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Achilles' Verse Was Fußballer von Läufern lernen können

Deutschland zittert vor dem WM-Aus, weil Poldi patzte und Miro foulte. Achim Achilles weiß: Unsere Nationalkicker können noch viel lernen - den Umgang mit Niederlagen zum Beispiel. Oder stilvolles Jubeln. Dafür haben sie Läufern aber auch einiges voraus.
DFB-Spieler Cacau und Özil: Stoßgebete und Volkstanzeinlagen

DFB-Spieler Cacau und Özil: Stoßgebete und Volkstanzeinlagen

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

Zwölf Kilometer läuft ein Nationalkicker im Schnitt pro Spiel.  Klose und Friedrich kommen wahrscheinlich nur auf die Hälfte, Lahm dagegen dürfte fast die doppelte Strecke machen. Zwölf Kilometer in 90 Minuten - das ist nicht wirklich eine olympiareife Leistung, sondern bestenfalls strammes Walking-Tempo. Dafür haben die Kicker gelegentlich einen widerspenstigen Ball zu zähmen, spüren die Stollen des Gegenspielers in der Wade oder müssen zu giftigen Sprints im Maximaltempo antreten.

Im Prinzip aber sind sich die Athleten beider Disziplinen ziemlich ähnlich: Könnten Läufer halbwegs virtuos mit einer Lederkugel umgehen, wären sie wahrscheinlich Kicker geworden. Und empfänden es Fußballer nicht als Höchststrafe, ohne Ball durch den Wald zu hechten, dann würden sie wohl auf die Jagd nach Bestzeiten gehen. Badstuber oder Baumann, Cacau oder Cierpinski, Müller oder Mockenhaupt  - die Helden auf dem Rasen oder der umlaufenden Tartanbahn sind sich ziemlich ähnlich in ihrem Ehrgeiz, ihrer Schmerzenslust und der Eindimensionalität. Dennoch können beide noch eine Menge voneinander abgucken.

Was Fußballer von Läufern lernen können:

  • Stilvolles Jubeln: Marathon-Sieger reißen im Ziel einmal kurz die Arme hoch und kollabieren erst außerhalb des Kamera-Schwenkbereichs. Kicker dagegen verwenden einen Großteil der Trainingszeit auf TV-gerechtes Baby-Schaukeln, Stoßgebete, Salti oder Volkstanzeinlagen.
  • Heldenhaftes Ertragen von Schmerzen: Wenn Läufer am Boden liegen, dann haben sie wirklich ein Problem, manchmal so groß, dass sie nie wieder aufstehen. Fußballer dagegen wälzen sich bei jeder Gelegenheit in endlosen Pirouetten über den Rasen, weil sie Zeit schinden wollen, Durst haben oder keine Puste mehr.
  • Umgang mit Getränken: Becher und Flaschen schmeißt man nicht aufs Sportgelände oder wie Hamburgs Guerrero ins Publikum, sondern diskret in den Rinnstein.
  • Krämpfe: In jeder Verlängerung erleben wir Spieler, meist italienische, deren Beine minutenlang von Mitspielern bearbeitet werden müssen. Au weia: Weder 90 noch 120 Minuten Belastung sind ein Grund für die Krampf-Show. Bisschen Magnesium vorher und Backpulver ins Trinkwasser, dann hört das Gealbere auch auf.
  • Niederlagen: Wenn 20.000 Marathonis an den Start gehen, ist ein Sieg deutlich unwahrscheinlicher als wenn zwei Mannschaften kicken. Manche Läufer, Achilles zum Beispiel, werden nie in ihrem Läuferleben irgendetwas gewinnen, wetzen aber trotzdem immer weiter. Denn sie haben sich ausgeklügelte Strategien zurecht gelegt, um mit den Schlappen umzugehen: Immerhin nicht Letzter! Schneller als letztes Mal! 347. der Altersklasse ist auch nicht schlecht! Und zur Not gibt's immer noch Ausreden wie Wetter, Strecke, Magen oder falsche Socken. Läufer können sich jede miese Leistung schönreden. Das schafft nicht mal Poldi.
  • Equipment: Echte Kerle gehen mit prallem Turnbeutel zum Sport und nicht mit einem tuntigen Louis-Vuitton-Täschchen am Handgelenk.

Was Läufer von Fußballern lernen können:

  • Vermarktung: Vor laufenden Kameras einfach mal das Ausrüster-Logo küssen, Lambada vor Werbebanden tanzen, Fensterrahmenreklame auf dem Hemdkragen tragen - diese Kühnheit haben Kicker den Läufern voraus.
  • Gehorsam: Die einen hören auf den Trainer, zumindest wenn er Felix, Louis oder Jogi heißt; die anderen eher nicht, selbst wenn es Klemmbrett-Karraß ist. Manchmal ist ein Fachmann ganz hilfreich, aber die besserwisserischen Asphalt-Treter wissen immer alles besser.
  • Rivalen: Es gibt keine kleinen Gegner mehr, nicht mal Serbien. Morgen schon könnte der Chef, der Nachbar oder Gattin Mona schneller sein. Andere zu unterschätzen, das bedeutet schon die halbe Niederlage.
  • Figur: Auch als moppeliger Ex-Kokser kann man zu den Besten der Welt gehören, wie man an Diego Maradona sieht.
  • Unschuldsgesten und Hundeblick: Hilft beim Schiedsrichter manchmal, empfiehlt sich auch bei Mona, wenn der Läufer das Bad mal wieder hinterlassen hat wie eine Jauchegrube . Nützt aber trotzdem meistens nicht.
  • Jubeln: Die Knierutsche unbedingt auf leicht feuchtem Rasen absolvieren und nicht auf trockenem Asphalt.

Was Läufer und Fußballer gemeinsam haben:

  • Training: Schadet nie, vor allem die kurzen knackigen Antritte.
  • Ausrüstungsfetischismus: Die neuen Schuhe sind garantiert viel schneller, leichter, besser als die alten. Die 200 Euro investieren wir doch gern, wenn auch wieder mal vergeblich.
  • Aufstellung: Vorne wuseln Exoten wie Özil oder Gebrselassie, hinten schnaufen die teutonischen Eichenmänner wie Arne und Achim.
  • Siegbier: Schmeckt hinterher am besten, vor allem Mittwochabends um 22.15 Uhr.