Achilles' Verse Der Fluch des dicken Bademeisters

Die meisten freuen sich auf den Urlaub. Achim Achilles allerdings nicht. Um sein Trainingsprogramm richtig durchziehen zu können, braucht unser Turboläufer die passende Umgebung. Doch die Familie will partout nicht dorthin, wo es für ihn in punkto Fitness am besten ist.


Jogger-Idyll: "Wolle laufe?"
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Jogger-Idyll: "Wolle laufe?"

Mona will diesen Sommer wieder nach Italien. Sie will immer nach Italien, das vollste aller Urlaubsländer. Teuer ist es auch. Und die Pizza ist bei Marco am Viktoria-Luise-Platz allemal besser. Außerdem ist Italien kein Urlaubsland für Ausdauersportler, es sei denn, sie wollen Epo kaufen. Entweder ist es zu heiß fürs Laufen oder zu steil zum Radfahren. Schwimmen in der Adria ist unmöglich, man stirbt sofort an Algenpest. Auf den Hauptstraßen wird man noch vor der ersten Kurve totgefahren. Auf den Nebenstrecken lauern Hunde, die nie angekettet sind. Und auf allen anderen Straßen grinsen die Italiener dieses mitleidige Jaja-die-bekloppten-Deutschen-Grinsen. Nie sieht man Jogger in Italien. Und die Rennradfahrer stehen immer nur in Horden vor Cafés, klönen und zeigen sich ihre bunten Hemden.

Sowieso steckt mir noch das Trauma vom letzten Jahr in den Mitochondrien. Da hatten wir Elsa und Sergio kennengelernt. Elsa konnte ein bisschen deutsch, suchte das Nonstop-Gespräch und fand - Mona. Sergio war der Chefbademeister rund um Senigallia. Ich hatte ihm in Speisekarten-Italienisch von meinen Laufambitionen erzählt. Sergio wirkte beeindruckt. Er war von klassisch italienischem Format, also etwa so groß wie eine Parkuhr, dafür breit wie ein Bardolino-Faß. Sein Wachturm ächzte, wenn er ihn erklomm. Eines Abends, wir wollten eigentlich die Fischplatte "Elba" kalt machen, kam er von seinem Turm geklettert und sagte: "Wolle laufe?" Ich stutzte. Hatte ich richtig verstanden? "Keine Schuhe", sagte ich und deutete auf meine eleganten geflochtenen Slipper vom Schuh-Discount nebenan. "Egale, am Strande", sagte er. "Gern", sagte ich völkerverbindend.

Wir winkten Elsa und Mona und dackelten gemächlich los. Sergio keuchte nach wenigen Metern, aber er blieb eisern. Nach einem halben Kilometer drehte er sich um. Von unseren bezaubernden Gattinnen war nichts mehr zu sehen. Sergio schwenkte hart nach links, in ein Strandcafé. Vier Bier und sechs Averna später machten wir uns auf den Heimweg. Sergio, der Fuchs, hatte Pfefferminz dabei. Ich spuckte in den Sand und sagte "Totti".

Albernd trabten wir zu unseren Frauen zurück. Es fiel uns leicht, vor Erschöpfung leicht zu schwanken. Vom Trinken hatte ich einen Bärenhunger bekommen. Und noch mehr Durst. So übten wir fast jeden Abend. Das Ergebnis des italienischen Geheimtrainings waren vier Kilogramm mehr auf der Waage und eine ruinierte Form. Italien? Wenige Wochen vor dem Holsten-Cityman? Völlig indiskutabel dieses Jahr.

Mona würde sich alternativ noch auf eine Seefahrt einlassen, auf einem Dreimaster. Der Kahn ist gut 30 Meter lang. Aber 167 Mal ums Deck dackeln, um auf einen Kilometer zukommen, das geht auch nicht. Die Sohlen würden völlig einseitig abgerieben. Die ganze Körperstatik käme durcheinander, Fehlstellungen in Knie und Hüfte oder Verletzungsherde ohne Ende. Nein Schatz, wirklich nicht. Wo können Ausdauersportler ohne Angst vor Diskriminierung unter einigermaßen erträglichen Wetter- und Gesellschaftsbedingungen ihrer Mission nachgehen? Um ehrlich zu sein, am besten zuhause. Da kennt man die Köter wenigstens. Und die Radstrecken.

Neulich bin ich mit dem Zug von Berlin nach Magdeburg gefahren, Regional-Express der Linie 1, über Potsdam, Genthin und Güsen. Traumhafte Gegend. So gut wie menschenleer. Prächtig asphaltierte Straßen. Kein Verkehr. Topfeben. Wogende Felder. Das perfekte Trainingslager. Das Bahnhofshotel in Wusterwitz sah aus, als würde es bewirtschaftet. Einen Parkplatz hatte es auch. Und Satellitenschüssel. Und wenn die örtlichen Glatzen die Verfolgung aufnehmen, bekommt man noch gratis Tempotraining dazu.

Strand-Idyll: Bella Italia
DPA

Strand-Idyll: Bella Italia

"Wir sollten mal Urlaub in Deutschland machen", sagte ich eines Abends zu Mona. Karl starrte mich entgeistert an. Mona lüpfte die Augenbraue. "Es gibt so viele schöne Ecken hier, die man gar nicht kennt", sagte ich eilig, "auch wegen Karl, Heimatkunde ist doch ein wichtiges Fach." Lauernd fragte Mona: "Und welche Gegend schwebt dir so vor?"

Taktisch klug arbeitete ich mit dem Ausschlussverfahren: "Also, der Schwarzwald ist überlaufen. In Bayern regiert Stoiber. Die Ostsee ist langweilig und Sylt zu teuer. Bleibt eigentlich nur Brandenburg. In Wusterwitz kenne ich ein tolles Hotel." Karl verließ wortlos die Küche. Wahrscheinlich telefonierte er seine Freude ab, um zu erkunden, bei wem er sich für die nächsten sechs Wochen würde anhängen können.

"Aber denk' doch mal an die lokale Wirtschaft", sagte ich kleinlaut und spielte meinen letzten wenn auch erlogenen Trumpf: "Da gibt es auch Wellness, mit Klangschalen-Reiki und so was." Doch ich wusste, dass ich verloren hatte. "Meine Wellness ist Italien", sagte Duca Mona schroff: "Basta!" Schon gut. Aber ich trinke nur San Pellegrino mit Sergio.

Achim Achilles

P.S.: Haben Sie auch Fragen, Anmerkungen, ein Lob für meine einfühlsame Art? Wollen Sie eine Beratung oder gibt es ein Lauf-Thema, das Sie umtreibt? Dann schicken Sie doch einfache eine Mail an meine Adresse. Ausgewählte Antworten werden ab sofort jeden Donnerstag bei SPIEGEL ONLINE veröffentlicht.

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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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