Achilles' Verse Ein sportliches Glaubensbekenntnis

Was haben Laufen und Beten miteinander zu tun? Ziemlich viel, findet Achim Achilles, für den sich bei näherer Betrachtung erstaunlich viele Parallelen ergeben. Denn, ob Hobbyathlet oder Marathonprofi, das Stoßgebet kennt wohl jeder Läufer.

Betender Fußballer Grafite: Enge Verbindung zwischen Sport und Glauben
AFP

Betender Fußballer Grafite: Enge Verbindung zwischen Sport und Glauben


Sportwissenschaftler sind ja wie Schiedsrichter. Zur Profi-Karriere hat es nicht gereicht, also müssen sie sich irgendwie anders wichtig machen in der Arena. Deswegen stellen Sportwissenschaftler fest, dass Stretchen gut oder falsch ist und Kaffee vor dem Laufen tödlich oder beflügelnd. Nur in einem ist sich selbst die Wissenschaft leider einig: Training hilft meistens.

In aufwendigen Versuchsreihen hat die Sporthochschule Köln festgestellt, dass Laufen und Beten viel gemeinsam haben. Auch wenn nicht jeder betet, der beim Intervalltraining an die Apokalypse denkt, hätte man zu diesem Resultat auch ohne Experiment kommen können. Ein Abend auf der Tartanbahn im Mommsenstadion hätte gereicht.

In Wirklichkeit ist Laufen nicht so ähnlich wie Beten, sondern exakt dasselbe: Laufen ist Beten, und zwar noch vor dem Aufstehen: Bitte lass den ersten Schritt des Tages nicht wieder so höllisch schmerzen wie gestern! Bitte keine Intervalle auf dem Trainingsplan! Und nicht wieder die blöde Kuh beim Training und den jugendlichen Meilenbeißer erst recht nicht! Bitte nicht schon wieder Letzter zusammen mit den Scheintoten!

Und schick endlich mal wieder die leckere Triathletin in die Sauna, die mich immer so interessiert anguckt, aber lass mich nicht das große Handtuch vergessen, das ich wie zufällig über meinen Bauch drapieren kann. Aber wahrscheinlich ist sie gerade beim Foto-Shooting.

Gerade Läufer im besten Alter beten praktisch den ganzen Tag lang. 40 ist eben nicht nur die neue 20, sondern auch die alte 80. In der Not greift man eben zu den Rezepten von Oma. Und die ging jeden Sonntag in die Kirche. Da lauf ich in den Blätterdom des Grunewalds. Und weil beides von einer gewissen Langeweile ist, fängt man eben an, über jeden Mist nachzudenken, was mit der Zeit ins Beten übergeht. Aber wer erlebt schon das meditative Brabbeln im Paralleluniversum der Endorphine?

Gregorianische Harmonie mag beim Laufen in der dünnen Luft Tibets vorkommen oder bei Emo-Joggerinnen, die jeden Baum umarmen, aber im Alltag praktisch nie. Da kann sich auch der zartfühlendste Kirchentags-Besucher nicht der inneren Scharia erwehren, die dem Coach, der grinsend Sprints befiehlt, eine Sofort-Steinigung wünscht. Leider fehlt die Kraft.

Hundehaufen im Herbstlauf und Stoßgebete ab Kilometer 34

Wie auch? Der Läufer hat gar keine Zeit für Kontemplation. Läuft er alleine, betet er, dass ihn keiner auf der Abkürzung erwischt. Läuft er in der Gruppe, hofft er, dass das Grummeln im Bauch nicht das ist, wonach es sich anfühlt und dass das Blätterbüschel unter den neuen teuren Schuhen nicht etwa deswegen so hartnäckig am Hacken klebt, weil das Herbstlaub einen Hundehaufen verbarg. Läuft er seit langem zum ersten Mal wieder, betet er, dass auch die arg gespannte Hose durchhält.

Fortgeschrittene Läufer unterscheiden zwischen Angst-, Stoß-, Hass- und Hoffnungsgebet. Das Angstgebet ist wohl die verbreiteteste Form: Die Puste, die Waage, die Pulsuhr - aber nirgendwo wartet Erlösung. Gesteigerte Angst führt zum Stoßgebet, das mit der Atmung korrespondiert. Zu Stoßatmung und Stoßgebet kommt es gern ab Marathon-Kilometer 34, übrigens garantiert supra-religiös: Christen, Hindi, Muslime und Tantra-Yogis beten alle das Gleiche: Lass den Mist endlich vorbei sein!

Auf den allerletzten Metern schlägt das Stoßgebet dann ins Hassgebet um: Wüste Flüche und Verwünschungen treffen vor allem jenen säbelbeinigen Senioren, der kurz vor dem Zielstrich noch überholt, auch wenn man dem Sportsfreund nachher auf die welke Schulter klopft.

"Wir möchten mit unserer Studie weder den Sport auf eine religiöse Ebene heben noch die Religion trivialisieren", erklärt übrigens Forschungsleiter Schneider. Keine Sorge, Doc: Das machen wir Läufer schon selbst.

Achim Achilles liest am Donnerstag, 4.11., in der Stadtbibliothek Emsdetten. Am Freitagabend, 5.11, bei den Trailrun Worldmasters in Dortmund. Weitere Infos gibt es hier .



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