Achilles' Verse Versunken im Wadenmeer

Der Ironman also, das Original auf Hawaii. Darunter macht es unser Achim nicht. Von wegen Niveau und so. Damit es auf der Sonneninsel kein böses Erwachen gibt, haut der weiße Afrikaner richtig rein. Schade nur, dass es mit dem Laufen nicht richtig klappen will.


Agile Läufer: "Selbst herzlos, ohne Mitgefühl"
REUTERS

Agile Läufer: "Selbst herzlos, ohne Mitgefühl"

Ich fliege. Meine Füße berühren den Boden nicht mehr. Meine Lüngenbläschen saugen jedes Sauerstoffmolekül ein, das Hämoglobin jubiliert, der Muskel produziert schiere Kraft. "Freude hat mir Gott gegeben. Sehet! Wie ein goldner Stern!" 400 Meter, eine Runde auf der Bahn, das ist meine Distanz. Pures Glück. Die ersten 150 Meter jedenfalls. Schiller durchfährt mich bis ins Mark. Auf den letzten 250 Metern dann wonniges Leid: "Dem Schicksal leihe sie die Zunge, selbst herzlos, ohne Mitgefühl."

Ein Nachmittag auf dem Hubertus-Sportplatz, das ist die wahre Schlacht der Muskelfasern, das Hirn spielt verrückt. Vielleicht ist es das Glück. Auf jeden Fall die perfekte Triathlonvorbereitung. Schnellkraft tanken. Strategie: Schwimmen überleben, an der Kette reißen, beim Laufen explodieren. Hier auf dem Hubi sind keine Weicheier wie die großmäuligen Millionäre vom niedergewirtschafteten Grunewald-Tennisclub nebenan, die sich ihren Sport vom bankrotten Senat finanzieren lassen. Hier ist das Wadenmeer. Schau der Schenkel. Lechz und Posen. Jeder für sich. Aber alle gucken verstohlen. Wer hat sich schon Leistungs-Adern wie Feuerwehrschläuche ergaloppiert? Und wer trägt Quark unterm Hosenbein? Wo laufen Sie denn? Triumph. Verzweifeln. Sechs Bahnen breit Darwin. 400 existentielle Meter.

Tartan ist wieder da. Heute zu Füßen der Herren vom Postsportverein: der drahtige Aufschneider in seinem Schnucki-Höschen, der oben ohne läuft. Der behaarte Vollbart-Honk, der als Laufstil komisch mit dem Hintern wackelt, aber irre schnell ist. Der Vileda-Wischmob-Kopf, der immer losläuft wie ein Irrer, nur um fürchterlich einzubrechen. Die Mittfünfzigerin mit dem blondierten Bubi, deren irrer Kampflesben-Blick mir Angst macht. Die langbeinige Weitspringerin, die immer nur hüpft und stretcht und trippelt und dann einfach wieder nach Hause geht. Kein einziger normaler Mensch hier.

Nur ich. Kämpfer. Held der zehnmal 400 Meter. Ich muss schneller werden. Raus aus dem Trott. Qualität kommt von Qual. Fünf Runden habe ich schon, jeweils 90 Sekunden. Noch einmal fünf. Die ersten Meter sind geil, dann kriecht das Laktat die Beine hoch. Süße Qual. Nur schnell genug ist es nie. Der Flitzer mit dem Nichts von Hose hat mich schon zweimal überholt. Ich versuche Voodoo. Seine Hose soll platzen. Klappt leider nicht.

Noch ein paar Meter bis zum nächsten Start. Puls runter auf 108. Uhr drücken. Knie hoch. Eleganz ist mein zweiter Vorname. Mit Dampf aus der Kurve. Noch 250 Meter. Hinter mir Ächzen. Das Hosennichts schickt sich an zu überholen. Mehr Armeinsatz. Du kriegst mich nicht, schwitzende Schleimschnecke. Ich mache eine Faust. Beim Überholen hau ich ihm eine rein. Er zieht wie ein Gepard vorbei. Mir egal. Peinlicher Idiot.

Sonnenstudioschwuchtel. Noch 100 Meter. Taumeln. Aua. Meine Schenkel wollen nicht mehr. Hmpf. Luft. Hgnagnn. Die Sonne sticht mich tot. Aargh. Speichelfetzen. Wrgrfst. Reißende Muskelfaserbündel. Die Ziellinie. 86 Sekunden. Sauerstoff für leere Lunge. Der eitle Hosenmatz hat mich getrieben. Pumpen. Es reicht. Ich will nicht mehr. Ich muss. Training. Tempo. Immer weiter. Runde um Runde. Ohne Ziel, nie ein Ende.

200 Meter Gehen, dann 200 Meter locker traben. Dann wieder 400 Meter volle Pulle. Egal, was die anderen machen. Gar nicht beachten. Höchstens für eine kurze Statistik: Gehöre ich zur schnelleren oder langsameren Hälfte, wenn man die Rentner abzieht? Und die Frauen. Ist auch egal. "I spui mei Spui", hat der Sportphilosoph Ludwig Kögl gesagt. Es gelten nur deine Regeln. Und die Bahn-Ordnung. Tartanbahn ist wie Autobahn: Innen freigeben, außen Auslaufen.

Asphalt-Asse (in Mainz): "Warum siehst du so käsig aus?"
DDP

Asphalt-Asse (in Mainz): "Warum siehst du so käsig aus?"

Ich trabe wieder an. Vor mir drei Postsportfrauen. "Diese Woche über 100 Kilometer", höre ich die eine im Vorüberlaufen japsen. Ich bin froh, wenn ich auf ein Drittel komme. Dafür mache ich Tempo. Ich bin an der Linie angelangt. Keine Ausrede. Nur noch vier Mal. "Heil'ge Ordnung, segensreiche."

Diesmal tun schon die ersten Meter weh. Beton im Schuh. Krampf im Bein. Hitzschlag. Ich schleiche. Noch 392 Meter. Puls pocht im Ohr. Hoch die Hufe, Achilles! Noch 385. Aufhören mit Denken. Eins mit dem Universum. Schmerz? Was ist das? Wischmob vor mir. Schleppt sich. Letzte Reserve. Gleiche Höhe. Brust raus. Fotofinish. Auslaufen. 89 Sekunden. Auch gut.

Eine knappe Stunde später öffnet Mona die Tür. Stutzt. Erschrickt. "Warum siehst du so käsig aus? Alles in Ordnung, mein Achim?" Ich japse Entwarnung. Sie nimmt mich in den Arm, nass und fertig. Sagt einfach nur: "Mein Achim." Tempotraining ist geil.

Achim Achilles

P.S.: Haben Sie auch Fragen, Anmerkungen, ein Lob für meine einfühlsame Art? Wollen Sie eine Beratung oder gibt es ein Lauf-Thema, das Sie umtreibt? Dann schicken Sie doch einfache eine Mail an meine Adresse. Ausgewählte Antworten werden ab sofort jeden Donnerstag bei SPIEGEL ONLINE veröffentlicht.

Mehr zum Thema


insgesamt 1475 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.