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20. Dezember 2005, 09:10 Uhr

Achilles' Verse

Ein bisschen Liebe und sehr viel Vernunft

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An Weihnachten hat Achim keinen Spaß. Seine Diät und die vielen Genüsse dieser Zeit harmonieren nicht miteinander. Geschenke fürchtet er, denn eigentlich hat er schon alles. Das Vorhaben: straffer Festtagszeitplan, damit mehr Zeit fürs Training bleibt.

Weihnachten ist mir völlig egal. Diese Völlerei ist fürchterlich. Ich könnte um die Kirche laufen, wenn Mona und Karl sanftäugig das Krippenspiel stammelnder Drittklässler bestaunen, die wieder die Hälfte vom Text vergessen haben. Oder wenigstens auf der Treppe Gymnastik machen, wenn "Stille Nacht" kommt.

Läufer im winterlichen Park: Zum Glück gibt es hier keine gefüllten Kühlschränke
AP

Läufer im winterlichen Park: Zum Glück gibt es hier keine gefüllten Kühlschränke

Am Vormittag gehe ich auf jeden Fall trainieren. Im Grunewald sind wenigstens keine mit leckeren Dingen gefüllte Kühlschränke, um die ich herumschleichen könnte. Es war eine Irrsinnsidee, ausgerechnet im Dezember eine Diät zu beginnen. Nur die Aussicht auf den schlanksten Januar seit zwanzig Jahren lässt mich in demütiger Düsternis darben. Mona sagt, ich solle einfach kleinere Portionen essen. Wie kann das gehen? Gänsekeulen sind wie Deutschland - unteilbar. Halbierte Knödel sehen unästhetisch aus. Und wer will schon eine angebissene Marzipankartoffel weiterlutschen?

Zum Glück ist Mona schon ganz schön schwanger. Sie darf nichts trinken und kann nur noch wenig essen. Kein Platz mehr. Karl ist froh, wenn er Fernsehen gucken und dabei unsere Weihnachtsteller plündern darf. Wir werden ein Fest von etwas Liebe und sehr viel Vernunft feiern. Im KaDeWe werde ich eine kleine Flasche Champagner kaufen, 0,375 Liter, die wahrscheinlich genauso viel kostet wie ein Sixpack Veuve Spülstein bei Aldi. Dazu einen Klacks Gänsestopfleber.

Was mir Mona dieses Jahr wohl schenkt? Eigentlich habe ich alles. Neue Funktionsunterwäsche könnte ich gebrauchen. Von Schiesser soll es da eine neue Kollektion geben, eine Art Stützstrumpf für den Oberkörper. Darin sehe ich fast aus wie Warnecke, dieser Schwimmer mit dem Schubladenkinn. Obwohl: Ich glaube ja nicht an intelligente Fasern. Wären Sportleibchen wirklich schlau, würden sie nicht freiwillig stundenlang auf meinem Rücken oder sonst wo kleben.

Vielleicht lieber eine Monatsportion MyMix: Vitamine und Mineralstoffe, nur auf mich und meinen Turboleib abgestimmt und individuell angemixt, in dreißig kleinen Tütchen. Empfiehlt das Bundesforschungsministerium. Von beiden Sachen habe ich Mona wie zufällig eine kleine Anzeige auf den Tisch gelegt, so als ob ich sie dort vergessen hätte. Das klappt seit zwanzig Jahren nicht, ich versuche es trotzdem immer wieder.

Voriges Jahr kam sie mit diesem albernen GPS-Dingsbums, das ich mir an den Oberarm schnallen sollte, um vom Satelliten zu erfahren, dass ich gerade auf der meist befahrenen Straße Westeuropas überrollt werde. Ich hoffe, ich habe mich nicht so überschäumend gefreut, dass sie dieses Jahr wieder auf die Idee kommt, mir sichtbar zu tragendes Spielzeug zu schenken, das die Wildschweine im Grunewald vor Lachen durchs Unterholz kugeln lässt. Frauen verschenken ja gern Sicherheitsschnickschnack, Signalweste oder Stirnlampe, damit der Ernährer zwar lange wegbleibt, aber heil nach Hause kommt.

Wem gar nichts mehr einfällt, erwirbt den Lactat-Scout für den kleinen Piekser zwischendurch, nur um zu gucken, ob alles klar ist im Blut. Oder den Thresholt, eine Plastiktröte zum Hineinhecheln. Das soll die Atemmuskulatur stärken, kostet nur 37 Euro und bringt 4,6 Prozent Leistungszuwachs, wenn man Samstagabend vor "Wetten, dass..." in die Plastikröhre röchelt. Da schnurrt die Gattin vor Begeisterung.

Der in die Jahre gekommene Lauf-Guru Peter Greif, der derlei Scherzartikel vertreibt, führt in seinem Laufdiscount noch ganz andere Sachen: zum Beispiel Reizwäsche für den Sexy Runner. Statt Eingriff glitzert da Lack im Schritt. Sehr verschärft, keine Frage, nur dürfte der kleine Peter nach spätestens fünf Kilometern Hardcore-Scheuern im Plastikfutter einem ungegrillten Cevapcici gleichen. Bitte nicht, Mona.

Ich will auch artig die Einkaufsliste abarbeiten, die Du mir in die Hand gedrückt hast, für die Kosmetikabteilung im KaDeWe, mit Produktnamen und Menge. Ich muss nur noch die Kreditkarte auf den Tresen feuern, in Ohnmacht fallen, fertig.

Wir sollten Weihnachten rigoros verkürzen: Kirche, Köhler, Präsente, Schluck Schampus, Teelöffel Leber und ab in die Falle. Nächsten Morgen dann früh raus zum Training. Der ganze Weihnachtszauber wäre in 24 Stunden locker erledigt, wären die Drei Heiligen Könige nicht so erbärmlich langsame Walker gewesen.

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