Achilles' Ferse "Heul doch! Heul doch!"

Freude, Schmerzen, Leid, Triumph: Der Berlin-Marathon bot auch in diesem Jahr wieder die gesamte Bandbreite an Läufer-Emotionen. Für Achilles-Leserin Ursula war die große Runde durch die Hauptstadt eine echte Herausforderung - die sie mit Hilfe von Selbstgesprächen schaffte.
Wasserschlacht: Der Berlin-Marathon versank im Regen

Wasserschlacht: Der Berlin-Marathon versank im Regen

Foto: Robert Schlesinger/ dpa

Ich hatte mich schon den ganzen Sommer auf den Berlin-Marathon  gefreut. Mein Lieblingsmarathon. Endlich wieder Berlin und einige Freunde und Bekannte treffen - und dann das Rennen als Abschluss einer langen Regeneration von einer Schienbein-Stress-Fraktur.

Ankunft bei schönstem Sonnenschein. Freitag Marathon-Messe, mit mäßigem Shopping-Erfolg (ich habe wirklich genug Laufzeug zu Hause, das muss ich leider einsehen...) und Achilles-Lesung. Am Samstag lockerer Lauf im Grunewald, abends Pasta-Party, und früh in die Federn. Dabei hatte ich mir doch zu viel Pasta einverleibt, mein Magen protestierte etwas, aber bis zum Morgen hatte sich das einigermaßen gelegt.

Dann war er da, der heiß ersehnte Sonntagmorgen. Aber: Sauwetter, kalt, grau, Regen. Immerhin: kein Wind. Bibberndes Warten auf den Startschuss. Der fiel um 9.03 Uhr - komische Zeit. Ich war aber froh, dass es endlich losging. Kilometer eins und zwei - juchu, Berlin, ich komme! Kilometer drei wird schon schwieriger... Kilometer vier - hallo? Na gut, ich muss mich noch einlaufen, komme ja immer erst nach fünf Kilometern in einen Rhythmus. Kilometer fünf, schlurf, kein Rhythmus. Kilometer zehn, aua, ist das schwer. Und jetzt noch 32 Kilometer so weiter? Ich will nicht!

Interessante Zwiegespräche - mit mir selbst

Die Beine wurden schwerer und schwerer. Und die inneren Zwiegespräche wurden immer interessanter: "Ist so schwer - und da ist eine U-Bahn-Station." "Klar - aber sooo schlecht geht es dir doch nicht." "Doch, Aufhören wäre Klasse." "Du spinnst wohl - hast Dich ewig drauf gefreut. Ein Marathon ist nun mal schwer." "Aber nicht sooo schwer." "Na und, Du hast Dich doch selber angemeldet! Selber Schuld!" "Selber angemeldet heißt, ich kann auch selber aufhören!" "Aber das willst Du doch nicht wirklich, oder?!" "Hmmm - vielleicht doch?" "Komm jetzt, die paar Stunden schaffst Du auch noch!" "Stunden??? Soo lange?!?" Und so weiter. Man hat viel Zeit für innere Diskussionen bei einem Marathon.

Ich versuchte, mich durch die Bands am Straßenrand abzulenken, was nur bedingt klappte. Heute war Tunnelblick angesagt. Auch die Zuschauer waren zwar prima, aber mir war kalt, ich war nass, die Beine fühlten sich an wie Klötze - igitt. Andererseits wollte ich so gerne und unbedingt durchs Ziel laufen. Und das Argument zählte: Ohne Weiterlaufen kein Zieldurchlauf, ganz eindeutig. Also: Klappe halten und durch.

Manche Laufpsycho-Bücher empfehlen ein Mantra zur Ablenkung. Mir fiel nichts Besseres ein als "Heul doch! Heul doch!" Immerhin schön rhythmisch. Und so schlurfte ich vor mich hin, von Getränkestand zu Getränkestand. Die Kilometer gingen vorüber. Ich überholte ein paar Leute und stellte fest, dass um mich herum so manche klägliche, nasse, blasse Gestalten vor sich hin liefen, taumelten, staksten. Das gab etwas Auftrieb. Am Gendarmenmarkt, bei Kilometer 40 wusste ich: Jetzt würde ich es auch auf allen Vieren schaffen. Dann kam die Straße Unter den Linden. Dicker Kloß im Hals, jubelnde Massen, klare Sicht aufs Brandenburger Tor. Eine irre Atmosphäre, und ich fühlte mich wie in einer Wolke. Noch 400 Meter durch einen Schwall von Lärm und Jubel. Ich weiß nicht warum, aber mir kamen die Tränen. Und dann das Ziel. Wirklich: Nur bei meinem ersten Marathon war das Erreichen des Ziels ein größeres Erlebnis. Welch ein Glück, dass am Ziel Berlino, das Teddybärmaskottchen der Leichtathletik-WM,  umhertanzte und die Läufer begrüßte. Ich musste einfach jemanden umarmen und fiel ihm um den Hals.

Wahrscheinlich wunderte sich der Mensch in der Verkleidung, wie ihm da geschah. Aber er ließ sich nichts anmerken, und ich fühlte mich - angemessen gedrückt - gleich nochmal viel besser. Ich war pitschnass und zitterte.

Selten so viele zitternde Gestalten gesehen

Dann ab ins Duschzelt, ich habe selten so viele zitternde Gestalten gesehen, ich glaube, wir waren alle ziemlich unterkühlt. Mit trockener Kleidung noch schnell zur Massage, dann zum Familientreff und ab nach Hause. Bis dahin war ich allmählich wieder zurück auf der Erde - und plumpste erstmal ins Bett.

Es war einer meiner anstrengendsten Marathons (Gesamtzahl jetzt 16), warum weiß ich auch nicht so genau - aber solche Tage gibt es nun mal. Der wahre Erfolg war, sich durch diesen Lauf zu kämpfen und durchzuhalten. Und so schwer es war - der letzte Kilometer 'Unter den Linden' entlang und der Zieleinlauf machten alles wieder wett. Und mein Schienbein hat es auch so weit gut durchgestanden. Ein ganz anderes Marathon-Erlebnis als sonst. Nicht unbedingt eine Erfahrung, die ich so schnell wiederholen möchte. Aber trotzdem ein Riesen-Erlebnis.

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