Achilles' Ferse "Ich dachte, ich verrecke"

Vom Säufer zum Läufer: Christian Schiester trank früher exzessiv Alkohol, heute läuft er Extremrennen in der Wüste oder Antarktis. Im Interview mit Achim-Achilles.de erklärt er, warum er auf dem Laufband in der Sauna trainiert und wie er dank eines Tricks die Wüste Gobi überlebte.

Läufer in der Wüste: Was ist normal?
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Läufer in der Wüste: Was ist normal?


Frage: Herr Schiester, Sie haben beim "4 Deserts Cup" vier Wüsten durchlaufen, jeweils 250 Kilometer innerhalb einer Woche. Sind Sie verrückt?

Christian Schiester: Was ist schon verrückt? Um das zu wissen, müssen wir erst mal fragen: Was ist normal? Dass einer durch die Wüste rennt und sich Fähigkeiten aneignet, die in der Natur des Menschen angelegt sind? Oder ist es normal, dass der Mensch vermeidet, sich zu bewegen, mit dem Aufzug fährt oder mit dem Flugzeug fliegt? Mir ist aber schon klar, dass das, was ich tue, für die breite Masse alles andere als normal ist. Andererseits: Von Europa aus sieht ein Lauf durch die Wüste viel gefährlicher aus, als er tatsächlich ist.

Frage: Wie bitte? Sie wären in der Wüste Gobi fast zu Tode gekommen.

Christian Schiester: Das stimmt, dort habe ich nur mit sehr viel Glück überlebt. Ich dachte, ich verrecke.

Frage: Was war passiert?

Christian Schiester: Ich lief eine 99-Kilometer-Etappe des "Gobi March" und war schon mehr als zehn Stunden unterwegs. Ich war stark dehydriert, halluzinierte und brach zusammen. Es war ein Schockzustand. Doch ich erinnerte mich an einen Überlebens-Trick, den ich im Fernsehen gesehen hatte: Ich grub mich so tief in eine Düne ein, bis ich auf kühleren Sand stieß.

Frage: Und dort hat Sie jemand gefunden?

Christian Schiester: Nein, dort geht dich auch keiner suchen. Die Gobi ist ein Meer aus rotem Sand, keine Chance, dort jemanden zu finden. Am Vortag war ein Amerikaner ebenfalls zusammengebrochen - er kannte den Trick mit dem Eingraben nicht, vertrocknete und starb.

Frage: Wie konnten Sie sich retten?

Christian Schiester: Ich wusste, dass ich meinem Körper Energie zuführen musste. Meine Hände waren vollkommen verkrampft, doch mit dem Mund gelang es mir, den Rucksack aufzumachen, wo ich ein paar Datteln hatte. Ich war völlig weggetreten, konnte nichts sehen und hatte keinen Geschmackssinn. Der Zucker aus den Datteln hat mich gerettet, ich konnte wieder sehen - zumindest verschwommen. Für die letzten vier Kilometer bis ins Ziel brauchte ich 2:08 Stunden. Meine GPS-Uhr zeigte mir hinterher an, dass ich 18 Minuten in der Wüste gelegen hatte.

Frage: Dachten Sie danach ans Aufhören?

Christian Schiester: Nein. Aber ich denke jeden Tag daran, wie ich damals in der Wüste lag. Ich möchte aber nicht so tun, als ob ich ein Held wäre, der die Wüste überlebt hat. Ich hatte einfach nur Glück, das Glück des Erfahrenen vielleicht.

Frage: Lieben Sie Schmerzen?

Christian Schiester: Nein. Aber der Schmerz ist natürlich Teil des Ganzen. Und wenn diese Rennen nicht so schmerzhaft wären, würden wahrscheinlich Tausende daran teilnehmen. Wobei: Ich behaupte, dass im Grunde jeder durch die Wüste laufen kann. Die Dinge, die ich mache, sind nicht übermenschlich. Das Wichtigste ist, dass man sich an die Startlinie stellt und sagt: Ich mache es! Natürlich muss man aber gesund sein und sich richtig vorbereiten.

Frage: Klingt einfach. Sie trainieren aber unter anderem auf dem Laufband in der Sauna.

Christian Schiester: Das ist ein Kopftraining und hat mit der körperlichen Vorbereitung nicht viel zu tun. Wenn ich bei 50 Grad durch die Sahara laufe, kann ich zu mir sagen: Mach dir nicht in die Hosen, du bist bei 60 Grad in der Sauna gelaufen!

Frage: Welche Trainingsumfänge kommen denn in der Vorbereitung auf einen Extremlauf zusammen?

Christian Schiester: Fünf, sechs Monate vor einem Rennen komme ich auf rund 300 Wochenkilometer. Ich nehme den Rucksack mit, habe ein kleines Zelt dabei und laufe in die Berge. Dort, wo es mir gefällt, schlage ich mein Zelt auf und renne am nächsten Tag weiter. Das ist überhaupt nicht vergleichbar mit einer Marathon-Vorbereitung mit Intervalltraining und Laktattests. Es gibt kein Schema F, nach dem ich vorgehe - aber mir geht es gut dabei, und das ist das Entscheidende. Für mich ist Laufen wie Waschen, Rasieren, Zähneputzen, es gibt keinen Tag seit dem 16. Juni 1989, an dem ich nicht trainiert habe.

Frage: Was hat es mit diesem Datum auf sich?

Christian Schiester: Bis zu diesem Datum habe ich alles vermieden, was mit Bewegung zu tun hat. Ich wog mehr als 100 Kilo, war Kettenraucher und habe jeden Tag exzessiv Alkohol getrunken. Als ich 21 Jahre alt war, hat mein Hausarzt gesagt: Wenn du so weiter machst, bist du mit 30 hin. Da ich nicht wusste, wie sehr meine Organe bereits geschädigt waren, rechnete ich mit dem Schlimmsten. Die restliche Zeit wollte ich dafür umso intensiver leben.

Frage: Also begannen Sie mit dem Laufen.

Christian Schiester: Richtig. Ein Schlüsselerlebnis war ein Sieben-Kilometer-Rennen, bei dem ich Drittletzter wurde und mich ein 72-Jähriger niedersprintete. Hinterher sagte er mir, er habe noch nie einen Läufer gesehen, der so sehr gekämpft hätte wie ich. Anderthalb Jahre später war ich Österreichischer Landesmeister im Halbmarathon.

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Das Interview führte Wendelin Hübner



insgesamt 2 Beiträge
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Jausepriester 27.05.2011
1. Mhm...
... ist es soviel besser in der Wüste zu verdursten als sich tod zu saufen?
ultramarathonmann 27.05.2011
2. Besser hätte Christian...
Zitat von Jausepriester... ist es soviel besser in der Wüste zu verdursten als sich tod zu saufen?
...sein Leben nicht in den Griff bekommen können; denn er hat sich durch seinen intensiven Ausdauersport buchstäblich wie Münchhausen mit dem eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen. Dafür zolle ich ihm höchste Anerkennung! Eine weitere hilfreiche Laufmotivation erfährt der interessierte Leser bei http://www.sesterheim-gmbh.de/flyer.htm und www.SH-Supertrail.de
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