French Open Der Zverev-Moment

Zum zweiten Mal steht Alexander Zverev bei den French Open in der Runde der letzten acht. Das Achtelfinale gegen Fabio Fognini hätte zu mehreren Zeitpunkten einen anderen Verlauf nehmen können.

Alexander Zverev hat zum zweiten Mal das Viertelfinale der French Open erreicht
Kai Pfaffenbach / REUTERS

Alexander Zverev hat zum zweiten Mal das Viertelfinale der French Open erreicht

Aus Paris berichtet


Im Fußball spricht man von dem einen Moment, in dem die Partie kippt. Der das Spiel entscheidet. Im Tennis, das macht diesen Sport so aufregend, gibt es dieses Momentum in jedem Match mehrfach, möglicherweise sogar in jedem Satz. Das Achtelfinale zwischen Alexander Zverev und Fabio Fognini, das der beste deutsche Tennisprofi nach zahlreichen Wendungen und Volten für sich entscheiden konnte, war ein gutes Beispiel dafür.

Es war eine der bizarrsten Begegnungen bei diesen French Open, besonders hochklassig war sie jedoch nicht - und passt insofern in Zverevs bisherigen Turnierverlauf. Die Formkurve des 22-Jährigen, der in der ersten Jahreshälfte ungewohnt unkonstant spielte, ist derzeit so wechselhaft wie das Pariser Wetter, an diesem Montag ein Wechselspiel aus Nieselregen und Sonne. Aber eines musste man Zverev auch nun wieder lassen: Er biss sich in diese Partie hinein, allen Widrigkeiten zum Trotz.

Eine dieser Widrigkeiten hieß Fabio Fognini. Der gilt auf der Herrentour als undankbares Los, zu unberechenbar seine Launen, zu unorthodox sein Spiel. Nach Jahren als Skandalnudel befindet sich der Italiener zu allem Überfluss in Topform, gewann zuletzt das Masters in Monte Carlo. Entsprechend selbstbewusst legte der 32-Jährige trotz einer Wadenblessur auf dem Court Suzanne Lenglen los, nahm Zverev früh den Aufschlag ab und zog auf 3:0 davon.

Doch der Deutsche besann sich bald auf jene Kernkompetenzen, die sich bei diesem Turnier ausgeprägt haben und mit denen er sich trotz schwankender Leistungen ins Achtelfinale gewurschtelt hatte: Laufen, Kämpfen, Kontern. Bereits nach einer halben Stunde keuchte und krächzte er wie fünfter Satz, Endstadium - und kam auf 3:3 heran.

Ohne Lendl in Paris

Allein der Aufschlag ließ Zverev immer wieder im Stich, nach zwei Doppelfehlern (am Ende waren es insgesamt zwölf) kassierte er ein weiteres Break, der Satz ging flöten - wüste Schimpftiraden auf Russisch folgten. Immer häufiger wanderte der Blick nun auch verzweifelt Richtung Spielerbox, wo ein Mann bei diesem Turnier zu Überraschung sämtlicher Beobachter fehlte: Ivan Lendl.

Zverev mit Lendl (links) und seinem Hund Lövik nach dem Gewinn der ATP Finals 2018
Getty Images

Zverev mit Lendl (links) und seinem Hund Lövik nach dem Gewinn der ATP Finals 2018

Zverev hatte die Tennislegende angeheuert, um seinem Spiel den letzten Schliff zu geben. In Paris glänzte Lendl, 59, jedoch durch No-Show - nach der kurzfristigen Teilnahme beim Turnier in Genf im Vorfeld der French Open habe man die Pläne geändert, außerdem leide der Wahlamerikaner an einer Pollenallergie und meide daher Europa. Zur Rasensaison würde Lendl dann im Team sein, sagte Zverev. Als gäbe es da keine Pollen. Als gäbe es kein Antihystamin.

So hockte Zverev nun beim Satzwechsel derart bedröppelt auf der Bank, dass man ihm am liebsten Familienhund Lövik dazugesetzt hätte. Damit er ihm Trost spenden möge. Oder in den Allerwertesten beißt.

Aber das machte Zverev schon selbst. Als er im zweiten Satz erneut früh seinen Aufschlag zu verlieren und ihm das Match endgültig zu entgleiten drohte, rettete er sich mit einem überragenden Passierball und einer Serie von Assen. Diesmal war es Fognini, der Chancen liegen ließ - und sich in der Folge das Break fing und den Satz verlor.

Wirkungslose Psychotricks

Es ist ein bisschen seltsam dieser Tage mit Zverev. Der flattrige Aufschlag bringt ihn mal in Bedrängnis, dann ist es wieder eine Salve krachender Erster, die ihm Luft verschafft. Sein mitunter zu passives Spiel kostet ihn eine Menge Kraft - ein Umstand, den die Tennisweisen Boris Becker, John McEnroe und Mats Wilander unter der Woche bekrittelten. Gleichzeitig scheinen ihm das Spiel aus der Defensive heraus - die langen Ballwechsel, der Kampf, das kehlige Stöhnen - Sicherheit und Rhythmus zu geben.

Und so war man plötzlich mittendrin in einem hoch spannenden Match, in dem es minütlich hin und her wog. Ein Krimi auch, weil Fognini in alte Muster verfiel und mit Psychotricks operierte wie ein Taschenspieler. Er schleuderte den Schläger in den Sand, kassierte eine Verwarnung, legte sich mit dem Publikum an, pöbelte gar Richtung eigene Box - was der Auslöser war, darüber rätselten selbst die italienischen Kollegen von der Presse. Nach drei Spielverlusten in Folge nahm Fognini eine Behandlungspause - womöglich um sein Mütchen zu kühlen, sicher aber, um Zverevs Rhythmus zu stören.

Er sei zwar auch jemand, der mal seinen Schläger wegschmeißt, antwortete Zverev nach dem Spiel auf die Frage, ob er das Theater seines Gegners wahrnehme: "Aber wenn ich das mache, geht er normalerweise kaputt."

Fognini lässt seinem Frust freie Lauf
Thomas Samson / AFP

Fognini lässt seinem Frust freie Lauf

Die Schwierigkeit gegen Tennisdiven wie Fognini besteht darin, genau dann die Spannung hochzuhalten, wenn der Gegner scheinbar unbeteiligt vor sich hin daddelt. Fast wäre Fogninis Strategie aufgegangen, Zverev wankte immer wieder bei eigenem Aufschlag - doch er fiel nicht.

Zverev spielte jetzt fokussiert, machte kaum noch leichte Fehler, stürmte immer öfter auch ans Netz. Und gewann so auch den dritten Satz. Der vierte wurde zum offenen Schlagabtausch, in dem Zverev am Ende die besseren Nerven bewies und im Tie-Break gewann: 3:6, 6:2, 6:2, 7:6 (7:5) hieß es am Ende nach knapp drei Stunden.

"Fabio spielt gerade das beste Tennis seines Lebens, gerade auf Sand. Ich bin glücklich, gewonnen zu haben und hier wieder im Viertelfinale zu sein, das ist etwas ganz Besonderes für mich", sagte Zverev, der es bereits im vergangenen Jahr unter die letzten acht geschafft hatte.

Struff erstmals unter den Top 40

So darf Zverev weiter auf den ersten Grand-Slam-Titel seiner Karriere hoffen - auch wenn er sich im Viertelfinale gegen den an Nummer eins gesetzten Novak Djokovic noch einmal gehörig wird steigern müssen. Der Serbe ließ dem zweiten deutschen Profi im Achtelfinale, Jan-Lennard Struff, keine Chance: Mit 3:6, 2:6, 2:6 fiel das Ergebnis am Ende etwas zu deutlich aus, dennoch darf Struff mehr als zufrieden sein. "Die zweite Turnierwoche erreichen" - das hatte der 29-Jährige vor Paris gegenüber dem SPIEGEL als Ziel ausgegeben.

"Heute bin ich enttäuscht, aber ich muss das Positive mitnehmen, ich habe drei sehr gute Matches hier gespielt", sagte Struff nach dem Aus gegen Djokovic. Mit grandiosen kämpferischen Leistungen gegen die höher eingestuften Denis Shapovalov, Radu Albot und Borna Coric war diese Vorgabe erfüllt, außerdem wird sich der Westfale am kommenden Montag erstmals unter die Top 40 vorarbeiten. Trösten dürfte ihn auch das Preisgeld von 243.000 Euro.

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
halverhahn 03.06.2019
1. Guter Artikel!
Hab das Spiel nicht gesehen. Aber gerade deswegen finde ich den hiesigen Bericht sehr anschaulich!!
kopi4 04.06.2019
2.
Das Viertelfinale in Paris hätte ich Zverev,nach der schlechten Saison auf Sand, nicht zugetraut. Gegen Djokovic ist er jetzt erstmals im Turnier der Außenseiter, das dürfte ihm entgegenkommen. Das der Serbe ihm liegt hat er mit den Sieg beim Masters gezeigt.
kloppskalli 04.06.2019
3. guter Artikel; ok ausser..
"Mit grandiosen kämpferischen Leistungen gegen die höher eingestuften Denis Shapovalov, Radu Albot und Borna Coric war diese Vorgabe erfüllt" also gegen Shapovalov war er Favorit. Shapovalov ist ein Schoenspieler, der aber selten ein ganzes Match lang seine Klasse zeigen kann. Sein bestes Ergebnis bei Grand Slams war die 4te runde US Open 2017 - auch schon ein Bisschen her.. Radu Albot ist Weltranglisten 40ster, hat mit 29 grad mal 2.5 Mio Dollar erspielt. Der ist maximal auf Augenhoehe mit Jan Lennard. Der Sieg gegen Borna Coric hingegen war wirklich bemerkenswert. Hat mich auch etwas ueberrascht.. :-)
Sibylle1969 04.06.2019
4.
Nach den Vorstellungen in Runde 1 und 3, wo Zverev gegen unterklassige Gegner jeweils über 5 Sätze gehen musste und da Fognini ein wirklich unangenehmer Gegner ist, ist das Erreichen des Viertelfinals ein Erfolg. Gegen Djokovic wird er aber noch eine Schippe drauflegen müssen, wenn Djokovic so spielt wie im Achtelfinale gegen Struff. Zumindest hat Zverev gezeigt, dass er sich auch in Matches reinbeißen kann. Das ist gerade in Roland Garros sehr wichtig, wenn man weit kommen will.
jean-baptiste-perrier 04.06.2019
5. Man achte auf die Details!
Sibylle1969 hat geschrieben: "Gegen Djokovic wird er aber noch eine Schippe drauflegen müssen, wenn Djokovic so spielt wie im Achtelfinale gegen Struff." - - - - - - Zitat Ende - - - - - - Falls jemand wegen Berufstätigkeit oder anderen Gründen das Match Djokovic gegen Struff nicht sehen konnte, dem kann ich nur wärmstens empfehlen sich zumindest mal den ersten Satz bis zum 3:3 anzusehen. Struff war überragend und Djokovic sichtlich beeindruckt. Djokovic hat später offen zugegeben, dass der einsetzende Nieselregen ihm in die Hände gespielt hat, weil die Bälle nicht mehr den Speed hatten und somit Struffs Aufschlag weniger Wert hatte. Wenn Struff dieses Niveau bis zum 3:3 auch auf Rasen und Hartplatz in Zukunft zeigt, dann werden wir noch sehr viel Freude an ihm haben. Sascha sollte sich das auch mal ansehen, da kann er von Struff noch was lernen.
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