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24. April 2007, 11:25 Uhr

America's Cup

"Wir könnten segeln, aber dürfen nicht"

Von Andreas Kling, Valencia

Durch die deprimierende Flaute vor Valencia droht den angeschlagenen America's-Cup-Organisatoren jetzt Ärger. Team-Germany-Skipper Jesper Bank fordert von der Wettkampfleitung die Herabsetzung des Windlimits.

Der America’s Cup sei wie Wasserschach im Wind, sagt Jochen Schümann, der 52-Jährige muss es wissen. Der Sportdirektor hat den Pokal 2003 gewonnen und soll sie mit der Schweizer Alinghi Ende Juni verteidigen. Doch in diesen Tagen wird selbst Schümann eines Besseren belehrt - beim Louis Vuitton Cup als Ausscheidungsregatta des America's Cups gibt es zwar Wasser und Schach. Aber keinen Wind.

Team-Germany-Bugmann Jean-Marie Dauris: Schachspielen und reden
DPA

Team-Germany-Bugmann Jean-Marie Dauris: Schachspielen und reden

Seit Beginn des Milliardenspektakels vor neun Tagen haben vor dem spanischen Valencia drei statt zehn geplanter Rennen stattgefunden. In der Flaute lesen die Segler an Bord der deutschen Yacht – wenn sie nicht gerade schlafen – oder sie spielen Schach. Benjamin Michael Müller, zweiter Vorschiffsmann des Teams Germany, soll der Beste sein, hört man. Dabei wird geredet, "nur nicht übers Segeln", verrät Skipper Jesper Bank. Lagerkoller in Valencia? "Nein", sagt der Däne, "als Segler kennen wir ja solche Tage, noch sind wir alle ganz entspannt."

Trotzdem hat der 50-Jährige gestern die Zurückhaltung abgelegt und die Initiative ergriffen. "Die Teilnehmer müssen zusammen stehen und von der Regattaleitung eine Herabsetzung des Windlimits verlangen", fordert Bank. "So geht das ja nicht weiter." Weil die laut Cup-Reglement nötige Durchschnittsbrise von sieben Knoten (Windstärke zwei bis drei) häufig nur knapp verfehlt wird, argumentiert nicht nur der Skipper des deutschen Teams, dass es "sechs Knoten" auch täten.

Außerdem haben die Crews häufig sogar schon acht bis neun Knoten auf der elektronischen Anzeige gemessen, weil ihr Windmesser oben im Topp des 33 Meter hohen Masts angebracht ist. Während die Wettfahrtleitung auf ihrem Motorboot noch zaudert, segeln die Yachten oft schon mit Fullspeed ungeduldig im Kreis um die Funktionärsdschunke herum. "Das können wir unseren Zuschauern und Gästen allmählich nicht mehr erklären, warum kein Matchrace gestartet wird", sagt Bank. "Wir könnten segeln, aber wir dürfen nicht."

Wie bei grundlegenden Änderungen des Regelwerks üblich, ist eine Einigkeit der Syndikate notwendig, die sich in der Herausfordererkommission (Challenger Commission) zusammengetan haben. Und hier tritt ein Problem auf, das fast so groß ist wie der fehlende Wind. Denn die elf Vertreter der Syndikate haben mindestens ebenso viele Meinungen. Besonders die großen, favorisierten Kampagnen fürchten die Leichtwindrennen, bei denen der Faktor Glück immer größer wird, desto mehr der Wind abnimmt. Doch mit jedem Flautentag mehr, durch den der schon zweimal umgestaltete Zeitplan wieder Makulatur wird, wächst die Ungeduld. "Das ist eine Katastrophe", entfährt es selbst dem sonst so ruhigen United-Internet-Teamchef Michael Scheeren.

Scheeren musste schon verdauen, dass das ZDF alle weiteren Live-Übertragungen der Rennen im Hauptprogramm abgeblasen hat. Drei Viertel des Fernsehteams reisten entnervt ab. In Mainz ist Segeln derzeit Tabuthema, "das brauchst du vorläufig niemandem mehr anzubieten", sagt ein Insider. Ein Flop droht dem Team Germany, sollten die letzten Platzierungsrennen nach dem 9. Mai unter den Tisch fallen. "Das darf ja gar nicht sein, dass einige Teams weniger segeln sollen als andere", sagt Skipper Bank verzweifelt, "dafür haben wir doch zwei Jahre trainiert".

Ungehalten werden mittlerweile auch die Geldgeber des Großereignisses. Einer, der noch nie ein Blatt vor den Mund genommen hat, ist der Chef der italienischen Luna Rossa Challenge, Modezar Patrizio Bertelli. Der Mann, der von vornherein gegen den Austragungsort Valencia war, verschaffte sich angeblich Luft in einem harschen Telefonat mit Ernesto Bertarelli. Während der Schimpftirade soll dieser kaum zu Wort gekommen sein. Der Biotech-Milliardär und Alinghi-Boss Bertarelli hatte den Austragungsort öffentlich ausgeschrieben, weil der America's Cup traditionell auf dem offenen Meer gesegelt werden muss. Und nun entpuppt sich das Mittelmeer als lähmendes Windloch wie ein Schweizer Binnensee. Immerhin will das spanische Desafio-Team heute mit einer Dessous-Show im Basislager für Adrenalin sorgen.

Die Crew des Titelverteidigers Alinghi, der die letzte Vorbereitungsregatta überlegen gewann, kann sich die Leiden der Verfolger gelassen ansehen. Den Verdacht, dass sein Team vom nervenzehrenden Warten auf Wettkampfpraxis bei der Konkurrenz profitiert, weist Alinghi-Sportdirektor Schümann fast entschuldigend zurück. SPIEGEL ONLINE sagte er: "Wir leiden da ja auch drunter, denn wir wollen auch trainieren gehen."

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