Achilles' Ferse Wettrüsten unter Läufern

Achilles-Blogger und Hobby-Triathlet Lars Terörde alias Der Kenianer hat in seinem Buch "Barfuß auf dem Dixi-Klo" seine witzigsten Anekdoten aufgeschrieben. So wie das Wettrüsten mit seinem Schwager, als aus einem lockeren Lauf ein knallhartes Duell wurde - das mit Blasen endete.

Läufer mit Joggingschuhen: "Kiss this"
dapd

Läufer mit Joggingschuhen: "Kiss this"


Still und heimlich verfluchte der Kenianer sich. Sich und seine lose Zunge. Manchmal war er aber auch nicht zu bremsen. So wie beim letzten Kaffeekränzchen. Warum musste er dem Schwager damals unbedingt von den Vorteilen leichter Wettkampfschuhe vorschwärmen?

Hätte er nicht stattdessen über die immense Verbesserung des Lauftempos dozieren können, die durch die stabilisierende Wirkung von Bundeswehrstiefeln auf die Sprunggelenke entsteht? Er tat es nicht. Stattdessen musste er dem Schwager auf dessen wissbegierige Nase binden, dass leichte Wettkampfschuhe ein völlig neues Laufgefühl bringen und auch das Tempo automatisch steigt, wenn man sich nicht mehr die Stabilklötze für Überpronierer ans Bein bindet.

"Was bist du bloß für ein Idiot?", haderte der Kenianer nun während des Großfamilien-Kurzurlaubs auf Ameland mit sich. Wäre Schumi so oft Weltmeister geworden, wenn er all seinen Konkurrenten verraten hätte, was seinen Ferrari so schnell machte? Natürlich nicht! Aber der Kenianer hatte es getan. Er hatte Entwicklungsarbeit beim ärgsten Feind geleistet und ungeniert erzählt, dass er selbst einige Sekunden pro Kilometer schneller geworden war, seitdem er seine Füße mit einem Hauch von nichts bestückte.

Und was hatte er jetzt davon? Nun hatte der Schwager ebenfalls aufgerüstet. Hatte sich Schuhe gekauft, untergewichtige Laufsandalen. Löcher sogar in der Sohle, um noch ein bisschen mehr Gewicht zu sparen. Ein Design, das es unverhohlen auf neidisch-eingeschüchterte Blicke abgesehen hatte. Das waren keine einfachen Trainingsgeräte, sondern eine einzige, neongelbe, laufschuhgewordene Provokation! "Kiss this" stand von unten auf der Ferse. Gerichtet an den, der die Sohlen des Trägers von hinten sehen musste. Gemeint und gemein für jeden, der nicht in der Lage sein würde, diesen Schuhen zu folgen.

Eine Stimmung wie im Western

Derart aufgerüstet stand der Schwager bereit für den ersten gemeinsamen Auslauf auf der schönen Nordseeinsel. Keiner ließ sich was anmerken, aber die Luft knisterte. Rivalen der Laufbahn kurz vor dem ersten Start. Eine Stimmung wie im Western. Die beiden Kontrahenten beäugten sich im Saloon, kurz bevor es auf die Straße ging und einer von beiden Staub fressen musste.

"Ich will wirklich nur langsam laufen, ich fühle mich nicht ganz fit, und außerdem soll es ein mittellanger Lauf in angenehmem Tempo werden", baute der Kenianer vor.

Der Schwager beteuerte mal wieder, monatelang nicht mehr gelaufen zu sein und mit diesen Schuhen eh noch nie.

Achtzehn Kilometer sollten es heute werden. Und wie es so ist bei gemeinsamen Männerläufen: Unmerklich wurde nach und nach das Tempo gesteigert. Erst vom Kenianer, der nur kurz seine Überlegenheit testen wollte. Dann vom Schwager. Das Ziel - eine Aussichtsplattform - im Blick, ließ der Kenianer ihn ziehen. Er blieb gelassen, auch wenn der Schwager Meter für Meter gewann, so dass der Kenianer die Schrift unter dessen Schuhen schon nicht mehr lesen konnte.

Auf der Aussichtsplattform pausierten sie, sonnten sich in der tief stehenden Nachmittagssonne und verzichteten wie immer aufs Dehnen.

Dann der Rückweg. Der Schwager machte erneut Tempo. Gelassen ließ der Kenianer ihm den Vortritt, klemmte sich in den Windschatten und ließ die Schuhe auf sich wirken.

"Kiss this, kiss this, kiss this..." Rechts und links. Bei jedem Schritt des Schwagers hämmerte sich diese Provokation in des Kenianers Läuferhirn, und er schwor sich, den Rivalen nicht ziehen zu lassen. Wie eine Klette klebte er am Schwager. Alle Vorsätze für einen geruhsamen, mittellangen Lauf in den Nordseewind schießend, wurde das Tempo nach und nach höher.

Als sie noch drei Kilometer zu laufen hatten, schloss der Kenianer auf. Aus dem Augenwinkel checkte er die Konstitution des Schwagers. Lautes Stöhnen, der Schritt schwerfällig, das Gesicht ungesund gerötet. Er hatte sich übernommen. Ein stiller Triumph für den Kenianer, dessen Beine noch locker waren und dessen Atem noch ruhig. Also griff er ganz tief in die Hinterhältigkeitstrickkiste: "Lass uns noch einen kleinen Umweg machen, ist eine besonders schöne Strecke durchs Naturschutzgebiet!"

Und so ging es in besonders unwegsames Gelände. Trampelpfade mit tiefen Kaninchenlöchern und immer wieder sandige Dünen, die dem Schwager in seinen Wettkampfschläppchen zusetzten. An einem Tümpel wurde der Weg morastig und nass. Genau das Richtige für Schuhe mit Löchern in der Sohle dachte sich der Kenianer und steuerte das Wasserloch an. Und so kam es, wie es nicht anders kommen konnte: Schwagers Schuhe wurden nass, und der Kenianer entschuldigte sich mit gespielter Überraschung: "Ich wusste gar nicht, dass die Schuhe da Löcher haben."

Auf dem Heimweg forcierte der Kenianer noch mal das Tempo. Der Schwager ließ ihn ziehen und lief sich Blasen. Zufrieden kam der Kenianer im Ferienhaus an. Er versorgte den Schwager mit Blasenpflastern und schimpfte über dessen neue Schuhe - und bestellte sich noch am selben Abend im weltweiten Netz ein identisches Paar.

Mehr Läufer-Geschichten gibt es auf den neuen Läufer-Blogs auf Achim-Achilles.de.



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