Achilles' Verse Wutbürger, Poser und Party-Alarm

Den Frust über seinen Berlin-Marathon hat Achim Achilles verarbeitet. Bei seinem langsamen Finish hatte der Wunderläufer wenigstens Zeit, seine Mitläufer zu begutachten - und hat dabei erstaunliche Parallelen festgestellt.
Läufer beim Berlin-Marathon: "Amüsanter Menschenzoo"

Läufer beim Berlin-Marathon: "Amüsanter Menschenzoo"

Foto: dapd

Natürlich wäre es schön, mal einen Marathon zu gewinnen. Doch wie quälend muss die Langeweile sein, so ganz allein an der Spitze. Dem gehetzten Blick der leistungsblinden Siegertypen entgeht ja das Schönste an den Ausdauer-Happenings, die derzeit allsonntäglich die Innenstädte von Berlin, Köln, Frankfurt oder Dresden lahmlegen. Denn da schiebt sich ein amüsanter Menschenzoo durch die City, der exakt die deutsche Gesellschaft abbildet: Im vorderen Drittel herrscht Leistungsfetischismus und Burnout-Alarm, es folgen Wutbürger und andere Poser, und hinten wird Party gemacht. Eine Soziologie des Volksfests namens Marathon.

Die rachitische Rakete
Von Geburt an Outperformer, der nie anderes atmete, als die dünne Luft knapp unterhalb des Gipfels. Spärlichst bekleidet, dramatisch ausgemergelt, vereinsamt. Das Letzte, was er von seinen Kindern hörte: "Mutti, wer ist der Mann im Hausflur?" Seine Partnerin ist die Pulsuhr. Dass er mit einer Zeit von 2:38 Stunden ins Ziel kommt, ist großartig, interessiert aber niemanden außerhalb der Altersklassenwertung. Zu schlecht für Olympia, zu gut, um die Lauferei gelassen anzugehen. Ein menschliches Drama. Steigerung bei Triathleten, die als Hartz-IV-Aufstocker halbtags im Radladen schrauben, um den Rest des Lebens für Hawaii zu trainieren.

Der Midlife-Michi
Im Job läuft's nicht mehr so, die Gattin hat sich längst anderen Lebensinhalten zugewandt, die Kinder kommen nur noch, wenn sie Geld brauchen. Einzige Aussicht auf Anerkennung ist ein Marathon unter vier Stunden. Verbissenheit im Blick, Unruhe im Leib. Endzeit garantiert über vier Stunden.

Die Grundguten
Athleten, die den Abstand zur Weltspitze mit moralischen Extensions zu egalisieren trachten. Treten als Tier-, Umwelt-, Minderheitenschützer oder mit saisonal wechselnden Protest-Hemden an den Kreidestrich. Was der Atomausstieg an Empörungspotential genommen hat, bringen Stuttgart 21, Euro und Elektrosmog durch Pulsuhren wieder zurück. Anpranger-Profis fliegen 14.000 Kilometer nach New York und zurück, um ein T-Shirt gegen den Klimawandel durch Manhattan zu tragen. Profis haben Laufhemden mit Klettverschlüssen gebastelt, wo sich die jeweils brennendsten Themen anpappen lassen.

Die Eigentlichs
Verkünden seit Monaten jede geplante Trainingseinheit ("Heute zwölf Mal 1000 Meter in 2:30 Minuten") auf Facebook, können sich dann aber doch nicht vom Rechner losreißen. Haben die gesamte Fachliteratur überflogen, Atemmuskeltrainer im Internet erworben, den Stoffwechsel per Eigenharnbehandlung optimiert und im Wohnzimmer eine dramatische Punktstrahl-Illumination für den Vitrinenschrank mit Medaillen- und Finisher-Shirts konstruiert. Schaltet man das Licht an, ertönt der Soundtrack zu "Fluch der Karibik". Beim Training berüchtigt als Lauf-U-Boote, die nur alle sechs Wochen mal auftauchen.

Der running Geek
Zu erkennen an der Sonnenbrille im Platzregen und an rasierten Unterarmen. Hat sich auf dem Laufband im Soho House und mit ein paar Ampullen vom Dealer des Vertrauens in Form gebracht. Trägt ausschließlich Fashion von Independent Surf Labels aus Neuguinea. Motto: Wenn schon nicht ins Ziel kommen, dann wenigstens stylisch auf der Notarzt-Pritsche enden.

Die Karnevals-Krakeler
Bekämpfen den Entzug bis zum 11.11. mit total lustigen Verkleidungen. Spazieren vom Start weg, schunkeln reflexartig bei jeder Kapelle, drängeln sich in alle Kameras, machen Jagd auf Kleinkinder, die dann ungefragt umarmt werden. Haben auf der Hälfte der Strecke alle "Kleinen Feiglinge" geext, die im Verpflegungsgürtel steckten. Zeit? Egal. Uhr ist eh schon abgebaut, wenn sie eintreffen. Einziges Ziel: ins Fernsehen kommen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.