Achilles' Verse Joggen mit Jo-Jo-Joschka

Sonntag ist Wahl, aber wem die Stimme geben? Unser Achim denkt in Läuferkategorien - und sortiert gnadenlos aus: Warum Politiker wählen, die viel futtern und ihren Hintern nicht hochkriegen? Dumm nur, dass auch die Leichtathleten unter den Volksvertretern Macken haben.


Jogger Fischer (2000): Hinterher was Isotonisches trinken
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Jogger Fischer (2000): Hinterher was Isotonisches trinken

Wählen ist wie Trainieren. Man muss es tun, das gehört sich so für einen anständigen Kerl, auch wenn es keine Aussicht auf Spaß oder Entspannung gibt, nicht mal die Hoffnung darauf, dass es nicht weh tut. In der Politik wie beim Laufen muss man sich zwischen zwei Übeln entscheiden. Tempotraining ist wie Merkel-Regierung: Es geht heftig zur Sache, und hinterher ist man entweder schwer verletzt oder international konkurrenzfähig.

Lange Läufe dagegen sind wie sieben Jahre Schröder: Die Strecke zieht und zieht sich. Auch wenn man längst den Glauben verloren hat, redet man sich immer wieder gut zu. Immer läuft die Hoffnung mit. Alles wird gut, irgendwann. Hinterher ist man auch erschöpft, hat später aber vielleicht die Kondition, um noch mehr Alles-wird-gut-Läufe zu absolvieren. Warum und wozu? Egal, Hauptsache, man war dabei. Vielleicht geht es einem hinterher auch einfach nur schlechter. Auf jeden Fall sind immer die anderen an allem schuld.

Wo sind die laufpolitischen Sprecher?

Mona hat es gut. Für eine Frau hat sie ein relativ geschlossenes politisches Weltbild: FDP, Union und die beiden kleinen dicken Linkskasper kann man nicht wählen, aus Prinzip nicht. Bleiben Rot und Grün. "Die sind auch behämmert", analysiert die Gattin treffend, "aber nicht ganz so doll." Also kriegt einer die Erst-, der andere die Zweitstimme. Fertig.

Läufer haben es da schwerer. Welcher Politiker kümmert sich um uns? Jede gottverdammte Randgruppe wird gehätschelt, jeder Lurch über die Straße getragen, Beamte behutsam zur Wahl geweckt und alle anderen Nichtsnutze ebenfalls umschmeichelt. Und wir Millionen Freizeitathleten? Nicht ein nettes Wort. Hat man jemals von einem laufpolitischen Sprecher gehört oder von einem Laufwegeplan? Früher war es leicht: Helmut Kohl war für den deutschen Wald, die Grünen auch - also war Schwarz-Grün die ideale Läuferkoalition.

Um herauszufinden, wen der Läufer dieses Mal wählen soll, muss ein zweistufiges Verfahren her. Zuerst fliegen alle raus, die nicht laufen oder nicht wenigstens verwandte Disziplinen betreiben. Merkel hat mal versucht, zu joggen, aber nach wenigen Metern wieder aufgegeben. Edmund Stoiber tut nichts ohne Kamera, Schröder und ein Langweiler namens Gerhardt spielen Tennis, Lafontaine futtert, Gysi lässt sein Hirn röntgen, nicht aber den Meniskus, und Koch und Wulff sind von Kindesbeinen an lauffaul. Alle raus. Die Skaterin Künast und die Walkerin Zypries dürften gerade noch so mitmachen. Hoffentlich joggt Heidi Wieczorek-Zeul nicht.

Zweiter Schritt: Von denen, die laufen, muss man die herausfiltern, mit denen man gern eine Runde drehen und hinterher was Isotonisches trinken würde. Jürgen Trittin läuft. Aber bei dem müsste man immer aufpassen, dass man nicht auf eine Ameise tritt. In den Wald dürfte man bestimmt auch nicht pinkeln. Dafür könnte er einem unterwegs diesen Zertifikathandel erklären. Na ja.

Westerwelle und der Teufelsberg

Kollege Fischer läuft auch, aber nur im Wahlkampf. Show-Jogger, kein Steher. Mal dick, mal dünn, Jo-Jo-Joschka. Undenkbar für einen regelmäßig trainierenden Athleten. Außerdem würde er immer nur aus seinen Büchern zitieren, jedes fünfte Wort wäre "Roadmap", jedes dritte "Minu" und jedes zweite "Ich". Kann man beim Laufen eigentlich einschlafen?

Müntefering läuft auch. Aber wer weiß, wie weit. Trainingspartner von "Münte" sollten einen Erste-Hilfe-Kurs besucht haben. Habe ich nicht. Out. Also Clement. Der wetzt morgens um sechs. Jede Wette, der quatscht die ganze Zeit, um zu erklären, warum die Arbeitslosenzahlen eigentlich viel besser sind als ihr Ruf. Nee, wirklich nicht.

Bleibt Westerwelle. Der hat im Büro einen grünen Rucksack mit Laufsachen. Angeblich bevorzugt er Bergaufläufe im Grunewald, am Teufelsberg. Nur hat ihn da noch nie jemand gesehen. So ist das mit den Liberalen. Haben tolle Rezepte, aber das hat die Spätfolgen von 16 Jahren Kohl auch nicht gemindert. Mit Westerwelle auf den Teufelsberg? Zu riskant. Nachher ist er schneller. Welch eine Blamage.

Was bleibt? Keine Wahlentscheidung. Nichts dabei für uns Läufer. Am 18. September soll das Wetter gut werden. Gehen wir halt laufen. Dann können wir nichts verkehrt machen.

insgesamt 1475 Beiträge
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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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