Abwehrchef Roggisch Der Mann, der Frankreich stoppen soll

Auf dieses Spiel warten alle Handball-Fans. Heute Nachmittag kämpft das deutsche Team gegen Frankreich um den Einzug ins WM-Finale. Den härtesten Job hat Abwehrchef Oliver Roggisch. Er muss sich den französischen Angreifern entgegenwerfen.

Von , Köln


Dieser Zusammenstoß tat schon beim Zusehen weh. In der Schlussphase des Viertelfinalspiels gegen Spanien hatte sich Oliver Roggisch beim Stand von 25:24 dem 110 Kilogramm schweren Koloss Alberto Entrerrios mutig in den Laufweg geworfen. Der 28-Jährige, den die Wucht des gegnerischen Körpers umgehauen hatte, wirkte für den Moment ein bisschen benommen.

Kraftpaket Roggisch: "Jetzt können wir uns nur noch selber schlagen"
DPA

Kraftpaket Roggisch: "Jetzt können wir uns nur noch selber schlagen"

Roggisch schüttelte sich kurz. Aber als er registrierte, dass die norwegischen Schiedsrichter auf Stürmerfoul entschieden hatten und seine Mannschaft nun in Ballbesitz war, ballte er entschlossen die Fäuste. Er hatte seinen Auftrag erfüllt. Dann ließ er sich wieder auswechseln. Denn Roggisch ist reiner Abwehrspezialist. Für die spektakulären Tore, die sich in das Gedächtnis der Fans einbrennen, sind andere zuständig. So wie etwa am Dienstag der Nordhorner Holger Glandorf und Torsten Jansen aus Hamburg.

Sie wurden in der Kölnarena von 19.000 ekstatischen Zuschauern gefeiert, nachdem die deutsche Handball-Nationalmannschaft Weltmeister Spanien 27:25 niedergerungen hatte. Roggisch wurde vom schwarz-rot-goldenen Orkan nicht erfasst, das Heldenepos auf ihn blieb aus. Man kann das ungerecht finden, dass Leute wie er, den man den "Katsche Schwarzenbeck des Handballs" nennen könnte, weil er ausschließlich Drecksarbeit verrichtet, nur selten Eingang finden in die Annalen dieser Sportart. Roggisch hat damit keine Probleme.

"Als Rückraumspieler wäre ich in der zweiten Liga gelandet", sagt er vor dem heutigen Halbfinale gegen Europameister Frankreich (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), "aber als Abwehrspieler greife ich nach dem WM-Titel. Da bin ich doch froh, dass mich meine Trainer an den Kreis gestellt haben." Ihm ist bewusst, dass er derzeit das Maximale aus seinen Möglichkeiten herausholt, weshalb er eine hohe Wertschätzung in der Szene genießt. "Jeder Handballkenner weiß, dass auch die Abwehrspezialisten genauso wichtig sind", gibt sich Roggisch selbstbewusst.

Seine Kernaufgabe, das Zerstören der gegnerischen Angriffe, ist im modernen Handball komplexer geworden. In früheren Zeiten galten reine Abwehrspieler wie Roggisch als brutale Schläger, als Metzger und Schlächter, die vor allem die Körperteile trafen, wo es besonders schmerzte: den Kopf, den Wurfarm oder gern auch die Weichteile des Angreifers – nur eben nicht den Ball.

Aber im Laufe der vergangenen Jahrzehnte haben sich die Regeln zum Vorteil des Angreifers entwickelt. Wird etwa der Angreifer im Gesicht berührt, erhält der Verteidiger sofort eine Zeitstrafe, in manchen Fällen sogar die Rote Karte. Das musste Roggisch leidvoll im Vorrundenspiel gegen Polen erfahren, als er zehn Minuten vor Schluss die Grenzen überschritt. Er traf den polnischen Rückraumspieler Grzegorz Tkaczyk am Hals und wurde wegen der Attacke gegen seinen Magdeburger Teamkollegen hinausgestellt. Die deutsche Mannschaft verlor ohne Roggisch, den Organisator, nach 22:20-Führung noch 25:27.

Die Kunst der Verteidigung besteht darin, diesen ewigen Wettlauf zwischen Hase und Igel zu gewinnen: Immer schon da zu sein, wo der Angreifer hin will. Ein Spezialist wie Roggisch muss vor allem schnell sein. Sowohl gedanklich, denn ohne das blitzartige Antizipieren der gegnerischen Angriffskonzepte wäre er auf verlorenem Posten; aber auch physisch: Es kommt auf die Beinarbeit an. Am besten bewegt sich ein Handballverteidiger wie ein Boxer, nur dass er dem Gegner nicht ausweicht, sondern ihn stellt. Eigentlich macht Roggisch nichts anderes, als auf den wenigen Quadratmetern im Abwehrzentrum in Sekundenbruchteilen hin- und herzujagen.

Obwohl der Handball fairer geworden ist, sehen die Zweikämpfe, die Roggisch manchmal mit den gegnerischen Kreisläufern führt, brutal aus und martialisch. Die Duelle im Viertelfinale gegen den Spanier Uríos de Fonseca, räumte Roggisch später ein, hatten mehr "mit Ringen als mit Handball zu tun". Aber zum Handball auf allerhöchstem Niveau gehört auch das ständige Lamentieren mit den Schiedsrichtern. Immer wieder hebt Roggisch also die Arme, wenn ein Foul gegen ihn gepfiffen wird, und seine Miene ist dann die eines unschuldigen Kindes – was zuweilen recht komisch wirkt, wenn er, wie am Dienstag gegen Spanien (27:25), ein Veilchen am Auge trägt durch das ständige Gerangel.

Zu den psychologischen Spielchen gehört ebenfalls, dass Roggisch auch außerhalb des Feldes mit den Schiedsrichtern über Regelauslegungen diskutiert. "Warum habe ich nur ein solch schlechtes Image?", fragte er, der Zeitstrafenkönig der Liga, einmal den Chef der deutschen Schiedsrichtergilde.

In der Mannschaft von Bundestrainer Heiner Brand, der als einst bester Abwehrspieler der Welt großen Wert auf seriöse Defensivarbeit legt, ist der in Villingen-Schwennigen aufgewachsene 2,01 Meter große Roggisch aber auch deshalb so wertvoll, weil er auf extrem extrovertierte Art und Weise Handball spielt. Bevor Christian Schwarzer sein Comeback feierte, war er der Einzige, dem die Leidenschaft und der absolute Wille zum Sieg auf dem Feld immer anzusehen war.

Nun, nach dem Viertelfinaltriumph über Spanien, glühten seine Augen förmlich. "Jetzt können wir uns nur noch selber schlagen", sagte er, und dass er trotz seines maladen Rückens auf jeden Fall gegen Frankreich spielen werde, jenes Team, das die Deutschen in der Hauptrunde bereits schlagen konnte (29:26). "Die Verletzung, die mich zwingt, bei dieser WM ein Spiel zu verpassen, die muss noch erfunden werden." Roggisch brennt.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.