Aldag-Interview "Lieber tot als Zweiter"

Die am Samstag beginnende Tour de France ist das härteste Radrennen der Welt. Rolf Aldag, 36, war schon zehnmal dabei. Im Interview spricht der T-Mobile-Fahrer, der dieses Jahr passen musste, über notwendige Frondienste, brutale Sprints und gedopte Kollegen.

Frage:

Herr Aldag, als Sie vor einigen Jahren nicht nominiert wurden, haben Sie mal ziemlich überspitzt gesagt: "Da landest du bei einer Flasche Bacardi am Tag." Wie groß ist die Enttäuschung jetzt, nicht zum elften Mal dabei zu sein?

Aldag: Sagen wir mal so: Das Leben geht auch ohne Tour weiter. Im August sieht man jedenfalls deutlich jünger aus, wenn man sie nicht fährt. Und mit dem Arm ist das so eine Sache (Aldag hatte im April einen Armbruch; die Red.). Die Gefahr, dass man drauffällt und dabei richtig etwas kaputt geht, die ist schon da. Ich will nicht auf Dauer einen Behindertenparkplatz belegen müssen. Vor allem aber wäre es für mich ein echter Horror, eine richtig schlechte Tour zu fahren. Ich fahre nicht mehr um jeden Preis mit.

Frage: Auch weil Sie dann Ihre Rolle als Helfer nicht so ausfüllen können wie man es von Ihnen gewohnt ist? Beschreiben Sie doch mal Ihre Aufgaben.

Aldag: Das kann man nicht mit einem Satz beschreiben. Man ist schon ein bisschen mehr als nur Wasserträger.

Frage: Aber erzählen Sie doch trotzdem, wie das vor sich geht mit dem Wasser holen.

Aldag: Also, du fährst zu deinem Begleitfahrzeug und stopfst dir drei Flaschen in die Trikottaschen. Dann würgt man sich noch drei Pullen unters Trikot und schließlich hat man ja noch zwei Flaschenhalter am Rad. Das sind schon mal acht Flaschen und fast fünf Kilogramm zusätzlich, die du dann durch die Gegend schleppen darfst. Aber meistens holt man die ja nicht bei Tempo 50, sondern eher, wenn gerade langsam gefahren wird. Oder wenn die anderen gerade pinkeln sind. Aber es kann auch durchaus unangenehm werden.

Frage: Wer bestimmt überhaupt, wann die Helfer Getränke holen müssen?

Aldag: Meistens kommst du auf die Idee, wenn du selber Durst hast. Weil ich extrem wenig Flüssigkeit brauche, müssen meine Kapitäne manchmal ganz schön Durst leiden. Dann bekommt man aber über Funk vom Sportlichen Leiter Bescheid gesagt. Es kann allerdings auch vorkommen, dass deine Begleitfahrzeuge ewig weit weg sind, weil von der Mannschaft zwei vorne rumturnen und du hinten im großen Feld mitfährst. Und dann sieht es schlecht aus, da wird die Luft schon trocken. Von Zuschauern offene Wasserflaschen zu nehmen, geht aber gar nicht, denn wer weiß, was die einem für eine Brühe andrehen. Dann gehst du unter Umständen später zur Dopingkontrolle und erfährst: Hoppla, positiv! Da kann man schon mal eher eine geschlossene Coladose oder so etwas annehmen. Wer das noch nie gemacht hat, der war auch noch nie am Limit.

Frage: Okay, Getränke holen ist eine Sache - was gehört noch dazu?

Aldag: Man muss vor allem extrem wachsam sein. Gucken, wo die Mitfavoriten sind und aufpassen, was die Konkurrenz macht. Wenn eine Gruppe ausreißt, mit einem Fahrer, der uns bei der Tour beispielsweise gefährlich werden kann in Hinsicht auf das Gesamtklassement, dann müssen wir die Löcher wieder zufahren. Dass kann dann schon mal richtig wehtun, da vorne so ewig im Wind zu fahren. Und bei Defekten oder einem Sturz der Kapitäne sind wir ohnehin zur Stelle, um sie dann in unserem Windschatten wieder ans Feld heranzuführen.

Frage: Was muss man für ein Typ sein, um diese Helferrolle auszufüllen?

Aldag: Das kann man gar nicht so sagen. Es ist in erster Linie ein Lernprozess. In die Helferrolle muss man hineinwachsen. Viele scheitern schon bei den Amateuren. Anders gesagt: man wird gar kein Profi, wenn man als Amateur nichts gewinnt. Also fährt man als Jungprofi zunächst mal mit eigenen Ambitionen. Aber dann entwickelt sich das so langsam in Richtung Helfer.

Frage: Kann man auf Dauer damit zufrieden sein? Fehlt da nicht Erfolgserlebnis und Anerkennung?

Aldag: Man muss sich da vom Kopf her reinfinden. Du fährst ja auch in erster Linie für dein Team. Bei der Tour ist es extrem. Wenn du nicht durchhältst, müssen drei die Arbeit von vieren machen. Also kneifst du die Arschbacken zusammen und fährst weiter. Aber natürlich wünscht man sich immer auch die Anerkennung der eigenen Leistung - auch wenn man am Ende der Etappe 68. wird.

Frage: Und die bekommen Sie?

Aldag: Klar. Die Chefs in der Mannschaft wissen, dass es ihr Job ist, zu gewinnen und dass es mein Job ist, sie da hinzubringen. Wenn da gar nichts käme, dann würde auch die zwischenmenschliche Beziehung arg darunter leiden. Den Kollegen ist schon klar, dass ich dabei körperliche Schmerzen habe und das nicht zum Spaß mache. Gleichzeitig muss ich als Helfer aber auch das Gefühl haben, dass er das verdient hat. Und zudem sagt man sich ganz realistisch: Wir sind Berufsfahrer. Kein Unternehmen dieser Welt zahlt uns Geld, damit wir Spaß an unserem Hobby haben.

Frage: Wird auf der Tour bei den Massensprints deshalb so gnadenlos gefahren, weil der Druck inzwischen so groß ist?

Aldag: Der Druck ist sicher da, aber bei der Tour wird in erster Linie so gefahren, weil man mit einem Etappensieg unsterblich wird. Gerade wenn man wieder ein paar junge Wilde dabei hat: Die kriegen 30.000 Euro im Jahr, aber sie wissen genau, dass sie mit ein paar wichtigen Etappensiegen eine Million pro Jahr daraus machen können. Also halten die vor der Ziellinie nur noch den Kopf nach unten bis zum Einschlag. Die sind lieber tot als Zweiter.

Frage: Sie haben sich schon reichlich Verletzungen zugezogen. Ist nach heftigen Stürzen nicht immer die Angst mit dabei?

Aldag: Außer meinem linken Bein war eigentlich alles schon mal kaputt. Einmal bin ich frontal gegen ein Auto gedonnert, es war eine S-Klasse. Da sieht man hinterher nicht besser aus. Diverse Rippen habe ich mir gebrochen und das Schlüsselbein auch schon dreimal. Zuletzt ist das mit dem linken Arm passiert. Aber es ist nicht so, dass die Angst hinterher mitfährt. Man lernt aus der Routine, dass Knochen wieder zusammenwachsen. Ich war jetzt echt überrascht, wie wenig weh so ein Armbruch tut. Schlimmer ist es, wenn du andere so richtig einschlagen siehst.

Frage: Wenn es bei Rennen ausnahmsweise mal etwas langsamer zugeht, sieht man die Profis oft miteinander reden. Mit wem sprechen Sie?

Aldag: Meistens redet man mit seinen Landsleuten, die nicht im eigenen Team fahren. So über Gott und die Welt, aber auch über den Radsport. Man fragt zum Beispiel nach Rennen, bei denen man selbst nicht war. Ich rede zum Beispiel gerne mit Jens Voigt, wenn der Esel nicht gerade wieder beim Attackieren ist. Das macht er ja eigentlich immer, wenn langsamer gefahren wird. Aber auch gerne mal mit ehemaligen Teamkollegen wie Bobby Julich oder Santiago Botero.

Frage: In welcher Sprache?

Aldag: Englisch, französisch, spanisch, von allem ein bisschen. Man kann sich ja inzwischen dadurch, dass der Funk in vier Sprachen durchgegeben wird, ganz gut verständigen. Bald kann ich wahrscheinlich auch noch slowenisch und mongolisch.

Frage: Können Sie eigentlich erklären, warum immer wieder Radprofis dopen?

Aldag: Ich kann für mich sagen, dass das nicht meine Idee vom Radsport ist. Ich will mich schließlich nicht umbringen. Der Körper ist nun mal limitiert und das macht meiner Ansicht nach auch Sinn. Ich mache den Sport lieber zwölf Jahre gut, als zwei Jahre super und dann kommt der Leberschaden oder sonst was. Die Versuchung ist vielleicht bei denjenigen Fahrern größer, die auf der Kippe sind. Wenn man da ein bisschen nachhilft, sind sie vielleicht ganz oben. Zumal du als ganz Großer im Radsport richtig viel mehr verdienst. Die scheinen sich zu sagen: Ich fahre jetzt zwei Jahre mit der Angst, erwischt zu werden und habe dann ausgesorgt.

Die Fragen stellte Sven Bremer

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