Achilles' Verse Bremsen mit dem Schalthebel

Schwimmen, Radfahren, Laufen: Für Achim Achilles ist das eine seiner leichtesten Übungen - am liebsten hintereinander als Triathlon. Aber welche Veranstaltung ist für die Mensch-Maschine die richtige: gemütlicher Volkstriathlon oder Leistungsshow beim "5150" in Berlin? Ein Test muss her.

Triathleten auf der Radstrecke: Zeitfahrkarren aus Karbon
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Triathleten auf der Radstrecke: Zeitfahrkarren aus Karbon


Leistungshungrige Anwältinnen quetschen sich auf der Jagd nach schicken Fotos für die Kanzlei in widerspenstiges Neopren. Manager tauschen ihren Marathon-Startplatz gegen den Zeitfahrhelm - manche setzen ihn sogar richtig herum auf. Haarige Männer rasieren sich die Beine wegen der Windschlüpfrigkeit. Partner stöhnen, weil noch mehr Sportequipment in der Bude herumfliegt.

Deutschland ist im Triathlon-Fieber. Der Sport boomt, die Wettbewerbe sind in Minuten ausgebucht. Bleibt die Frage: Wo mitmachen? Bei der netten Familienveranstaltung mit selbstgebackenem Kuchen? Oder beim Kommerz-Triathlon mit Aussicht auf Hawaii-Qualifikation?

Innerhalb einer Woche hat Wunderathlet Achim Achilles beide Formate ausprobiert: den Berliner Volkstriathlon, wo der Amateur regiert. Und den "5150", wo Leistung zählt. Hier der ultimative Vergleich zweier Breitensportveranstaltungen, die so viel gemeinsam haben wie "Vogue" und "Landlust".

Veranstalter
Der Volkstriathlon wird seit 24 Jahren vom Berliner Club Weltraumjogger organisiert. Die Familienmitglieder der Athleten werden als Kuchen-Caterer, Streckenposten oder Zeitnehmer eingeteilt. Schwitzen unter Freunden.

Der "5150", abgeleitet von der Streckenlänge des Olympischen Triathlons, wurde 2012 erstmals in Berlin ausgetragen. Die Rechte an der Veranstaltung wie auch an den Ironman-Wettkämpfen besitzt die World Triathlon Corporation (WTC), die sich im Besitz einer US-Investmentgesellschaft befindet. Veranstaltungen unter dem Ironman-Label werden wie Fastfood-Filialen per Lizenz vergeben und sollen profitabel sein.

Teilnehmer
Der Volkstriathlon richtet sich an Anfänger und Fortgeschrittene ohne Perspektive. Hier treffen sich Vatis mit Satteltaschen, abenteuerlustige Szene-Lurche und Veteranen. Leistungsfähigkeit überschaubar.

Weil man beim "5150" Punkte für die Ironman-Teilnahme auf Hawaii sammeln kann, treten Verrückte aus aller Welt an. Interessant, wie viele Menschen ihr ganzes Leben auf Schwimmen-Radeln-Laufen reduziert haben. Der deutsche Tri-Star Michael Raelert war angekündigt, sagte aber verletzt ab. Immerhin: Mal Christian Prochnow aus der Nähe sehen. Tschechische Profis gewannen Frauen- und Männerwertung. Leistungsfähigkeit immens.

Die Strecke
Der Volkstriathlon führt durch den Grunewald. Wechselzone auf dem Parkplatz am See, kurze Wege, hinterher fröhliches Klamottensuchen. Man nimmt mit, was passt.

Der "5150" ist als City-Triathlon konzipiert, verzichtet aber auf touristische Sehenswürdigkeiten. Zum Gucken ist eh keine Zeit. Immerhin war beim Schwimmen die Oberbaumbrücke zu sehen. Rad und Lauf dann auf dem Tempelhofer Flugfeld. Dort sieht der Athlet in etwa so viel von Berlin wie von Köln vom Nürburgring aus. Athleten werden intellektuell bis an die Grenze gefordert, weil sie ihren Krempel auf vier verschiedene Beutel für die Wechselzonen verteilen müssen. Wer schludert, findet beim Laufen seine Radschuhe vor.

Wasserqualität
Die Krumme Lanke im Grunewald ist trübe und schmeckt komisch. Genauso die Spree beim "5150". Alle Tri-Gewässer sollen ja Trinkwasserqualität haben. Einfach dran glauben und den Ausschlag am nächsten Tag auf die Kinder schieben.

Preis (für Nachmelder)
35 Euro für den Volkstri, darin enthalten ist eine großzügige Spende für die Jugendabteilung und ein gelbes T-Shirt. 96,50 Euro für den "5150", darin enthalten eine großzügige Spende für Amerika, ein blaues T-Shirt und eine Medaille. Beide bieten reichlich alkoholfreies Weizen im Ziel.

Unterhaltungswert
In beiden Fällen hoch. Beim Volkstri drücken Sportsfreundinnen hektisch an den Bremshebeln ihrer neuen Zeitfahrkarren herum und sinnieren, warum die Schaltung nicht funktioniert. Im Rennen versuchen sie dann, mit dem Schalthebel zu bremsen.

Der "5150" bietet eine beispiellose Body- und Materialshow. Athleten führen schon bei der Anmeldung kernige Waden und harte Sixpacks spazieren, zeigen Karbonfahrräder und Magersucht. Wichtig: Verspiegelte Sonnenbrillen, Schweigen und auf dem Rasen mit der Rennmaschine nicht auf die Mappe legen. Wäre uncool.

Fazit
Muss man beides erlebt haben, allein schon, um die Vielfalt völlig verrückter Freizeitsportler in ihrer ganzen Schönheit zu erleben. Und nächste Woche dann die berühmte Challenge Roth.



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spon-facebook-10000128783 16.07.2012
1. info@greenhell-triathlon.de
Lieber Achim, auf Deinen Beitrag empfahlen uns "Eifeler" UND "Kölner" Dich zum nächsten Green Hell Triathlon 2013 einzuladen. Sie meinten auf der Hohen Acht im Sauerstoffzelt würdest Du bestimmt die Spitzen des Kölner Dom sehen;-). Also Butter bei die Fische. welche Distanz darf`s denn sein? Gruß Uwe
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