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13. September 2005, 11:30 Uhr

Achilles' Verse

Joggen mit Jo-Jo-Joschka

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Sonntag ist Wahl, aber wem die Stimme geben? Unser Achim denkt in Läuferkategorien - und sortiert gnadenlos aus: Warum Politiker wählen, die viel futtern und ihren Hintern nicht hochkriegen? Dumm nur, dass auch die Leichtathleten unter den Volksvertretern Macken haben.

Jogger Fischer (2000): Hinterher was Isotonisches trinken
DPA

Jogger Fischer (2000): Hinterher was Isotonisches trinken

Wählen ist wie Trainieren. Man muss es tun, das gehört sich so für einen anständigen Kerl, auch wenn es keine Aussicht auf Spaß oder Entspannung gibt, nicht mal die Hoffnung darauf, dass es nicht weh tut. In der Politik wie beim Laufen muss man sich zwischen zwei Übeln entscheiden. Tempotraining ist wie Merkel-Regierung: Es geht heftig zur Sache, und hinterher ist man entweder schwer verletzt oder international konkurrenzfähig.

Lange Läufe dagegen sind wie sieben Jahre Schröder: Die Strecke zieht und zieht sich. Auch wenn man längst den Glauben verloren hat, redet man sich immer wieder gut zu. Immer läuft die Hoffnung mit. Alles wird gut, irgendwann. Hinterher ist man auch erschöpft, hat später aber vielleicht die Kondition, um noch mehr Alles-wird-gut-Läufe zu absolvieren. Warum und wozu? Egal, Hauptsache, man war dabei. Vielleicht geht es einem hinterher auch einfach nur schlechter. Auf jeden Fall sind immer die anderen an allem schuld.

Wo sind die laufpolitischen Sprecher?

Mona hat es gut. Für eine Frau hat sie ein relativ geschlossenes politisches Weltbild: FDP, Union und die beiden kleinen dicken Linkskasper kann man nicht wählen, aus Prinzip nicht. Bleiben Rot und Grün. "Die sind auch behämmert", analysiert die Gattin treffend, "aber nicht ganz so doll." Also kriegt einer die Erst-, der andere die Zweitstimme. Fertig.

Läufer haben es da schwerer. Welcher Politiker kümmert sich um uns? Jede gottverdammte Randgruppe wird gehätschelt, jeder Lurch über die Straße getragen, Beamte behutsam zur Wahl geweckt und alle anderen Nichtsnutze ebenfalls umschmeichelt. Und wir Millionen Freizeitathleten? Nicht ein nettes Wort. Hat man jemals von einem laufpolitischen Sprecher gehört oder von einem Laufwegeplan? Früher war es leicht: Helmut Kohl war für den deutschen Wald, die Grünen auch - also war Schwarz-Grün die ideale Läuferkoalition.

Um herauszufinden, wen der Läufer dieses Mal wählen soll, muss ein zweistufiges Verfahren her. Zuerst fliegen alle raus, die nicht laufen oder nicht wenigstens verwandte Disziplinen betreiben. Merkel hat mal versucht, zu joggen, aber nach wenigen Metern wieder aufgegeben. Edmund Stoiber tut nichts ohne Kamera, Schröder und ein Langweiler namens Gerhardt spielen Tennis, Lafontaine futtert, Gysi lässt sein Hirn röntgen, nicht aber den Meniskus, und Koch und Wulff sind von Kindesbeinen an lauffaul. Alle raus. Die Skaterin Künast und die Walkerin Zypries dürften gerade noch so mitmachen. Hoffentlich joggt Heidi Wieczorek-Zeul nicht.

Zweiter Schritt: Von denen, die laufen, muss man die herausfiltern, mit denen man gern eine Runde drehen und hinterher was Isotonisches trinken würde. Jürgen Trittin läuft. Aber bei dem müsste man immer aufpassen, dass man nicht auf eine Ameise tritt. In den Wald dürfte man bestimmt auch nicht pinkeln. Dafür könnte er einem unterwegs diesen Zertifikathandel erklären. Na ja.

Westerwelle und der Teufelsberg

Kollege Fischer läuft auch, aber nur im Wahlkampf. Show-Jogger, kein Steher. Mal dick, mal dünn, Jo-Jo-Joschka. Undenkbar für einen regelmäßig trainierenden Athleten. Außerdem würde er immer nur aus seinen Büchern zitieren, jedes fünfte Wort wäre "Roadmap", jedes dritte "Minu" und jedes zweite "Ich". Kann man beim Laufen eigentlich einschlafen?

Müntefering läuft auch. Aber wer weiß, wie weit. Trainingspartner von "Münte" sollten einen Erste-Hilfe-Kurs besucht haben. Habe ich nicht. Out. Also Clement. Der wetzt morgens um sechs. Jede Wette, der quatscht die ganze Zeit, um zu erklären, warum die Arbeitslosenzahlen eigentlich viel besser sind als ihr Ruf. Nee, wirklich nicht.

Bleibt Westerwelle. Der hat im Büro einen grünen Rucksack mit Laufsachen. Angeblich bevorzugt er Bergaufläufe im Grunewald, am Teufelsberg. Nur hat ihn da noch nie jemand gesehen. So ist das mit den Liberalen. Haben tolle Rezepte, aber das hat die Spätfolgen von 16 Jahren Kohl auch nicht gemindert. Mit Westerwelle auf den Teufelsberg? Zu riskant. Nachher ist er schneller. Welch eine Blamage.

Was bleibt? Keine Wahlentscheidung. Nichts dabei für uns Läufer. Am 18. September soll das Wetter gut werden. Gehen wir halt laufen. Dann können wir nichts verkehrt machen.

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