Achilles' Verse Läufer retten den Standort Deutschland

Rein statistisch sind Läufer nach Frauen und Katholiken ungefähr die drittgrößte Wählergruppe in Deutschland. Sie sind zudem ideale Bürger, Avantgardisten der globalisierten Gesellschaft und billig im Unterhalt. Grund genug für unseren Achim, endlich eine Partei für Läufer zu fordern.


Auch wenn man vor den meisten Politikern am liebsten einfach nur weglaufen möchte: Es gibt mindestens sechs gute Gründe, eine eigene Partei für uns Aktive ins Leben zu rufen.

1.)
Läufer sind die Idealbesetzung für Merkels Start, denn sie kurbeln den Binnenkonsum an. Kaum eine Bevölkerungsgruppe, außer vielleicht Zuschauer von TV-Shoppingkanälen, sind bereit, für jeden Unsinn dermaßen viel Geld auszugeben: für absurde Pillen, Bücher, Magazine, Horror-Videos mit Doc Nightmare Strunz, für hässliche Plastikwäsche oder nur für das Startgeld eines Marathons, um sich dort die Lunge aus dem Leib rennen zu dürfen.

Familie feuert an: Ewiges Warten auf den Vater
DPA

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Vor allem aber sind sie mustergültige Energieverbrenner: Wenn, sagen wir, täglich drei Millionen Läufer eine Stunde trainieren und dabei 400 Kalorien zusätzlich verbrennen, dann macht das 200 Millionen zusätzlich verkaufte Nudelteller im Jahr, genug, um alle italienischen Restaurants im Großraum Berlin zu füllen, oder rund eine Milliarde Beutel mit hochkonzentriertem Maltodextrin, womit klar wäre, welche Aktien wirklich Rendite versprechen. Weil sie für ihr exklusives Hobby viel Geld verdienen müssen, sind Läufer meistens auch gute Steuerzahler.

2.)
Läufer sind die Helden für Ulla Schmidts verkorkstes Gesundheitswesen. Entweder sind sie gesund, weil sie sich soviel an der frischen Luft bewegen. So entlasten sie das System. Oder sie sind verletzt, womit sie hoch qualifizierte Arbeitsplätze in Apotheke, Rehaklinik und Kniemanschettenindustrie schaffen. Das Gleiche gilt für die Rentenkasse: Denn Läufer sterben früh, weil sie nach einer verschleppten Grippe zu früh wieder anfangen zu trainieren und am Infarkt infolge einer Herzmuskelentzündung krepieren.

3.)
Läufer sind total verständnisvolle Menschengernhaber, wie Claudia Roth sie sich wünscht. Praktisch täglich akzeptieren sie Niederlagen, gegen sich selbst oder den Idioten, der sie auf den letzten Metern überholt hat. Und sie tragen immer T-Shirts, auf denen etwas von Frieden, Miteinander, Freude oder Umweltschutz steht. Und wie kann man eindrucksvoller seine Gefühle zeigen, als im Ziel heulend und schüttelfrostbibbernd zusammenzubrechen, um sich dann schwungvoll zu übergeben.

4.)
Läufer sind liberale Leistungsfetischisten. Sie wollen immer besser werden, kämpfen verbissen um Millimeter, Gramm und Nanosekunden. Läufer sind hungrig, so wie es sich in globalisierten Zeiten für Sieger gehört. Es ist genau diese FDP-Mentalität, vor der Chinesen, Inder, der ganze Weltmarkt sich fürchtet. Wir sind immer noch wer: "Made in Germany" lebt, zumindest in unseren Asics.

5.)
Läufer sind engagierte Mitmacher, Motoren der aktiven Bürgergesellschaft. Sie organisieren Laufreisen zum Emscher-Nachttriathlon, backen Kuchen für das Geburtstagskind in der Trainingsgruppe, sie rufen sich an, wenn das Tempotraining im Stadion verlegt wird. Läufer haben einen Organisationsgrad, von dem etablierte Parteien nur träumen können. Wir sind Freunde, wenn auch nur Sportsfreunde.

6.)
Läufer sichern die Demographie, denn sie sind Familienmenschen. Nicht etwa, weil sie Frauen und Kinder gerne haben - sonst würden sie ja nicht so häufig davonlaufen. Nein, sie brauchen einfach nur Personal. Wer anders als eine treu sorgende Gattin stellt sich mit klebrigen Pullen bei Marathon-Kilometer 32 in den strömenden Regen, lässt sich bei der Übergabe von ihrem entkräfteten Gatten anraunzen ("Gib schon her!") und radelt trotzdem tapfer weiter zu Kilometer 37, wo er eine halbe Stunde später vorbeiwanken wird?

Und nur vom ewigen Warten auf den Vater maximal gelangweilte Kinder erklären sich bereit, alberne Schilder mit Parolen wie "Vati, Du schaffst es!" oder "Unser Papa Kalle ist der Größte" zu malen.

Wählt ALF - die Allianz der Lauffreunde

Ehemaliger Spitzenläufer Baumann: Affärenerprobt
AP

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Um den Standort Deutschland zu retten, hilft also nur eins: die Gründung einer Läuferpartei, die Allianz der Lauffreunde, kurz ALF. Nur ALF ist in der Lage, dieses Land wieder nach vorn zu bringen: Wir können, wir wollen, wir machen. Der Berlin-Marathon wird unser Parteitag, der Lauftreff unsere Ortsvereinsversammlung, aber Dieter Baumann bitte nicht unser Kanzler.

Wir stopfen keine traurigen Nelken, sondern eine getragene Socke vom Vortag ins Knopfloch, als Nachweis dauernden Bemühens um Höchstleistung, um Binnenkonjunktur, Gesundheitssystem, Demographie und Miteinander. Leider dauert so eine Parteigründung eine Weile.

Darum müssen wir ernsthaft überlegen, von wem wir Ausdauersportler uns bis zur Machtübernahme durch die ALF regieren lassen.



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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