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30. August 2005, 09:39 Uhr

Achilles' Verse

Bett-Marathon mit Folgen

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Den nötigen Appetit vor dem Akt holt Achim sich aus den Promi-Klatschspalten der Boulevard-Presse, doch gegessen wird zu Hause. Manchmal serviert das Laufwunder seiner Mona allerdings nur Rohkost. Umso erstaunlicher, dass er im Gegenzug sogar einen Nachtisch bekommt.

Läufer im Bett: Mineralstoffe nicht vergessen
DDP

Läufer im Bett: Mineralstoffe nicht vergessen

Morgens, wenn ich von meiner Trainingsrunde komme, biege ich gern noch bei Gudrun im Kiosk ein, um mir ein Intelligenzblatt zu kaufen. Dienstags die "FAZ", wegen "Technik und Motor". Freitags das "SZ-Magazin", das unpraktischerweise in dicken Lagen Zeitungspapier eingewickelt ist. Immer werfe ich einen Blick auf die "Bild". Als führender Intellektueller unseres Häuserblocks darf ich die natürlich nicht kaufen, sondern muss despektierliche Bemerkungen darüber machen.

Wenn Gudrun gerade am Lottoschalter beschäftigt ist, schaffe ich es immerhin bis auf die Rückseite. Da gibt es wunderbar gehässige Geschichten von Promis, die ständig in wenig Badezeug irgendwo am Pool stehen oder gerade paarungsbereit sind oder beides. Neulich sah ich dramatische Fotos von Goldie Hawn und Michael Douglas am Strand: Waschbretthintern und Hängebauchschwein. Wenn die beiden gerade paarungsbereit sind, kommt ein Faltenrock raus.

Die besten Geschichten in "Bild" fangen an mit den Worten "Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden..." Letztes Jahr haben amerikanische Wissenschaftler zum Beispiel herausgefunden, dass Ausdauersport die Libido erhöht. Klar, wenn Frauen "Ausdauer" und "Sport" hören, dann geht die Phantasie mit ihnen durch.

Wenn die wüssten. Langjährige Läufer taugen nicht für stürmische Nächte, zu mager. Sie verursachen blaue Flecken. Außerdem sind sie immer müde, vom vielen Training. Oder sie haben am nächsten Tag einen Wettkampf und müssen sich schonen. Oder sie sind stundenlang zugange, weil sie das so gewohnt sind vom Marathon und die Herzdame fragt am nächsten Morgen: "Hast du gestern noch lange gemacht?"

Wenn das Vorspiel zum Krampf wird

Neulich nachts robbte Mona mal wieder in eindeutiger Absicht heran. Die Voraussetzungen waren gut. Ein Tag ohne Training, dafür morgen kein Wettkampf. Mona knabberte an meinem Ohr, was mich wahnsinnig macht, und flüsterte unglaubliche Dinge. Es war ein lauer Frühsommerabend. Warme Luft strömte durch das offene Fenster. Ein rolliger Kater sang in der Ferne sein hormonpralles Lied. Ich spannte meine zahlreichen Muskeln an. "Panther" ist mein zweiter Vorname. Die Hitze kam. Geschickt turnte Mona...

Autsch! Ich schüttelte sie ab. Sprang auf. Steppte wie ein Hottentotte im Schlafzimmer. Der Krampf meines Lebens hatte mich erwischt. Das Knie ließ sich nicht mehr durchbiegen. Ich jaulte und riss an den Zehen. Das ganze linke Bein war hart wie Beton. Der Rest leider nicht mehr. Mona machte das Licht an und verfolgte amüsiert meinen Ausdruckstanz. "Magnesium", röchelte ich. Mona ging in die Küche und ich zu Boden. Drei Sprudeltabletten später ging es wieder einigermaßen. Der Abend war natürlich gelaufen. Mona hauchte einen Kuss auf meine Wange, flüsterte "Mein Held" und rollte sich in jene Decke ein, die einst mir zur Hälfte gehörte.

Ich war heute Abend nicht in der Position, in der ich mich hätte beschweren können. Also trolle ich mich in die äußere Ecke und versuche, meine Niederlage ganz locker zu nehmen. "Ohne Krampf zum Vorspiel", das wäre ein Bestseller-Titel. Egal, man muss auch mal verlieren können, sagt die gute Fee in mir. Aber nicht im Bett, und nicht beim Sport, sagt der Teufel, der leider meistens Recht hat. Ich beneide die Wanderratte, die sich in sechs Stunden bis zu 500 Mal paaren kann. Da würde Mona aber Augen machen. Für den nächsten Karneval werde ich mir ein Wanderratten-Kostüm besorgen.

Ein paar Wochen später komme ich vom Laufen nach Hause. Mona erwartet mich schon an der Tür, was selten ist. Sie hält ein weißes Plastikröhrchen in der Hand. Super, hat sie Epo für mich besorgt? "Du wirst noch mal Vater, Achilles", sagt sie und fällt mir um den Hals. Ich fass es nicht. Wir Läufer sind ja doch tolle Burschen.

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