Achilles' Ferse Einmal Wildnis und zurück

Nichts für Weicheier: Achilles-Leser Phillip hat in seiner Wahlheimat Schweden beim "Tjurruset"-Lauf mitgemacht. Das Hindernisrennen führt durch dunkle Wälder und kalte Seen - und ist auch für den Magen herausfordernd.

Matschiger Sportler: Das gesamte Rennen über volle Konzentration
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Matschiger Sportler: Das gesamte Rennen über volle Konzentration


Alles begann ganz harmlos: Startschuss aus der Kanone und dann einmal quer über den Campingplatz. Ich war wie immer mitten im Pulk - was mich gleich zu Beginn fast aus dem Rennen gerissen hätte. Ich war gerade dabei, mich über das Geschwindigkeitslimit auf dem Platz von zehn Kilometern pro Stunde lustig zu machen. Denn alle um mich herum und ich selbst waren deutlich flotter unterwegs. Plötzlich merkte ich, wie mein linkes Bein in der Luft hing und ich nach vorne fiel - ich hatte die Bodenwelle auf dem Weg nicht gesehen, konnte mich aber zum Glück abfangen. Dann ging es ab in die Wildnis. Und das ist wörtlich zu nehmen.

Ich dachte erst, beim "Tjurusset Run" würden mich nur ein paar matschige Waldwege erwarten. Doch der Schwierigkeitsgrad zog nun massiv an. Der Pfad wurde immer schmaler, und immer mehr Wurzeln und Baumstümpfe ragten aus ihm heraus. Wir liefen dicht an dicht, im wahrsten Sinne des Wortes, über Stock und Stein - es war so, als renne man quer durch den Wald. Mir kam unweigerlich die Frage, warum ich der Meinung war, in kurzen Sachen laufen zu müssen. Wenigstens hatte ich Handschuhe mit. Da haben sich die Erfahrungswerte bei meinem Lieblingslauf, dem Strongman Run, bezahlt gemacht!

Ab durch den Sumpf

Nach drei, vier Kilometern ging der Spaß erst richtig los. Ein Sumpf musste durchlaufen werden - oder was auch immer noch als "laufen" zählt. Laufen ging nämlich nicht, weil man immer mindestens bis zu den Knien wegsackte. Und zum Schwimmen waren zu viele Pflanzen, Moose und Birken im Weg. Die Übung wurde insgesamt dreimal wiederholt. Wohl dem, der seine Schuhe vorher richtig gebunden hatte. Denn wer vorher schon im Matsch der Wälder Probleme hatte, der war seine Treter nun garantiert los.

Als nächstes wartete dann ein Holzernte-Platz auf uns. Soll heißen, überall lagen Äste auf dem Weg. Man fragt sich natürlich, ob die nicht jemand hätte beseitigen können. Andererseits gab das der Sache eine besondere Würze. Bald wechselte die Szenerie erneut und es kam der Verpflegungsstand. Ich habe mich, glaube ich, bei einem Zehn-Kilometer-Lauf noch nie so sehr über Essen und Trinken gefreut!

Fisch statt Bananen

Das, was danach kam, war auch nur noch halb so schlimm. Keine Sümpfe mehr, aber jede Menge anderer Spaß. Zunächst führte uns ein Waldweg durch einen Nadelholzbestand, dessen Boden mit blassblauen Flechten bedeckt war. Das erinnerte an einen Lauf im Winter, wirklich sehr schön! Allerdings fingen nun die ersten Läufer an, schlapp zu machen, und der Weg war wieder sehr schmal. Einem Teilnehmer habe ich wohl so heftig in den Nacken geschnaubt, dass er mich ohne Zögern vorbei ließ.

Im Wald waren noch ein paar weitere Naturhindernisse zu bewältigen: Wassergräben, Baumstämme und Felsen. Mitten auf einer großen Steinplatte kam mir dann in den Sinn, was wohl passieren würde, wenn man sich hier verletzte und nicht weiter laufen könnte. Wir befanden uns ja mitten im tiefsten Wald. Zum Glück ist aber, soweit ich mitbekommen habe, niemandem etwas zugestoßen.

Bald lag der Wald auch schon hinter uns, und es ging auf die Schlussrunde durch das Naherholungsgebiet, in dem auch das Ziel lag. Uns erwarteten fast nur noch von Menschen gemachte Hindernisse wie Hochsprungmatten oder Sandhügel. Doch die schlimmste Prüfung versteckte sich hinter einer Scheune, durch die man auf einer Art Plane laufen musste: Es war der zweite Verpflegungsstand. Dort gab es Surströmming (Surströmming ist eine schwedische Fischspezialität, die durch Säuerung konserviert wird, d. Red.). Wer nicht weiß, wie das riecht, kann sich glücklich schätzen. Andererseits war das mal eine Abwechslung, hatte es die Woche vorher beim Stockholmer Halbmarathon doch nur die üblichen Bananen und Energieriegel gegeben.

Zum Andenken ein Glas Wurst

Eine sumpfige Stelle gab es noch zu überwinden, eine Uferböschung des Vänern-Sees. Doch das war keine große Herausforderung mehr, wir waren sowieso schon von oben bis unten eingesaut. Außerdem ging es nun durch den Vänern, und wir wurden wieder sauber - so sauber, dass der Veranstalter offenbar die Idee hatte, die Teilnehmer auch noch einzukalken, ehe es wieder hüfthoch durch den See ging. Dann noch mal ein kurzes Stück kriechen, durch einen Teich waten und unter einem Volleyballnetz durchschlüpfen - und es war geschafft. Als Andenken bekamen wir ein Glas mit einer Wurst drin. Außerdem gab es ein warmes Lättöl (Leichtbier, d. Red.), das so lätt war, dass ich nichts davon spürte, obwohl ich es gleich im Ziel geleert hatte.

Fazit: Der "Tjurruset" in Karlstad ist ein sehr, sehr schöner Lauf, der dem Läufer alles abverlangt. Man benötigt das gesamte Rennen über volle Konzentration, das muss ich wirklich betonen! Gerade die ersten Kilometer sind eine große Herausforderung, sowohl für die Koordination als auch für die Ausdauer. Der Lauf ist allerdings insgesamt nicht so hart wie der Strongman Run, vor allem, da er nur etwa halb so lang ist. Es macht aber mindestens genau so viel Spaß, hier zu laufen. Wenn man noch erwähnt, dass hier nur 1000 Läufer am Start waren, kann man diesen Lauf wohl ohne Weiteres als Geheimtipp bezeichnen.



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