Jahrhunderttalent, aber das Masseninteresse hat sich wieder abgewandt. Die meisten TV-Stationen winken bei der Tischtennis-Bundesliga ab, die Spiele werden nur noch auf Special-Interest-Seiten im Internet übertragen. Der Sport ist zurückgekehrt in die Dreifachturnhallen in Hanau, Jülich und Fulda-Maberzell.

Roßkopf hat Aufstieg und Fall der Medien-Sportart Tischtennis begleitet. "Die Fernsehsender zeigen lieber ein viertes Fußballspiel am Tag", hat er in einem Interview mit der Internetplattform Spox mal kritisiert. Dass es möglich sei, "auch mal andere Sportarten zu zeigen", zeige das Beispiel Skispringen: "RTL hat es damals geschafft, aus einem Sport, der nicht so interessant ist, ein TV-Event zu machen." Der Skisprung-Hype ist mittlerweile allerdings auch Vergangenheit. Roßkopf war so etwas wie der Martin Schmitt des Tischtennis.

An ihm hat es nicht gelegen, dass seine Sportart von der großen Bühne verschwunden ist. Roßkopf hat Titel und Medaillen gesammelt wie vor Boll kein Zweiter. Er war Einzel-Europameister 1992 in Stuttgart, er hat bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 Bronze gewonnen, er hat den Weltcup für sich entschieden, mit seinem zweiten Doppelpartner Wladimir Samsonow 1998 noch einmal den Europa-Titel erkämpft. Große Erfolge, aber in Erinnerung bleibt vor allem der Doppel-Titel von 1989.

Auch im besten Alter noch Spitze

Für Roßkopf geht das Tischtennis-Leben auch nach der Karriere weiter. Schon seit 2009 war er nebenbei Assistent von Bundestrainer Richard Prause, im Sommer beerbt er den Erfolgscoach und ist dann verantwortlich für Timo Boll und Co.

24 Jahre lang hat Roßkopf in der Spitze mitgehalten, an fünf Olympischen Spielen teilgenommen, für vier Bundesliga-Vereine gespielt - eine lange Karriere. Aber im Tischtennis ist so etwas möglich. Es ist ein ressourcensparender Sport, der einen relativ kleinen Bewegungsradius erfordert. Reflexe sind wichtig, die können auch im besseren Mannesalter noch ausreichend sein.

Roßkopfs berühmter Vorgänger an der deutschen Spitze, Eberhard Schöler, legte mit 39 Jahren den Schläger aus der Hand, Kollege Ralf Wosik gehörte mehr als 20 Jahre lang zur deutschen Spitze. Beim Liga-Konkurrenten aus Fulda steht der Schwede Jan-Ove Waldner immer noch an der Platte. Die Tischtennislegende aus Skandinavien, Weltmeister, Olympiasieger, Europameister, wird im Oktober 45 Jahre alt.

478 Einzelsiege hat Roßkopf in seiner Bundesliga-Karriere errungen. Nur einer steht in der Rangliste vor ihm: Der fünffache Deutsche Meister Wilfried Lieck, dem schon in den siebziger Jahren das Etikett des Altmeisters anhaftete. Liecks größter Erfolg: Bei der Weltmeisterschaft in München holte er die Silbermedaille im Team-Wettbewerb. Das war 1969.

Der Mann ist heute 64 Jahre alt. Er spielt für den TTC Altena in der 2. Tischtennis-Bundesliga.



insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kanzla87 09.04.2010
1. Abschied nehmen
Zitat von sysop24 Jahre lang hat Jörg Roßkopf sich im Leistungssport an der Spitze gehalten. Jetzt ist Schluss für den Mann, der in Deutschland einst einen Tischtennis-Boom auslöste. Roßkopf wechselt ins Amt des Bundestrainers - seine Sportart ist längst wieder in der Nische verschwunden. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,688008,00.html
Alles Gute Rossi, du bist eine Legende ;)
Simpso, 09.04.2010
2. ..
Zitat von sysop24 Jahre lang hat Jörg Roßkopf sich im Leistungssport an der Spitze gehalten. Jetzt ist Schluss für den Mann, der in Deutschland einst einen Tischtennis-Boom auslöste. Roßkopf wechselt ins Amt des Bundestrainers - seine Sportart ist längst wieder in der Nische verschwunden. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,688008,00.html
Bei Tischtennis ist es wie beim Skispringen auch: Es ist zu schnell oder es sieht immer gleich aus. Das ist für den Normalzuschauer unattraktiv bis langweilig. Direkt involvierten Personen empfinden das natürlich anders, aber das reicht nicht für Sendezeit.
weholi 09.04.2010
3. Imageproblem?
Das Problem des von den Medien verschmähten Tischtennis-Sports ist, das er nicht als ernsthafter Leistungssport betrachtet wird. Die Begründung liegt auf der Hand: In welcher anderen Sportart kann man mit Mitte Sechzig noch in der 2. Bundesliga mitSPIELEN? Ich selbst (Rossis Alter) spiele aktiv und ärgere mich über meine Chancenlosigkeit gegen Gegner, die beinahe doppelt so alt sind. Richtig ernster Männersport sieht wohl anders aus... Mir egal, ich freue mich auf die nächsten 40 Jahre im Ligaspielbetrieb und darauf, einen sportlichen 20jährigen mal so richtig abzuledern.
Gegengleich 09.04.2010
4. Soso?
Zitat von SimpsoBei Tischtennis ist es wie beim Skispringen auch: Es ist zu schnell oder es sieht immer gleich aus. Das ist für den Normalzuschauer unattraktiv bis langweilig. Direkt involvierten Personen empfinden das natürlich anders, aber das reicht nicht für Sendezeit.
Und wie ist das beim Fußball, sieht das nicht für "Nicht-Involvierte" nicht auch immer gleich aus? Von Formel 1 will ich hier gar nicht erst anfangen. Denn das sieht ja nicht nur so aus, das IST ja immer gleich, oder? Ist nicht ganz erst gemeint, aber mal ehrlich: Daran kann es nicht liegen. Wohl eher daran, wer dahinter steht, und das ist ja bei Formel 1 etc. offensichtlich....
Yahya 09.04.2010
5. Ernster Männersport
Ist doch schön, wenn es beim "Männersport" mal nicht auf die klassischen Fähigkeiten ankommt, bei denen man dann mit 30 schon zum alten Eisen zählt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.