Achilles' Verse Pepe, die grunzende Walkerin

Eigentlich kann unser Achim mit Walkern nicht viel anfangen. Anders verhält es sich aber, wenn sie weiblich sind, einem berühmten Stinktier ähneln und beim Aufwärmen wie die kleine Schwester von Marlene Dietrich qualmen.


Stretch-Asse: Dehnen, bis die Sonne untergeht
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Stretch-Asse: Dehnen, bis die Sonne untergeht

Meine liebste Sportkameradin steht jeden Samstagvormittag auf dem Parkplatz am Berliner S-Bahnhof Grunewald inmitten ihrer Walking-Gruppe. Sieht aus, als hätte ein Laster eine Fuhre Teletubbies verloren. Schwankend stützen die Modellathleten sich auf ihre Stöcke und biegen ihre Körper mit leisem Grunzen. Meine Sportkameradin ist fast schlank und hat schwarz gefärbte Haare, was man am graublondem Scheitelstreifen erkennt.

Sie sieht aus wie "Pepe", das verliebte Zeichentrick-Stinktier, das sich für unwiderstehlich hält und mit französischem Akzent "Isch lieebe disch" schmachtet. Ich weiß nicht, wie sie heißt und wer sie ist, aber ihre Anmut fasziniert mich, besonders wenn sie ihre Zigarette so zwischen den gefährlich kirschroten Lippen hält. Wie Elisabeth Dietrich, die zu Recht unbekannte, etwas kompaktere Schwester von Marlene.

Viel Strecke hat "Pepe" noch nicht gemacht. Es ist auch nicht die erste Zigarette bei diesem Training, wie die beiden Lippenstiftkippen auf dem Waldboden verraten. Ihre Spezial-Handschuhe umfassen kraftvoll die beiden Spezialstöcke. Sie drückt die Schultern Richtung Spezialschuhe und schiebt den spezialhosenbespannten Steiß zur Sonne - alles ohne Qualm dabei in die Augen zu bekommen. "Und jetzt stretchen wir noch mal die andere Seite", ruft der Instructor, der früher mal "Wandervogel-Toni" hieß.

Stretchen ist perfekt für Walker. Eben auch ein Illusionssport. Klingt professionell, sieht einigermaßen wichtig aus, ist aber garantiert so frei von Anstrengung wie Stöckchenziehen. Im besten Fall hat man sogar eine Hand frei fürs Pilsken oder die Zigarette. Stretchen ist auch prima zum Zeitschinden: 10 Minuten Laufklamotten anziehen, je 15 Minuten An- und Abfahrt, 20 Minuten duschen und restaurieren, dann noch jeweils 15 Minuten vor und nach dem Lauf stretchen, und schon hat man mit einer halben Stunde Schlafftrab gefühlte zwei Stunden Sport getrieben.

Der Trick scheint sich herumzusprechen. Sonntags am Fischerhüttenweg kommt man keine vier Schritte weit, ohne über einen Hardcore-Stretcher zu stolpern. Am Treppengeländer, unten auf der Brücke, an jeder Bank hat ein Mensch ein Bein aufgelegt, biegt den Oberkörper darüber und befummelt mit angestrengtem Blick seinen Oberschenkel. Auweia, eine Muskelverhärtung! Aber wovon?

Manchmal steht auf der Wiese ein besonders engagierter Dehner wie ein Storch auf einem Bein und reckt die Arme in die Höhe. Seht her, Vati kann Power-Stretchen. Am besten sind allerdings die Kanonen, die wie tot an ihrem Auto lehnen, schwer pumpend, den Kopf tief zwischen die Arme gezogen. Preisfrage: Ein Kreislaufkollaps infolge Überlastung, ein feststoffbegleitetes Bäuerchen oder einfach nur Stretch-Alarm?

Dehnen muss sein, sagt die Fachwelt. Die Theorie behauptet, dass der gemeine Muskel sich nach getaner Arbeit zusammenzieht. Tut er das zu oft, verkürzt er sich dauerhaft. Stretchen nach dem Lauf wirkt dagegen. Und vorher ist es auch wichtig, dann muss man nicht so lange Laufen. Dehnen ist wie eheliche Treue. Eigentlich sollte man.

Das Problem: Keiner weiß, wie es geht. Bis ganz kurz vorm Wehtun dehnen, rät der Experte. Aber woher soll ich wissen, wann es kurz vor dem Wehtun ist? Entweder tut es noch nicht weh, dann habe ich nicht genug gezogen. Oder es tut weh, dann war es zu viel. Jede Wette, dass die Weltgemeinschaft der Jogger mehr Verletzungen durch Stretching erlitten hat als durch Nichtdehnen. Letztes Jahr erst bescherte mir brachiales Oberschenkeldrücken ein Vierteljahr lang Sehnenqual zwischen linker Hinterbacke und Kniekehle.

Ich bin bekennender Stretch-Muffel. Beineziehen ist langweilig, es sieht Uschi-artig aus und außerdem wackele ich immer, wenn ich eine Hacke mit beiden Händen an den Hintern ziehen soll. Manchmal hüpfe ich dann, um das Gleichgewicht zu halten. Eine entwürdigende Aufführung. Ich war immer steif wie Stoiber und werde es für den Rest meines Lebens bleiben. Meine Fingerspitzen hatten noch nie das Vergnügen, den Boden zu berühren, solange die Knie durchgedrückt waren. Na und? Bin ich Läufer oder Sir Ranjid Yogi?

Mein Mitläufer Klaus Heinrich ist ein manischer Dehner. Vor jedem Lauf baut er sich gut sichtbar auf und verrenkt sich. Komischerweise immer in der Nähe ebenfalls dehnender Frauen. Klaus Heinrich ist Single und schwört auf permanent-multiple Beziehungen. "Lass uns endlich laufen", quengle ich. "Noch zwei Minuten", wispert er zurück, "die Braut da vorne guckt schon." Natürlich rennen die Frauen immer sofort weg, wenn Klaus Heinrich ein Gespräch über die Vorzüge weichen Waldbodens im Spätsommer anfangen will. Nächsten Samstag mache ich ihn mit meiner Sportsfreundin "Pepe" bekannt.



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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