Alinghi-Sportdirektor Schümann "Ich kann leider nicht mitsegeln"

Team New Zealand brennt auf Revanche, der Titelverteidiger gibt sich vor Beginn des Finales um den 32. America's Cup gelassen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Alinghis deutscher Sportdirektor Jochen Schümann über harte Arbeit und warum er an Land bleiben muss.


SPIEGEL ONLINE: Herr Schümann, am Sonnabend ab 15 Uhr geht es in der Finalserie zum ersten Mal gegen Team New Zealand. Beim Sieg 2003 waren Sie mit an Bord, dieses Mal müssen Sie verzichten. Was halten Sie von der Entscheidung?

Schümann: Jeder Segler geht am liebsten segeln, das steckt bei uns im Blut. Aber es ist eine Frage der optimalen Teamkonstellation. SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nicht enttäuscht?

Schümann: Ich wäre gerne an Bord. Nur muss sich jeder ein- und unterordnen. Das verlange ich ja auch von den anderen Teammitgliedern. Das ist vielleicht nicht schön für den einzelnen, aber für das Team muss es so sein. Das kann man gut wegstecken. Und das ist nicht nur loses Gerede.

SPIEGEL ONLINE: In Valencia ist zu hören, dass Sie an Land bleiben müssen, damit Alinghi-Boss Ernesto Bertarelli mitfahren kann.

Schümann: Ernesto ist ein hervorragender Segler. Es geht nicht um mich, sondern um den Erfolg der Alinghi. Wir möchten die bestmögliche Konstellation auf dem Boot haben. Unsere Mannschaftsaufstellung geben wir am Freitag bekannt, so wie es das Protokoll verlangt. Das gilt auch für die Frage, ob Ed Baird oder Peter Holmberg Steuermann sein werden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit dem Boot? Gibt es da eine Überraschung? 2003 haben Sie das ältere der beiden Boote genommen.

Schümann: Das Boot müssen wir bis Freitag festlegen. Ich verrate aber kein Geheimnis, wenn ich sage, dass die Unterschiede wieder minimal sind. Keines der beiden Schiffe ist grundsätzlich besser als das andere. Im Entscheidungsprozess werden alle Faktoren bis hin zur mittelfristigen Wetterprognose mit einbezogen.

SPIEGEL ONLINE: Alinghi scheint wie ein Schweizer Uhrwerk zu funktionieren. Haben Sie gar keine Bedenken, dass der Cup verloren gehen könnte?

Schümann: Wir sind selbstbewusst und bauen auf unsere Stärken, aber wir werden deswegen nicht überheblich. Die Mannschaft wird vor allem gut segeln müssen, um zu gewinnen, denn die Unterschiede in der Bootsgeschwindigkeit dürften verschwindend gering sein.

SPIEGEL ONLINE: Dass die Neuseeländer seglerisch stark sind, haben sie vor allem im Finale des Louis Vuitton Cups beim 5:0 gegen Luna Rossa aus Italien bewiesen. Was wird das Zünglein an der Waage werden, um das Duell für sich zu entscheiden?

Schümann: Das wird eine Mischung aus taktischem Gespür und dem Moment für die richtige Entscheidung sein. In der Vorstartphase muss die Crew innerhalb von Sekundenbruchteilen reagieren, denn dann kann sie agieren und den Gegner diktieren. Nach dem Start sind die Zeitabstände größer. Aber am schlimmsten wäre es, wenn die Afterguard (die für die Strategie verantwortlichen Teammitglieder; die Red.) nicht entscheidungsfreudig ist. Wer einen Moment zu spät wendet oder halst, verliert oft ein ganzes Rennen.

SPIEGEL ONLINE: Wird es einen klaren Ausgang wie im Finale der Herausforderer geben?

Schümann: Wir rechnen nicht damit. Zwischen Team New Zealand und Luna Rossa hätte es nach den Chancen auch 2:2 stehen müssen, aber es stand 4:0. Wenn ein Team angeschlagen ist und ins Hintertreffen gerät, nimmt das Schicksal oft seinen Lauf.

SPIEGEL ONLINE: Was gibt Alinghi die Stärke, nach zweieinhalb Monaten Wettkampfpause nicht kalt erwischt zu werden?

Schümann: Wir haben uns sowohl in sehr engen Inhouse-Rennen fit gehalten, als auch im Training immer wieder den Vergleich mit anderen gesucht. Die Crew hatte nie das Gefühl, nicht ernsthaft gefordert zu sein. Mit dem Selbstvertrauen aus dem gesamten Team heraus ist eine Dynamik entstanden, die den 17 Mann auf dem Wasser die nötige Rückendeckung gibt.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie manchmal daran, was wäre, wenn sie den America's Cup verlieren?

Schümann: Nein, überhaupt nicht, das verbietet sich auch. Für die Verteidigung haben wir vier Jahre hart gearbeitet. Darauf sind wir positiv fokussiert. SPIEGEL ONLINE: Also denken Sie daran, wie es wäre, wenn sie die Kanne wieder gewinnen?

Schümann: Über die Zeit danach wird viel spekuliert, vor allem von denen, die schon ausgeschieden sind. Dazu haben wir gar keine Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Aber sie werden sich doch sicher schon Gedanken machen, ob sie den Cup wieder in Valencia austragen würden. Etliche Syndikate und die meisten Sponsoren drücken ihnen ja besonders die Daumen, damit der Cup in Europa bleibt und nicht wieder in das wirtschaftliche Nirgendwo nach Neuseeland abwandert.

Schümann: Wir sollten das Fell nicht verteilen, bevor die Sau nicht erlegt ist. Aber nüchtern analysiert, gäbe es so viele sinnvolle Alternativen nicht, vor allem dann nicht, wenn sich der Turnus bis zum nächsten America's Cup auf zwei oder drei Jahre verkürzen soll.

SPIEGEL ONLINE: Viele Segelfans zuhause hoffen, dass Sie den 33. America's Cup für Deutschland segeln, damit ihr Heimatland erfolgreicher abschneidet als bei der Premiere dieses Jahr als Vorletzter.

Schümann: Die Teilnahme Deutschlands an der prestigeträchtigsten Regatta der Welt sollte zunächst einmal nicht gleich wieder abreißen. Aber ich habe jetzt erstmal mit Alinghi eine wichtige Aufgabe, die ich bestmöglich erfüllen will. Danach werde ich in Ruhe überlegen, wie es mit Alinghi und mit mir weitergeht.

Das Interview führte Andreas Kling



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.