Achilles' Verse Die Elite mit den Edding-Orden

Es ist völlig egal, welche Zeit man für einen Triathlon benötigt. Entscheidend ist, dass man einen Wettbewerb durchgestanden hat. Ein solcher Athlet schießt nämlich in der gesellschaftlichen Rangordnung auf eine Spitzenposition, wie auch Achim erlebt hat.


Triathleten in Hamburg: Temporär-Tattoo auf dem Oberarm
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Triathleten in Hamburg: Temporär-Tattoo auf dem Oberarm

Über die Länge von T-Shirt-Ärmeln kann man wundervolle Ehekräche anzetteln. Mona sieht immer so rassig aus, wenn sie sich aufregt. Leider hat sie kein Verständnis für die wichtigen Dinge im Leben, Spuren von Edding-Stiften zum Beispiel. Beim Triathlon bekommt ja jeder Teilnehmer seine Startnummer als Temporär-Tattoo auf den schwimmgestählten Oberarm gekritzelt. Zur Identifikation, falls man den Wettbewerb als Wasserleiche beendet. Mit einem grünen Zettel am Zeh wäre es ja auch schwierig, die Schuhe zu wechseln. Diese Edding-Nummer jedenfalls ist die größte Trophäe des Triathleten: der Nachweis echter Heldentaten.

Würden bei Laufwettbewerben die Startnummern derart eingraviert, wäre die Beteiligung doppelt so hoch. Diese blöden Blechmedaillen, die es überall gibt, kann kein Mensch mehr auseinander halten. Außerdem sind sie in der Öffentlichkeit nicht zu tragen ohne dass man für einen Karnevalsprinzen gehalten wird. Zu schwer sind sie auch. Ich hatte sie alle um meine Nachttischlampe gehängt. Neulich nachts sind sie runtergekracht, samt Lampe. Mona hat die Medaillen am nächsten Tag in den Müll geworfen. Aber ich habe sie alle wieder rausgeangelt. Sie rochen kaum. Dann wurden sie im Keller versteckt, hinter Monas staubiger Staffelei.

Edding-Startnummern sind kostbar. Orden des Ausdauersports. Sie müssen so lange wie möglich sichtbar gehalten werden. Beim Duschen halte ich den Oberarm immer ins Trockene. Ich habe auch schon versucht, die Nummer nachzuziehen. Aber das fällt auf. Und jetzt kommen die T-Shirt-Ärmel ins Spiel. Ich habe ein etwa 25 Jahre altes Leibchen mit Karl, dem Koyoten, darauf. Es liegt sehr körperbetont an, jugendlich eben, vor allem aber hat es extrem kurze Ärmel. Die Nummer ist zur Hälfte sichtbar, genau so weit, dass sie jeder sofort entdeckt, und trotzdem sieht es nicht wie angeberisches Zurschaustellen aus (was es natürlich ist). Wie das Stacheldraht-Tattoo von Pamela Anderson.

Wenn ich heute abend schon mitgehen muss zu Monas Freundin Lydia und ihrer sterbenslangweiligen Grillfete, dann will ich wenigstens auf die Zahl am Arm angesprochen werden. Angeben ist Ausdauersportlern allemal wichtiger als Training. "In diesem albernen T-Shirt nehme ich dich nicht mit", belfert Mona, während sie eine CD mit tibetischem Klangschalen-Schmus in Geschenkpapier zwängt. "Wieso, das ist total angesagt", entgegnet ich trendkompetent, "vintage und so". Mona schnaubt. "Na gut, bleibe ich eben zu Hause", maule ich, "oder geh trainieren. Friss dich doch alleine fett". Meine Gattin nimmt mich in den Polizeigriff und schleppt mich zum Auto.

Lydia und ihr Langeweiler-Freund Conny wohnen in Kleinmachnow in einer Reihenhaussiedlung, die auch in Coesfeld oder Eschborn stehen könnte. Vor jedem Haus steht ein alberner Geländewagen, hinter jedem Haus qualmt ein Grill. Die Frauen hier besitzen alle Stepper und Schwitzgürtel aus dem TV-Shop und sparen für eine Rundum-Schönheits-OP.

Was Golfer halt so erzählen

Conny hat eine Schürze um, auf der ein nackter Frauenleib abgebildet ist. Das ist seine Sorte Humor. Er arbeitet als "Finanzdienstleister", vulgo Lebensversicherungsaufschwatzer. Conny spielt Golf, die Schläger hat er gut sichtbar in seiner schwarzen Geländekarre drapiert. Er erzählt, was jeder Golfer erzählt: "So entspannend, totale Herausforderung." Aber auf dem Grill reicht es nur für fettes Bauchfleisch von einem Schwein, das den Kaiser noch erlebt hat. Der Nachbar ist auch da, er heißt Maik, macht keinen Schritt ohne die Pulle Lübzer. Ossi. Fußballproll. Trägt Union-Trikot und Dreiviertelhosen mit Bändsel, Flip-Flops mit Blumen und einen MP3-Player um den Hals. Nichts ist peinlicher als Väter, die versuchen, flippiger als ihre Söhne auszusehen. Maiks adipöser Spross ist Ersatztorwart in der 5. C-Jugend von Kleinmachnow.

Schwimmstart im Morgenlicht: "Für Ironman fehlt mir die Zeit"
REUTERS

Schwimmstart im Morgenlicht: "Für Ironman fehlt mir die Zeit"

Lydia lobt ihr "Low-carb-Buffet", das vor allem aus matschigen Zucchini-Lappen und Paprikastreifen besteht. Die homöopathische Menge Fladenbrot, die die Hausherrin spendiert hatte, klebt längst in Connys Verdauungstrakt. "Kannste Dich wenigstens mal waschen, wennste dich bei anderen Leuten durchfrisst?", mault Conny auf seine plumpvertrauliche Art und zeigt auf meinen Arm. Danke, Conny, danke für diese Volley-Vorlage. "Was?", frage ich, als wüsste ich gar nicht, was er meint. "Ach so, das ist nur die Startnummer vom Triathlon letztes Wochenende, die geht so schwer ab", sage ich sehr beiläufig. Andächtiges Schweigen. "Dett ist doch Rad fahren, Laufen, Schwimmen" erkundigt sich der dicke Maik. "Aber nur olympisch", erkläre ich gnädig, "kein Ironman. Dafür fehlt mir einfach die Zeit".

Die Männer nicken. Von Connys Stirn tropft Schweiß auf den Grill. Ich weiß, dass beide sich und ihre Wampen verfluchen. Ich weiß auch, dass unsere Frauen dem Gespräch sehr genau zuhören, das merkt man an der ungewohnten Stille im Großraum Hollywoodschaukel. "...er wird immer besser", höre ich Mona wispern. Heute Abend werden sich die Herren noch was anhören müssen, jede Wette. Mein Mönchen dagegen wird stolz auf mich sein. "Im Herbst fange ich das Laufen auch wieder an", sagt Maik. "Nee, klar", sage ich. Wir machen uns noch ein Bier auf. Vom Golfen hat Conny den ganzen Abend nicht mehr erzählt.



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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