Karriereende von Alberto Contador Steak und Siege

Alberto Contador war der beste Radrennfahrer der Welt, dann tauchte sein Name auf der Liste von Dopingarzt Fuentes auf. In Spanien haben sie ihn trotzdem immer geliebt. Dort fährt er nun sein letztes Rennen.

REUTERS

Von Eike Hagen Hoppmann


Es gibt zwei Geschichten über die Laufbahn von Alberto Contador, die man am Ende seiner Karriere erzählen kann. Die eine handelt von einem der besten Radsportler des letzten Jahrzehnts, die andere von einem überführten Doper, der zuletzt hinter seinen eigenen Ansprüchen zurückblieb.

Dass es an der Zeit ist, eine Karrierebilanz zu ziehen, liegt daran, dass Contador, inzwischen 34, seine Karriere nach der Vuelta beenden wird. Das kündigte er vor knapp zwei Wochen in einem Instagram-Video an. Die nun beginnende Spanienrundfahrt ist das letzte große Rennen seiner Laufbahn, mehr als zehn Jahre nach seinem ersten Tour-de-France-Sieg.

Die erste Erzählung handelt von einem Mann, der sich aus eher ärmlichen Verhältnissen in einem Madrider Vorort zum besten Radfahrer der Welt hocharbeitete. Die erste große Rundfahrt, die er gewann, war 2007 gleich die Tour de France, das größte Radrennen der Welt. Contador war da gerade einmal 24 Jahre alt. Im darauffolgenden Jahr gewann er den Giro d'Italia und die Vuelta.

Damit hatte er schon mit 25 Jahren die drei Grand Tours gewonnen. In der gesamten Radsportgeschichte ist das erst sechs Fahrern gelungen, unter anderem Eddy Merckx und Vincenzo Nibali. Dabei war Contador 2004 nur knapp dem Tod entkommen, als er nach einem Zusammenbruch während eines Rennens mehrere Tage im Koma lag.

In seinem Heimatland Spanien ist Contador deshalb ein Held. Das liegt auch daran, dass er zuverlässig gute Geschichten lieferte. 2009 gewann er die Tour de France, obwohl er im Team von Lance Armstrong eigentlich nur die Nummer zwei war. Der Konflikt zwischen den beiden eskalierte in den Pyrenäen.

Als Contador am Berg attackierte und an Armstrong vorbeizog, reagierte der wütend. "Unser abgesprochener Plan war anders: Es war keine Attacke geplant. Dass Alberto trotzdem angreift, hat mich nicht überrascht", sagte Armstrong. "Ich habe nicht erwartet, dass er sich an den Plan hält." Aber Contador war der Stärkere. Sein offensiver Fahrstil begeisterte die Fans, er galt als Fahrer, der auf Jahre unschlagbar sein dürfte.

Unrühmliche Dopingvergangenheit

Doch es kam anders. Das hängt mit der zweiten Erzählung zusammen, die für Contador deutlich weniger schmeichelhaft ist.

Sie handelt von einem Fahrer, der seit dem Beginn seiner Karriere immer wieder mit Doping in Verbindung gebracht wurde. 2003 startete er seine Profilaufbahn im skandalträchtigen Once-Team des Spaniers Manolo Sainz.

Seine Initialen A.C. standen auf der Liste von 58 Fahrern, die Kunden des Dopingarztes Eufemiano Fuentes waren. Auf einer späteren Version der Liste tauchte er plötzlich nicht mehr auf - weshalb, wurde nie endgültig geklärt.

Von 2008 bis 2010 fuhr Contador für das ebenso berüchtigte kasachische Astana-Team. Am zweiten Ruhetag der Tour de France 2010 wurde er positiv auf Clenbuterol getestet, ein Mittel zum Muskelwachstum. Auch Spuren von Plastikweichmachern konnten in seinem Körper nachgewiesen werden. Das gilt als Indiz für Blutdoping, da die Weichmacher etwa bei der Produktion von Plastikbeuteln eingesetzt werden, in denen Blut konserviert wird.

Natürlich gibt es auch beim Thema Doping eine Version, die zur ersten Erzählung der Karriere passt. Er habe ein kontaminiertes Steak gegessen, sagte Contador. Clenbuterol wurde teilweise illegal zur Kälbermast eingesetzt. "Das ist klarer Fall von Lebensmittelverunreinigung", sagte er damals. "Ich habe nicht gedopt, niemals."

Fotostrecke

14  Bilder
Alberto Contador: Abgestürzt

In Spanien glaubten sie ihm. Der spanische Radsportverband sperrte ihn zwar zunächst für ein Jahr, hob die Strafe allerdings wenig später auf. Als Contador nach Veröffentlichung der Ergebnisse eine Pressekonferenz gab, applaudierten ihm die spanischen Journalisten. Unterstützung kam sogar von höchster Stelle: Der damalige Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero erklärte, es gebe keine ausreichenden juristischen Gründe für eine Sperre.

Nur: Bei knapp 15.000 Stichproben im Jahr 2010 wurde in Spanien nicht ein einziges Rind mit Clenbuterol-Spuren entdeckt. Weil Clenbuterol ein körperfremder Stoff ist, folgt bei einem Nachweis eigentlich automatisch eine Sperre. Die einzige Ausnahme ist, wenn der Sportler nachweisen kann, dass das Mittel unbeabsichtigt in seinen Körper gelangt ist. Das konnte Contador nicht.

Nach einem zweijährigen juristischen Tauziehen sperrte ihn der internationale Sportgerichtshof Cas rückwirkend für zwei Jahre. Contador verlor den Tour-de-France-Sieg 2010 und den Giro-Titel 2011. Er war nun auch offiziell ein Dopingsünder.

Rückhalt in seinem Heimatland

Nur nicht in Spanien. Die Regierungspartei sprach von einer Ungerechtigkeit, Tennisstar Rafael Nadal fand es "zum Heulen". "Ein kompletter Irrsinn", schrieb die Zeitung "El Mundo".

Contador selbst blieb auch dabei: "Ich bin das Musterbeispiel eines sauberen Sportlers", sagte er. Als ihn der britische "Guardian" vor zwei Jahren fragte, wie viele Grand Tours er in seiner Karriere gewonnen habe, antwortete Contador: neun. Die beiden aberkannten Titel zählte er weiter dazu.

Unabhängig davon, welche der beiden Geschichten man nun glaubt, ist eine Sache klar: Contador hat nach der Dopingsperre nie wieder zu alter Form zurückgefunden.

Er gewann zwar noch zweimal die Vuelta und einmal den Giro. Damit ist er neben Bernard Hinault der einzige Fahrer, der alle drei großen Rundfahrten mindestens zweimal gewonnen hat. Ein Tour-de-France-Sieg kam seit 2009 aber nicht mehr dazu. Für einen Fahrer seiner Klasse ist das erstaunlich.

Contador zählte sich selbst bis zuletzt zu den Top-Fahrern. Noch 2015 versuchte er sich am Double aus Sieg beim Giro und Tour in einem Jahr. Das haben bereits andere versucht und sind gescheitert. So erging es auch Contador. Den Giro gewann er noch, bei der Tour landete er nur auf Platz fünf.

Gescheitert an den eigenen Ansprüchen

2016 und 2017 wollte er nicht mehr das Double, aber immerhin noch einmal die Tour de France gewinnen. Doch er konnte nicht mehr mithalten. Spätestens als er in diesem Jahr als Neunter in Paris eintraf, dürfte Contador eingesehen haben, dass es keinen Sinn mehr macht.

So ist die Geschichte von Alberto Contador am Ende auch die eines Besessenen, der nicht rechtzeitig loslassen konnte. Dass er mit einem Sieg bei der Vuelta abtreten wird, ist unwahrscheinlich. Trotzdem bekommt Contador für sein letztes Rennen in Spanien noch einmal die Verehrung, die er woanders längst verloren hat.

Als er bei der Tour de France 2011 trotz laufenden Verfahrens an den Start ging, buhten ihn die Fans in Frankreich aus. In Spanien hingegen schrieb die Zeitung "AS" nach abgesessener Sperre: "Alberto, wir sind verrückt danach, dich hier zu sehen." In Spanien haben sie das mit dem Doping entweder nicht geglaubt oder nicht übel genommen.

Bei der Vuelta wird deutlich, welche der beiden Erzählungen zu Contadors Karriere weiter erzählt werden soll. Die Startnummer, die ihm die Organisatoren zugeteilt haben, ist die eins.

insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
20InchMovement 20.08.2017
1. Toller Fahrer
Ich fand ihn immer sehr cool und stark. Er hat Charakter im Gegensatz zu Froome, der einmal im Jahr nur die TdF fährt.
joe.micoud 20.08.2017
2.
Eine Dopingkarriere geht zu Ende. In Spanien nicht unüblich, dass alle unter einer Decke stecken beim Sport, selbst Konttollinstanzen wie Verbände und Behörden. Die Siege sind alle nix wert.
alternativlos 20.08.2017
3. Il trovatore vélocipède
Vielen Dank und weiterhin alles Gute.
StefanieTolop 20.08.2017
4. Unterschied zu Deutschland
Das ist der Unterschied zwischen Ländern wie Spanien, Frankreich, USA, Großbritannien, Rußland, etc. und Deutschland. Dort möchte man Nationalhelden. Dabei ist es vollkommen egal ob sie gedopt haben oder nicht. Bei uns dagegen möchte man saubere Nationalhelden und betrachtet sie schon als Versager, wenn sie mit den gedopten Konkurrenten nicht mithalten können. Leute wie Lance Armstrong werden in den USA immer noch verehrt, während Jan Ullrich in Deutschland immer noch gejagt wird. Ob das Verhalten im Ausland so richtig ist, kann man berechtigterweise kritisch sehen. Ob aber die Hexenjagd in Deutschland richtig ist, ist genauso zweifelhaft.
robin_of_locksley1 20.08.2017
5. Was ist Doping ?
200 mill. € für einen Fußballspieler ? oder was alles noch ? Wer soll da noch klar kommen ? Mir ist es vollkommen egal, was die Super-Sportler nehmen. Die ständige Suche nach einem Nachweis und der ewige Verdacht verdirbt die Freude beim Zuschauen. Im übrigen: Leistungssport ist sowieso nicht gesund. Ich dope auch und nehme jeden morgen 10mg Valium (nicht zum schlafen), nein, damit ich den Tag ertragen kann, wenn ich mir in den Medien dauernd Bilder von Trump und Merkel anschauen muß.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.