Achilles' Verse Geisterläufer auf der Tartanbahn

Die gute Nachricht vorweg: Achim läuft wieder, sogar draußen und auf Leistung. Die schlechte Nachricht: Zu dieser Jahreszeit riskiert unser Winterlaufmuffel Kopf und Kragen. Denn nicht jeder kennt die Regeln für eine klassische deutsche Stadionrunde im Dunkeln.


Der Winter ist ein grausamer Geselle. Er zwingt den Läufer zu widernatürlichem Tun. Wer begibt sich schon freiwillig in Dunkelheit und Kälte, die beiden größten Feinden der Menschheit? Nur Hunger ist noch schlimmer. Heute habe ich einen Dominostein mit unserem japanischen Rasierklingenmesser in sechs Teile seziert, das einzelne nicht mal fingernagelgroß. Jedes Stück habe ich etwa drei Minuten im Mund behalten, möglichst ohne Zungenkontakt, um es nicht vorschnell schmelzen zu lassen. Neuer deutscher Rekord im Dominosteinlutschen: 18 Minuten.

Stadion, Tartanbahn: Richtungspfeil vergeblich gesucht
DDP

Stadion, Tartanbahn: Richtungspfeil vergeblich gesucht

Diät in der Weihnachtszeit ist und bleibt eine Schwachsinnsidee. Egal, ich ziehe das jetzt durch. Mona und Karl sind Pizza essen. Ich nicht. Böse Kohlehydrate, pfui Spinne. Ich bin um 19 Uhr zum Hubertus-Sportplatz gefahren. Das Tor war noch offen. Ein paar Fußballer tollten über den Rasen. Kicker sind harte Genossen, die wälzen sich auch über eisigen Rasen. Na ja, andererseits keine Kunst, wenn einem einige Hirnregionen fehlen. Ein alleinstehender Flutlichtmast warf sein Restlicht auf die Laufbahn.

Ich sah nichts, außer dem schimmernden Eis in den Kurven. Meine blöde Polar-Uhr litt an Beleuchtungsmangel infolge chronischer Batterieschwäche. Langsam trabte ich meine Runden. Der warme Duft von Weihnachtsplätzchen drang aus einem der umliegenden Häuser. Irgendwo knisterte ein Kamin. In der Ferne heulte ein Wolf. Hunger, Kälte, Einsamkeit - nie ist der Läufer auf der Tartanbahn einsamer als in einer Dezembernacht.

Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, traute ich ihnen nicht. Da waren wirklich noch andere Verrückte. Auf dem oberen Ring schlurfte ein Pärchen, er mit einer spärlich funzelnden Stirnlampe, sie leise, aber ununterbrochen quasselnd. 50 Meter vor mir auf der Innenbahn stampfte ein Laufdiesel. Plötzlich erbebte die Erde. Auf Bahn zwei kam mir ein monströses Wesen in gelber Regenjacke entgegen. Ein Geisterläufer, der offenbar nicht kapiert hatte, wie herum man auf einer ordentlichen deutschen Laufbahn trottet, erst recht bei Nacht.

Der Dicke war nicht schnell, dafür dampfte er wie Töchterchen Emma aus seiner luftdichten Verpackung. Vielleicht ein Sumo-Ringer. Ich lief anmutig, gleichwohl locker meine Aufwärmrunden. Pro Runde begegnete mir der Dicke bis zu drei Mal, was rechnerisch bedeutete, dass ich etwa, also ungefähr, auf jeden Fall deutlich schneller war. Er nervte fast so wie der Plätzchenduft. Manchmal schien der Koloss zu taumeln. Was passierte, wenn er auf meine Bahn geriet? Ich will mit dem Mops nicht kollidieren.

Vielleicht suchte das Regenjackenmonster Streit? Womöglich ein entlassener Strafgefangener, der jahrzehntelang Hofrunden gegen den Uhrzeigersinn absolvieren musste und es jetzt, endlich in der Freiheit, genoss, andersherum zu laufen. Oder ein Kannibale, der seine Opfer an sich vorbeilaufen ließ, um sich unversehens den fettesten zu schnappen. Das war zweifelsfrei ich. Ich bekam es mit der Angst zu tun.

Paff, da erlosch der Scheinwerfer vom Fußballplatz. Die Kicker hatten sich scherzend Richtung Kabine verabschiedet. Die Bahn lag im Dunkeln. Das Monster nahte. Das war am dampfenden Atem am Anfang der Gegengeraden eindeutig zu erkennen. Ich überlegte, ob ich auch die Richtung wechseln sollte. Die anderen Schattengestalten schienen verschwunden. Vielleicht hatte er sie schon verspeist.

Papperlapapp, Achilles, du hasenfüßiger Schwachmat. Bist hier, um fünf Mal 1000 Meter zu absolvieren. Bei der nächsten Startlinie legte ich los, Nummer eins. Nachts laufen ist anstrengender als bei Tageslicht. Die Bahn ist weicher. Die Dunkelheit voller Widerstand. Zweimal war mir das Monster bis zur ersten Zwischenzeit entgegengekommen. Er starrte mich hungrig an. Bei 500 Metern 2:17 Minuten. Auweia. Schwaches Bild.

Beim dritten Kilometer war er plötzlich verschwunden. Kein Gegenverkehr mehr. Ich lief einen letzten Tausender, den alleinsten aber schnellsten meines Lebens. Wo war der Moppel? Lauerte er im Gebüsch? Ich spurtete zum Auto. Verdammt, das Tor war zu, eine Falle. Ich erklomm den Zaun. Ratsch. Die Hose hatte sich an einer Zinke verfangen. Sprint zum Auto. Tür auf, rein, Knopf runter. Puuh, geschafft. Die Angst verflog langsam. Dafür kam der Hunger wieder.

Achilles' Hüfte:
Aktueller Gewichtsstand nach der ersten Woche Weihnachtsdiät - wohlwollend abgelesen etwa minus 400 Gramm, macht einen Rest von 95,6 Kilogramm.

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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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