America's Cup Das Imperium schlägt sich selbst

Führungswechsel und Psychospiele: Der 32. America's Cup zwischen Alinghi und dem Team New Zealand ist das spannendste Finale des Segelwettbewerbs seit Jahrzehnten. Besonders das Schweizer Team zeigt sich beeindruckt - der nervöse Favorit macht schwerwiegende Fehler.

Von Frank Neumann, Valencia


Kuhglocken, Böllerschüsse, dröhnende Rockmusik: Als die Schweizer Yacht Alinghi gestern von der Regattastrecke in den Hafen von Valencia zurückkehrte, wurde die Crew von ihren Fans so frenetisch gefeiert, als hätte sie bereits den America's Cup in der Tasche. Am vierten Renntag im Finale des weltweit bedeutendsten Segelrennens hatten die Schweizer das Emirates Team New Zealand vom Start bis zum Ziel souverän im Griff und konnten zum 2:2 ausgleichen.

Alinghi-Männer Butterworth (li.) und Bertarelli: Das Imperium ist nervös
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Alinghi-Männer Butterworth (li.) und Bertarelli: Das Imperium ist nervös

Doch die "riesengroße Freude", die Alinghis Sportdirektor Jochen Schümann ereilte, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für die Schweizer Kampagne keineswegs so blendend läuft, wie von Alinghi selbst und den meisten Experten vorhergesehen. Auch wenn Schümann nach der Aufholjagd Gelassenheit verbreitete: "Der Druck war gar nicht so schlimm. Wir wussten ja, was wir falsch gemacht hatten. Jetzt sind wir in der richtigen Spur." Aber: Von der absoluten Dominanz, die man Alinghi zuvor zugetraut hatte, ist längst keine Rede mehr.

Dass es nach vier von maximal neun Rennen Unentschieden stehen würde, daran hatte niemand geglaubt. Zudem musste Alinghi um die Anerkennung des zweiten Sieges bangen - das Team New Zealand hatte Protest eingelegt. Dabei ging es um eine angeblich nicht regelkonforme Aufhängung des Großsegels am Schweizer Boot. Die Jury wies den Protest heute wie erwartet ab. Aber es zeigt, mit welchen Psychotricks im America's Cup gearbeitet wird.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Seeschlacht um die alte Silberkanne auch auf dem Trockenen geführt würde. Spionage, Klagen, Gerichtsprozesse, Regeländerungen zu Ungunsten der Gegner - es gibt wenig, was dem System noch nicht eingefallen wäre. Und selbst wenn man das Vorgehen der Neuseeländer nicht überbewerten darf, so kann das bislang vom Erfolg verwöhnte Schweizer Syndikat weitere Unruhe zur Zeit nicht gebrauchen. Noch liegen die Nerven nicht blank, aber die Verunsicherung hat sich eingenistet. Das Imperium ist nervös.

Die von manchen als "Wunderwaffe" gepriesene neue Yacht mit der Segelnummer "SUI 100" segelt nicht schneller durch den Golf von Valencia als das Boot der Kiwis, und angesichts einiger haarsträubender Fehlentscheidungen während der Rennen mehren sich die Stimmen, die die taktischen Fähigkeiten der Denker und Lenker im Cockpit in Zweifel ziehen.

Die ersten Anzeichen von Nervosität zeigte der sonst ausgeglichene und besonnene Skipper der Alinghi, Brad Butterworth schon am vergangenen Sonntag. Der Neuseeländer in Schweizer Diensten, der als Taktiker dafür verantwortlich war, dass ein großer Vorsprung der Alinghi in der ersten Niederlage endete, ereiferte sich über ein Zuschauerboot, das seiner Ansicht nach zu nah an die Regattastrecke gekommen und dadurch zuviele Wellen verursacht hatte. "Holt das scheiß Boot aus unserem scheiß Kurs", dröhnte Butterworth. Und das ist noch freundlich übersetzt.

Die Flucherei half aber genauso wenig wie die verzweifelten Erklärungsversuche am Dienstag, dem dritten Wettkampftag, als Alinghi die zweite Niederlage zum 1:2-Rückstand ereilte . Dieses Rennen wird als Klassiker in die 156-jährige Geschichte des America’s Cup eingehen. Selbst altgediente Beobachter des Segelspektakels mussten lange in ihrer Erinnerung kramen, um ein vergleichbar spektakuläres Matchrace zu nennen, bei dem die Führung sieben Mal wechselte und Vorsprünge von bis zu 400 Metern - im America's Cup eigentlich ein sicherer Sieg - von beiden Teams wieder vergeben wurden.

Schümanns versteckte Kritik am Team

Alles Zufall, meinte freilich Alinghi-Teambesitzer Ernesto Bertarelli. Wegen der stark wechselnden Windbedingungen hätte das Rennen überhaupt nicht gestartet werden dürfen, moserte der Milliardär. "Wir sind gut gesegelt, und für die Zuschauer war es spannend. Aber für uns war das wie in Las Vegas - ein Glücksspiel. Bei einem Segelrennen sollte das nicht so sein." Was die Renntaktik betrifft, wollte Bertarelli "keine Fehler" bemerkt haben.

Das sah allerdings ausgerechnet Jochen Schümann anders. "Neuseeland hat die spektakuläreren, wir haben die entscheidenden Fehler gemacht", sagte der Alinghi-Sportdirektor, der bei diesem America's Cup auf dem Trockenen sitzt. Die Ausmusterung des dreimaligen Olympiasiegers, der beim letzten Cup noch als Stratege an Bord war, hat nicht nur bei ihm selbst für Verwunderung gesorgt. Denn mit Teambesitzer Bertarelli sitzt nun ein Mann in der Afterguard, der zwar als hervorragender Segler gilt, aber kaum den hohen Ansprüchen eines Crewmitglieds im America's Cup genügt.

Womöglich ist auch das ein weiterer Grund, warum es um den oft beschworenen Teamgeist im Konglomerat der seglerischen Riesenegos nicht zum besten bestellt sein soll. So ist von internen Querelen und Auseinandersetzungen zwischen Skipper Brad Butterworth und Steuermann Ed Baird zu hören. Nach außen wird nach wie vor die Einheit beschworen. Doch Schümann ließ zwei Sätze fallen, die aufhorchen lassen. Auf die Frage, ob mit Butterworth wirklich der beste Mann auf seiner Position im Boot sitze, quälte sich Schümann lange mit einer Antwort und sagte schließlich: "Ich glaube schon." Und nach dem letzten Sieg über Neuseeland gab es von Schümann zweischneidiges Lob: "Man konnte doch sehen, dass wir etwas gelernt haben. Ich hoffe, das hat sich tief in den Erfahrungsschatz von Brad Butterworth eingebrannt." Vertrauen ins eigene Team hört sich anders an.



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