Achilles' Verse Hawaii, ich komme!

Man muss Ziele haben, sonst droht einen die Lethargie zu übermannen. Vor dieser Gefahr ist auch Achim Achilles nicht gefeit. Deshalb hat der Marathonheld jetzt sein großes Abenteuer in Angriff genommen. Er trainiert - Parole: "Dem Rost keine Chance" - für den Start beim Ironman auf Hawaii.


Schwimmer beim Triathlon: Eine Zwangsjacke namens Neopren-Anzug
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Schwimmer beim Triathlon: Eine Zwangsjacke namens Neopren-Anzug

Mona ist eine Schlange. Sie steckt mit Klaus Friedrich unter einer Decke. Die beiden wollen mich leiden sehen. Sie wollen sich amüsieren, wenn ich ersaufe. Ich soll Letzter werden oder gleich im Notarztwagen durchs Ziel rollen. Und alles nur, weil ich mich ein paar Mal spaßig über Karl Friedrich und seine Baby-Triathlons ausgelassen habe. "Berliner Volkstri" mit 700 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren und 5 Kilometer Laufen. Oder "Holsten-Cityman" in Hamburg, mit doppelter Distanz. Kinderkram, habe ich gesagt, das absolviert ein Marathonmann auf einem Bein vorm Frühstück.

Zu meinem Geburtstag neulich, bei dem ich wieder mal Anfang 40 geworden bin, hatte Mona tatsächlich in eine ihrer zahlreichen Handtaschen gegriffen und mir die Polar S625X spendiert. Der Ferrari unter den Chronometern, der das Walkerpack im Grunewald wissen lässt: Hier ist einer, der es ernst meint mit dem Sport, ihr Bausparer.

Leider braucht man ein Ingenieursstudium, um das Ding zu kapieren. Außerdem ist die Batterie am Schuhsensor leer. Die Bedienungsanleitung hat über 100 Seiten und erklärt nur Sachen, die niemand wissen will. Wahrscheinlich sind die Finnen nur Pisa-Weltmeister geworden, weil sie schon im Kindergarten Polar-Gebrauchsanweisungen auswendig lernen müssen. Und wer sie noch komplizierter machen kann, wird in die erste Klasse versetzt. Beim nächsten Kreuzbandriss werde ich mich damit beschäftigen. Mona zuliebe habe ich sie trotzdem umgebunden. Die gute, alte einfache M5 hatte ich in der Tasche.

Um beim Erwerb der S625X keinen Fehler zu machen, hatte Mona Klaus Friedrich konsultiert. Das elende Großmaul hatte natürlich sofort mit seinen Triathlons angegeben. Und so war ein weiteres Geschenk entstanden, das ich lieber gar nicht bekommen hätte: ein blutroter Umschlag. Und darin? Ein Startplatz für den "Holsten-Cityman".

"Triathlon hast du dir doch gewünscht, oder?", fragte Mona. Woher das plötzliche Verständnis? Willst du wirklich noch mehr pilzige Klamotten in der Bude, klackernde Radschuhe, Bananenreste überall, Badehosen voll Entengrütze? "Du hast zwei Monate Zeit", sagte Mona, "und du hast doch immer behauptet, dass du Karl Friedrich platt machst. Freust du dich denn gar nicht?" Doch, Schatz! Natürlich, Liebes! Ich bin nur so, so überwältigt.

Warum konnte ich auch mein verdammtes Maul nicht halten. Ich kroch in den Keller. Hinter Wänden von Kartons, dem Camping-Krempel und den Ikea-CD-Regalen, da glänzte mein Rennrad: Winora, 12-Gang, so gut wie neu. Eine Maschine, die mich in der Studentenzeit wie der Wind durch die Stadt getragen hatte. Aber wo waren die Reifen geblieben? Nur noch Krümel. Ich zerrte das gute Stück nach oben in den Hof. Ein paar neue Schlappen, ein Pfund Butter auf die Kette und ab geht der Achim.

Bei Tageslicht sah das Maschinchen etwas mitgenommen aus. Woher kam der Knick im Rahmen? Ich hatte wohl vergessen, wie ich 1986 leicht bedudelt in die Baustelle gebrettert war. Supi-Roland von oben kam vom samstäglichen Waschstraßen-Besuch und meckerte sein albernes Werber-Lachen. "Achim, du hast eine sensationelle Erfindung gemacht", prustete er, "das Rad, das man nicht mehr abschließen muss. Das will nämlich keiner klauen."

Läufer beim Start: Auf dem Trockenen
DPA

Läufer beim Start: Auf dem Trockenen

"Dann leih mir doch deins", entgegnete ich. Wie jeder Reklamefuzzi hatte Roland sich im Jan-Ullrich-Wahn ein Rennrad gekauft, seinen breiten Werberhintern aber höchstens dreimal über den Sattel lappen lassen. Zu anstrengend. Seither stand die Angeberkarre im Keller. "Aber nur geliehen", sagte er. "Hast du nicht auch noch einen Neopren-Anzug?", fragte ich. Roland hatte. Aus dem Jahr vorher. Als er auf dem Surfer-Trip war. Eine Trend-Schlampe im Haus ist Gold wert.

Am Nachmittag fuhr ich an die Krumme Lanke, Rolands Neo diskret in einer Sporttasche verpackt. Leider war ziemlicher Betrieb am Ufer. Also ab ins Unterholz, umziehen. Aber die elende Pelle war zu eng. Der Reißverschluss klemmte. Und ausgerechnet jetzt musste so ein dämlicher Schnüffelköter kommen. Herrchen pfiff das Vieh hektisch zu sich und gaffte. "Zum Schwimmen", erklärte ich. Er glaubte mir kein Wort und hielt mich für einen Perversen. Ich watschelte ans Ufer. Die Kinder im Sand kreischten. Ich plumpste ins Wasser. Das letzte Mal war ich in der Schule mehr als 100 Meter geschwommen. Im Urlaub gehörte ich zu der Sorte der Schnell-aber-wenig-Krauler, die sich nach dem fünften Zug elegant auf den Rücken drehten und eine Fontäne in die Luft spieen.

In Rolands Gummi war schon nach dem dritten Zug Ende. Ich konnte die Arme nicht bewegen. Das Ding war eine Zwangsjacke. Mit den Beinen paddelte ich die viereinhalb Meter zurück ans Ufer. Es war nicht viel, aber eine erste Bewegung in Richtung Hawaii. Es pochte wieder, das alte Kämpferherz.

Achim Achilles

P.S.: Haben Sie auch Fragen, Anmerkungen, ein Lob für meine einfühlsame Art? Wollen Sie eine Beratung oder gibt es ein Lauf-Thema, das Sie umtreibt? Dann schicken Sie doch einfache eine Mail an meine Adresse. Ausgewählte Antworten werden ab sofort jeden Donnerstag bei SPIEGEL ONLINE veröffentlicht.

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Seite 1
Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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