Achilles' Verse Im tiefen Tal der Beutelratten

Endlich ist es geschafft. Achim hat seinen ersten Triathlon mehr oder weniger erfolgreich hinter sich gebracht - und dabei wieder jede Menge Erfahrung für künftige Herausforderungen gesammelt. Speziell im Bereich der Ernährungswissenschaften.


Gewinner Ospaldy: Deutlich vor Achim im Ziel
REUTERS

Gewinner Ospaldy: Deutlich vor Achim im Ziel

Wenn einer am Sonntagmorgen in strömendem Regen barfuß im Taucheranzug über den Hamburger Jungfernstieg schlurft, dann ist er entweder ein Perversling und reif für die geschlossene Anstalt - oder ein Triathlet. Beim Holsten City Man am vergangenen Sonntag waren es mehr Taucheranzüge als Passanten - also Triathlon. Gerade hatte ich mich von der drallen Katja gelöst, die mir im Detail erzählt hatte, wie ihr Freund, der Jörg, voriges Jahr auf der Schwimmstrecke von Meter 500 bis Meter 1000 praktisch durchgehend gereiert habe, da trete ich in etwas schleimig-klebriges: ein Beutel Power-Gel, Geschmacksrichtung Apfel-Guarana.

Früher haben sie Shampoo daraus gemacht. Oder Haargel. Endlich ist das Geheimnis gelöst, wie die Leningrad Cowboys ihre Frisuren befestigt haben. Jeder Zweite hier reißt heimlich alle paar Minuten mit den Zähnen so einen Beutel auf und drückt sich die Klebe in den Mund: Kohlenhydrate, viele, kleine, Magenschleimhaut und Darmzotten verleimende Moleküle. Von wegen Fettverbrennung. Triathlon ist Gel-Verbrennung. Im tiefen Tal der Beutelratten.

Zum Glück ist die Schwimmstrecke von 1500 auf 900 Meter verkürzt. Zu kalt. Schön für Jörg: Da kotzt er 100 Meter weniger. Schön auch für mich: Mit meiner ausgefeilten Brust-Kraul-Techik könnte ich unter einer halben Stunde bleiben. Am Start halte ich meine Einzelkämpfermentalität im Zaum. Sollen sich doch die anderen die Hacken in die Weichteile bohren. Ich mache auf Tante Frieda im Hallenbad. Bei Regen und Kälte geht nichts über Schwimmen. Im Neo ist es weniger nass und kalt als draußen.

Das Stück unter der Stadthausbrücke ist ekelerregend. Im Backstein vollgeschissene Taubenlöcher und im Wasser ausgelutschte Gel-Beutel vom vergangenen Jahr. Vom Ausstieg bis zum Rad ist es ein knapper Kilometer. Es regnet. Meine Karre ist nicht zu übersehen zwischen all den tiefergelegten Kohlefaserteilen mit Scheibenrad. Trotzdem zwei Erfolgserlebnisse: Ich bin nicht der Letzte und ich lege mich beim Neoauspellen nicht auf die Fresse.

Ärgerlich: Die Socken wollen nicht über die nassen Füße. Mein Kopf ist auch aufgequollen: Der Helm passt nicht mehr. Dafür klemmt der Radschuhverschluss. Die Radhose hängt auf halb sieben. Am Zaun grienen gottverdammte Spanner, delektieren sich am alstergekühlten Schrumpfgemächt. Der Typ neben mir quetscht sich zwei Beutel mit Vanille-Aroma ins Gesicht und saust barfuß los. Kann ich auch. Hart, härter, Achim.

Kleister im Gesicht

Radfahren bei Regen ist eine überflüssige Angelegenheit. Der Vordermann walzt mir einen steten Strom Wasser ins Gesicht. Es schmeckt süßlich. Hoher Gel-Anteil. Klaus-Heinrich hatte mir auch zwei Beutel zugesteckt. "Italienische Ware", hatte er verschwörerisch geraunt, so, als ob es etwas Illegales wäre: "Knallt super." Den ersten Beutel habe ich mit den Zähnen nicht aufgekriegt. Drücken war keine gute Idee. Es knallte tatsächlich. Flatsch, hing mir der Kleister im Gesicht. Mit der Zunge habe ich aber noch eine Menge erwischt.

Wechselmarke: Raus aus dem Neo
REUTERS

Wechselmarke: Raus aus dem Neo

40 Kilometer sind eine elend lange Strecke. Schon nach der Hälfte hatte ich keine Lust mehr. Der Gedanke ans Laufen brachte mich um. Mein Körper gierte nach Kohlenhydraten. Ich machte mich über den zweiten Beutel her, lutschte noch die Farbe von der Alupackung.

Wieder Wechsel. Bücken zum Schuheschnüren. Knie wollen nicht biegen. Füße fühlen sich tot an. Schmerz überall. Zehn Kilometer Martyrium, das war klar. Jeder Schritt wie in Betonpuschen. Herr, gib mir Gel. Und neue Oberschenkel. Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Nur an Monas Gesicht bei Kilometer acht. Meine Elendsgestalt hätte ihr peinlich sein müssen, aber sie brüllte: "Super, Achim!" Wunderbare Frau. Sie war mit einer Freundin frühstücken gewesen. Ich sah große Croissants vor mir fliegen, mit Marmelade. Schüsseln mit Mohn-Marzipan-Joghurt.

Ich taumele durch die Hamburger Innenstadt. Das Toben der Millionen weist mir den Weg. Ich kann nicht mehr. Ich schwebe. Ich will nicht mehr. Ich könnte noch Stunden. Ich laufe und laufe. Ziel, Ziel, wo ist das Ziel? Ein gelbes Band würgt mich. Eine Hilfskraft hat mir eine Medaille umgehängt. "Ist ja gut", sagt sie, "Sie haben es geschafft."



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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