Achilles' Verse Angriff auf den Gefühlsgletscher

Nach seiner letzten Kolumne bekam Achim Achilles viele Zuschriften erzürnter Leser. Er sei so was von intolerant, hieß es immer wieder. Mit der Kritik hat sich der Wunderrenner intensiv auseinandergesetzt - und entwickelte ein Modell für mehr Laufgerechtigtkeit.


Mit ihrem Dritte-Welt-Laden-Gesicht sagt Mona, ich sei ein Lauf-Fascho. Würde keine Toleranz gegenüber den Schwächeren und Langsameren in unserer Gesellschaft aufbringen, den Randgruppen des Breitensports. Über alle würde ich herziehen, giftig und menschenverachtend und zynisch und gemein. Immer zähle nur Leistung für mich, sagt Mona, Ergebnislisten würde ich auswendig lernen und ausschließlich an den gelaufenen Zeiten den Wert eines Individuums bemessen. Die ganze Menschlichkeit bleibe auf der Strecke und vor allem die Freude. Ich sei emotional verkarstet, zu tiefen Gefühlen nicht mehr imstande, Sklave meines Brustgurtes, Gehetzter der Pulsuhr.

Marathonfeld (in Köln): Lahmläufer der Welt, vereinigt euch!
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Marathonfeld (in Köln): Lahmläufer der Welt, vereinigt euch!

Ich verdrückte eine Träne, nahm meine Frau in den Arm und flüsterte ihr ins Ohr: "Du hast völlig Recht, Schatz. Wir werden sofort ein Initiativkomitee zur Wahrung der Rechte von Lahmärschen gründen: Urwälder, Wale, Langsamläufer." Meine Frau nickte. "Aber Tatsache bleibt, dass Wellness-Trott auf ein Charakterdefizit schließen lässt", fügte ich grinsend hinzu. Mona schnaubte wie Claudia Roth und stieß mich weg. Sie wollte ein Problemgespräch führen, was leider daran scheiterte, dass ich gar kein Problem hatte. Ich fühlte mich wohl als ausdauersportlicher Gefühlsgletscher, als Friedrich Merz des Schlachtensees. An was kann man den Wert eines gesunden mittelalten Menschen besser ablesen als an seiner Laufzeit?

Fairerweise muss man allerdings den Quotienten bilden, also Zehn-Kilometer-Zeit durch Altersklasse. Mit 20 Jahren sollte der Wert etwa bei 2 liegen, also 40 Minuten durch 20 Lebensjahre, bis zur Rente darf er sich linear etwa auf 1 entwickeln, also 60 Minuten durch 60 Lenze. Alles, was deutlich darüber liegt, ist indiskutabel, oder etwa nicht? Will man mit einem Menschen gesehen werden, der mit 45 nicht mehr als einen Quotienten von 2 zu bieten hat? Das wären 90 Minuten auf 10 Kilometer. Indiskutabel. Es gibt Menschen, die schwimmen das in der Zeit. 1:07:30 Stunden ist das Maximum dessen, was sich ein Mittvierziger nach, sagen wir, zwei Jahren Übung über 10.000 Meter erlauben darf, also 1,5.

Was uns stracks zu der delikaten Frage führt, ab welcher Geschwindigkeit Laufen eigentlich Laufen ist. Wer 100 Meter in 10 Sekunden wetzt, schafft 600 Meter die Minute, macht 36 Stundenkilometer. Unsere dunkelhäutigen Marathon-Gewinner brauchen gut zwei Stunden für gut 40 Kilometer, macht 20 Stundenkilometer. Wenn ich mal so richtig den Turbo auf der Bahn zünde und alles, also wirklich alles gebe, dann sind es vielleicht an einem guten Tag so um die 82 Sekunden auf 400 Meter, macht knapp unter 18 Stundenkilometern. Das heißt, jeder kenianische Bezirksmeister wetzt einen Marathon schneller als ich 400 Meter. Zeit für den Angelschein.

Der Online-Apotheker Greif unterscheidet zwischen Laufen und Joggen mit dem Test über zehn Kilometer. Wer über diese Strecke in einem Wettkampf nicht länger als 40 Minuten braucht, sei Läufer. Der Rest Joggerpack. Bei meinen langen Läufen mache ich an schlechten Tagen schon mal deutlich unter zehn, sagen wir mal 9,3 Stundenkilometer. Ich werde überholt. Wie demütigend. Ich lasse höchstens Menschen mit spitzen Stöcken hinter mir, bei denen nie klar ist, ob sie walken oder Eispapiere aus dem Gebüsch pieken. Auf jeden Fall halten sie sich nie an das Rechtslaufgebot. Im Grunewald geht es zu wie auf einer deutschen Autobahn. Keiner hält sich an meine Regeln.

Auf viel belaufenen Strecken sollte man Tempozonen einführen. Rechte Spur: alle unter zehn Stundenkilometer, also Walker, die Lastwagen unter den Läufern, die Cordhüte, die aus Prinzip nicht schneller wollen oder können und die linksökologisch orientierten Energiesparer, die schnelles Laufen für ein pro-amerikanisches also prinzipiell imperialistisches Statement halten. Auf der linken Spur wetzen Angeber, schlanke, leichte Sportwagen oder hochmotorisierte panzerähnliche Geländekarren mit hohem Gewicht, die mir physiognomisch wohl am nächsten kämen.

Einziges Problem: Wer überwacht den Verkehr? Wer stellt Blitzer auf, mit denen Langsamläufer dingfest gemacht werden, die sich verkehrswidrig auf der linken Spur tummeln? Als Kennzeichen könnte man die Startnummer vom letzten Laufwettbewerb nehmen. Als Strafe droht Ersttätern Laufschuhentzug. Im Wiederholungsfall wird Kohlehydratverbot verhängt. Und ganz schwere Fälle müssen für eine Woche ins Trainingslager von Abu Greif.



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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