Achilles' Verse Auf in den Kampf!

Am nächsten Sonntag hat der Grölaz (Größter Läufer aller Zeiten) seinen ultimativen Auftritt. Unser Achim Achilles startet beim Hamburg Marathon. Wir fiebern mit. Wie ist der Meister in Form? Genug Kohlenhydrate im Tank? Karma okay? Wir wollen nicht zu viel versprechen, aber es könnte für den Grölaz ein bedeutender Tag werden.


Läufer beim Marathon: Mörderisches Abenteuer
AFP

Läufer beim Marathon: Mörderisches Abenteuer

Das Publikum tobt. Ich laufe in ein Meer von Kameras. Direkt vor mir ein Afrikaner. Ich blicke auf die Zeitnahme: 2:04,13 Stunden. "Weltrekord", brüllt ZDF-Kommentator René Hiepen. Ich reiße die Arme empor. Es regnet Blumen, Teddybären, schweinefleischfarbene Unterwäsche, noch warm.

Doch was ist das für eine Stimme? "Passagiere für Lufthansa Flug LH 4794 nach Heathrow bitte zum Terminal 4." Die Zeitnahme ist eine Abflugtafel. Der Afrikaner steht am Check-in. Er hat den Marathon vor Stunden beendet und fliegt zum nächsten Lauf. Und ich liege auf der Strecke in der Nähe des Ohlsdorfer Friedhofes im Unterzucker-Delirium. Kräftige Rot-Kreuz-Kerle wollen mich auf eine Trage heben. Ich schlage um mich. Lasst mich los. Ich kann allein laufen. Ich will ins Ziel. Ins Ziel. Ziieeel.

Patsch. Mona kniet über mir. Sie hat mir eine gescheuert. "Achim, es reicht", knurrt sie, "es ist halb vier und du strampelst schon die dritte Nacht wie ein Vollidiot." Die Frau ahnt nicht, wie es in einem Debütanten wütet. Seit Wochen erzählt sie überall herum, dass ihr Achim in Hamburg Marathon läuft, und zwar in dieser stolzen Ehefrauen-Tonlage, als sei ich der schwarze Schöneberger.

Ich bin einer der lahmsten von genau 22.034 gemeldeten Startern, aber alle im Haus denken, ich sei gut. Ich habe die Wohnungstür noch nicht geöffnet, da fällt mich Frau Moll an, Supi-Roland oder eine von den Schwuletten: Welche Zeit? Gut trainiert? Sehen wir dich im Fernsehen? Wie heißen die anderen Favoriten? Preisgeld? Weiß ich doch nicht. Hauptsache ankommen, sage ich sehr ernst. Aber alle glauben, das sei kokett. Wer den ersten Marathon läuft, sollte keinem davon erzählen, vor allem nicht seiner Frau. Ich werde allein fahren. Napoleon hätte sich in Waterloo auch weniger Zeugen gewünscht.

Halt gibt mir nur meine Checkliste. Ich habe die gesamte Fachliteratur durchforstet. Leider ist nur auf eines Verlass: die Widersprüche. Seit Tagen spiele ich alles immer wieder durch.

Training
Peter "Hardcore" Greif sagt, man könne drei Tage vorher ruhig noch mal ordentlich Gas geben, Herbert "Vanilletee" Steffny schwört auf Schonung. Und ich? Zockel durch den Volkspark. Alles tut weh. Ich werde absagen. Bei eBay kann man Startplätze versteigern.

Socken
Die ideale Marathon-Socke ist nie frisch, sondern sorgfältig eingeschweißt. Steht das Ding von allein, ist das Verhältnis von Gewebe und Körpersäften optimal.

Visualisierung
Der zu Recht völlig unbekannte Buchautor Ole Petersen rät, man solle statt Training die Strecke in Gedanken laufen. Totaler Flop. Erstens habe ich nicht so viel Zeit und zweitens sehe ich bei geschlossenen Augen nur Techniker, die nachts die Zeitnahme abmontieren. Von weitem schwanke ich heran.

Kohlenhydrate
Alle reden von Carbo-Loading. Morgen werde ich mich bewusstlos hungern, das soll die Speicher weiten. Dann vier Tage den neapolitanischen Rekord im Pastaschlingen einstellen. Und am letzten Abend laut Greif eine Pizza mit Schinken und Paprika, weil da Wunderstoffe drin sind - Chrom und solche Sachen. Kann man notfalls auch unterwegs von einer Stoßstange schlabbern.

Rennverpflegung
Ich trau den Carbo-Weisheiten ja nicht. Deswegen werde ich auf den ersten zehn Kilometern eine Trinkflasche mit honiggesüßtem Apfelsaft mitführen, um die Speicher vollzuhalten. Dann alle fünf Kilometer einen Beutel Powergel, Geschmacksrichtung Apfel-Guarana. Die Beutel tragen aber unvorteilhaft auf und pieken in mein zartes Hüftfleisch.

Durchhaltemittel: Vaseline und Co.
Achim Achilles

Durchhaltemittel: Vaseline und Co.

Nipplegate
Warum tragen manche Läufer zwei rote Punkte auf der Brust? Demonstrieren die für irgendwas Gutes, wie fast alle dieser hechelnden Weltverbesserer? Nein, schlimmer: Solche Sportsfreunde sehen sich als Nachfahren von Jesus. Marathon ist ihr Kreuzweg, sie leiden gern vor Publikum. Sie haben sich die Brustwarzen blutig gescheuert und damit es jeder sieht, tragen sie helle Hemden. Einziger Vorteil: Es lenkt vom Schmerz in den Beinen ab. Pflaster halten nur, wenn keine Haare sprießen. Leider trage ich das einzig nennenswerte Fell ausgerechnet auf diesen Quadratzentimetern, was für Mona einer der Hauptgründe war, sich auf mich einzulassen. "Behaarte Männer im Schwimmbad, das sieht aus, als treibe da eine Fußmatte", sagt sie. Rasieren ist lebensgefährlich. Vaseline? Ich werde die Literatur noch mal checken.

Schuhe
Achtung, Glaubenskrieg! Weiche Sohlen schonen die Beine, aber man denkt, man tritt in Quark. Knallharte Bereifung sorgt für den Punch, aber manchmal auch für frühen Knockout. Ich werde mich erst im letzten Moment für die Reifenmischung entscheiden, je nach Temperatur und Regen/Sonne.

Marschtabelle
Ausnahmsweise Einigkeit bei den Gurus. Nicht zu schnell starten. Will ich unter vier Stunden bleiben - jeder will das -, muss ich 239:59,99 (Minuten) durch 42,195 (Kilometer) teilen, was 5:41 Minuten pro Kilometer bedeutet.

Die Form
Nie war ich kaputter. Beine aus Blei. Die Lunge hat das Volumen eines japanischen Kondoms. Brustwarzenziepen. Will schlafen, mich aber vorher betrinken. Dann merke ich auch nicht, wenn Mona mich schlägt. Morgen suche ich mir einen Schachklub. Achilles, du Schwachmat, nenne mir nur einen Grund pro Marathon. Es gibt keinen.

Achim Achilles

P.S.: Haben Sie auch Fragen, Anmerkungen, ein Lob für meine einfühlsame Art? Wollen Sie eine Beratung oder gibt es ein Lauf-Thema, das Sie umtreibt? Dann schicken Sie doch einfache eine Mail an meine Adresse.

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Seite 1
Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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