Achilles' Verse Zauberwürfel an den Füßen

Gerade zwei Wochen ist Monas Attentat auf Achims Laufschuhe her, jetzt schlägt der große Meister zurück. Seine Rache ist exklusiv: Statt neue Treter von der Stange gibt es sündhaft teure, individuell designte Fußschmeichler aus dem Internet. Was Mona wohl dazu sagen wird?


Ich bin traurig. Einsam. Sie sind fort. Mona hat uns auseinander gerissen, meine schönen gar nicht so alten Laufschuhe und mich. Ich summe eine der immer gültigen Weisen von Peter Maffay: "Und wenn Schuh geht, dann geht auch ein Teil von mir ..." Ach Peter Maffay, der Arme. Nur unwesentlich größer als eine E-Gitarre, dafür diese Warze neben der Nase. Wie eine bekannte Politikerin der Grünen. Vielleicht sind sie verwandt. Zwillinge, seit der Geburt getrennt, weil die Schwestern auf der Babystation das synchrone Gejaule nicht ertragen konnten.

Ich bin zu traurig zum Laufen. Ich überlege, wie ich mich an Mona rächen kann. Ihre guten Stilettos passen nicht in die Moulinette. Glück für sie. Eigentlich gibt es nur einen Weg, mich aufzuheitern. Es ist das einzige, was Frauen und Sportler gemeinsam haben: Sie sind Fetischisten, die Trost und Erregung nur beim Schuhekaufen finden.

Schon seit längerem will ich mir meinen eigenen Schuh im Internet bauen. Da gibt es das Modell Federer oder Adu oder El Guerroujj, was immer das sein mag. Die Dinger sind nicht schön, aber teuer und total besonders. Ähneln den Beuteltretern, die der Wirt trägt, der immer "Kuckuck" macht in "Asterix bei den Schweizern". Lance Armstrong hat sie immer bei der Siegerehrung an, in schwarz. Die Hacke erinnert an eine Ferse nach 80.000 Kilometern barfuss auf Savannenboden, platt und breit. Die Sohle besteht aus unzähligen Einzelteilen und sieht aus, als ob sich das Laufen darauf anfühlt wie auf einem Grillrost. Egal ob die Dinger etwas taugen: Ich muss sie haben. Ich werde mir das ultimative Paar im Internet zusammenbauen. Einziges Problem: Woher soll ich meine Größe wissen? Also muss ich doch ins Geschäft.

Der Laden ist kein Laden, sondern ein Dom. Bilder von Sportlern, zwanzig Meter hoch, Ikonen des Körperkults. Helden mit Muskeln, umspannt von schnuffischnaffi engen Trendklamotten. Ich bin klein und dick. Wo sind die Asterix-Treter? Ich will raus. Alles zu perfekt hier.

Das ist der Grund, warum ich so gern bei einem bekannten Sport-Kaufhaus einkaufe. Reelles Linoleum auf dem Boden, schlechtgelaunte Verkäufer, die keine Ahnung haben und an der Kasse gepiercte Ost-Bräute mit sattem Karminrot im Haar. Keiner entkommt ihrem feindseligen Grundraunzen. Keine Sorge, Mädels, ich will die Mauer auch zurück. Immer gibt es Sonderangebote hier und Leute, die noch älter, fetter und langsamer aussehen als ich.

Der Kampf geht weiter

Im Tempel der Makellosen sind alle jünger als ich, fitter und rennen mit bunten Gummibändern am Arm umher. Früher trug man Transparente, wenn man der Welt was mitzuteilen hatte, was die gar nicht wissen mochte. Früher Rinderwahn, jetzt Bekennerwahn, mit Weckgummis. Braun für die sächsische Schweiz und Rot für Gysi. Grün für das Moos auf Horst Köhler. Demo light, prima Sache. Nächste Stufe des Protests sind bunte Hosentaschenfutter. Dann sieht es wenigstens keiner mehr.

Ich will ein goldenes Gummi, das heißt: Platz da für Power-Laufklamotten-Shopper. Ich habe mich in den ersten Stock vorgekämpft. Die bauchfreie Verkäuferin mit dem exotischen Blick lächelt mich an, dass ich, also, äh ... "Schuhe", stammle ich. "Ham wa", entgegnet sie mit Thüringer Schmelz. Ich wette, sie heißt Mandy. "Free" flüstere ich, "Größe 45." Die Dinger passen auf Anhieb. In einem Moment, als Miss Mandy Thüringen gerade wegschaut, mach ich mich aus dem Staub. Ich will mir doch meinen eigenen Schuh bauen.

Zauberwürfel: Wenn der Turnschuh zum farblichen Fiasko mutiert
AP

Zauberwürfel: Wenn der Turnschuh zum farblichen Fiasko mutiert

Zu Hause gleich an den Rechner. Mona ist zum Glück beim Schwangerschafts-Yoga. Sieben Grundfarben, da fällt die Entscheidung nicht so schwer. Obsidian, Eis oder Mint - eigentlich alles. Geht aber nicht. Also Eis. Für coole Typen. 19 Farben Innenfutter. Chrom-Gelb? Pink-Eis? Oder Clementine? Ich nehme Sport Royal. Klingt edel.

Seitenteil, ebenfalls 19 Optionen. Ich mache die Augen zu und fahre mit der Maus umher. Sie bleibt auf Piment stehen. Das Display zeigt mein Modell an. Grausam. Wie ein Zauberwürfel. So geht das nicht. Ich klicke mehr schwarz und weiß herbei. Schnürsenkel vielleicht doch in Limone, als verwegener Farbtupfer? Nee, sieht aus wie Britney Spears. Alles zurück auf weiß. Die Sohle sowieso. Und noch ein bisschen schwarz. Fertig. Geht doch.

Hm, toller Erfolg. Kaum ist eine Stunde rum, habe ich am Bildschirm ganz allein einen schwarzweißen Turnschuh zusammengefrickelt. Hätte ich im Laden in der halben Zeit bekommen. Und vor allem gleich mitnehmen können. So dauert es vier Wochen. Und Mandy ist auch nicht da.

Dafür kommt der Morgen, an dem der Paketbote klingelt. Ich werde den Karton entgegennehmen, vor Monas Augen die neuen Fußschmeichler auspacken und liebkosen. "Schon wieder neue Laufschuhe", wird sie zetern, "du hast doch mindestens sieben Paar." "Acht", werde ich sie lässig korrigieren. Sie wird grün werden vor Ärger. Der Kampf geht weiter.



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