American Football Endzone für "Dan the Man"

Alle hatten es erwartet. Als es geschah, gab es dennoch Tränen. Am Montag hat mit Dan Marino einer der größten Quarterbacks der Geschichte seinen Rückzug vom aktiven Sport verkündet.

Von Dominique Gradenwitz


Dan Marino: "Das ist nicht leicht"
REUTERS

Dan Marino: "Das ist nicht leicht"

Miami - Als Dan Marino nach dem Spiel, das sein letztes werden sollte, den Rasen verließ, war er umringt von Fans und Fotografen. Die aber machten respektvoll Platz - es gab nichts zu feiern, und der Star war stinksauer. Das war in Jacksonville, nachdem die einheimischen Jaguars Marino und seine Miami Dolphins mit 62:7 vernichtet hatten - ein Ergebnis, als hätte sich Lothar Matthäus mit einem 1:9 gegen Real Madrid aus Deutschland verabschiedet. Selbst die Fans von Jacksonville waren schockiert. 38:0 stand es, bevor Marinos erster Pass ankam, und der erfolgreichste Passer der NFL-Geschichte endete mit 11 Completions bei 25 Versuchen, für 95 Yards, mit einem verlorenen Ball und 2 Interceptions.

Von den vielen saisonbeendenden Niederlagen in Marinos 17-jähriger Karriere war dies die mit Abstand schlimmste - und seine letzte. Der Großmeister des tödlichen Zwei-Minuten-Angriffs kündete am Montag in Miami offiziell seinen Rückzug an, der aber nach seiner Absage an die Minnesota Vikings vor einigen Tagen bereits ein offenes Geheimnis gewesen war. Damit verlieren die amerikanischen Sportfans innerhalb zweier Jahre nach Michael Jordan, Charles Barkley, Wayne Gretzky und John Elway einen weiteren Superstar.

Die Stimmung im überfüllten Presseraum glich einer Beerdigung. Seine Frau Claire in der ersten Reihe weinte. Marino kaute auf seiner Unterlippe, behielt mühsam die Fassung, und meinte: "Das ist nicht leicht"; Wie immer folgte er danach dem Spielplan: Acht Minuten verlas er eine Erklärung, anschließend beantwortete er eine Stunde lang Fragen der Journalisten. Mit Marino verlässt der letzte aus dem "Jahrhundert-Quarterback-Jahrgang" von 1983 das Spielfeld, zu dem auch John Elway, Jim Kelly, Ken O'Brien, Todd Blackledge und Tony Eason gehören. Marino, nur als Nummer 27 des damaligen Draft ausgewählt, spielte alle 17 Spielzeiten für die Miami Dolphins. Bereits in seinem ersten Jahr wurde er zum Rookie des Jahres, eine Saison später zum wertvollsten Spieler überhaupt gewählt - danach gewann er alles, was es als Quarterback an Ehren und Rekorden zu gewinnen gibt - mit Ausnahme seines größten Wunsche: eines Titels. Marino hat 30 Pass-Rekorde auf- oder eingestellt; er führt in der ewigen Bestenliste in Completions (4967), gewonnenen Yards (61.361) und Touchdown-Pässen (420); in der Saison 1984/85 erzielte er bislang ebenfalls unerreichte 5084 Yards und 48 Touchdowns vor Beginn der Playoffs.

Doch trotz aller Rekorde: Bereits in der vergangenen Saison wurden Zweifel laut, ob er seine Dolphins noch erfolgreich führen könne. Die Spannungen zu Trainer Jimmy Johnson waren zuletzt eine chronische Angelegenheit. Verletzt musste er ein paar Spiele aussetzen, nach seiner Rückkehr schaffte er gerade 2 Siege bei 5 Niederlagen. Dabei warf er erstmals in seiner Karriere mehr Interceptions (17) als Touchdown-Pässe (12). Nach dem Debakel in Jacksonville wurde sofort spekuliert: Ist Marinos Karriere vorbei? Kann er weiter spielen? Wird er aufhören? Seinen noch zwei Jahre laufenden Vertrag über 7,58 Millionen Dollar pro Spielzeit kündigte er im Februar, um seinen Dolphins mehr Spielraum bezüglich der Obergrenze für Spielergehälter zu geben - ein Geschenk an seinen Club, der ihn nun auf dem freien Markt billiger hätte zurückholen können. Doch der neue Trainer Dave Wannstedt meldete sich erst, als ein Angebot von Minnesota Vikings bekannt wurde. Sein halbherziges Angebot: Ein neuer Vertrag als Ersatz-Quarterback.

Vor die Wahl gestellt, dieses demütigende Angebot anzunehmen, nach Minnesota zu wechseln oder zurückzutreten, entschied sich Marino für den Rücktritt. Minnesota ist ein Team im Umbruch; die Familie, verwöhnt von der Sonne Florida, wollte nicht in den eisigen Norden ziehen - und Marino stand, wie er Freunden anvertraute, das warnende Vorbild des Hall of Famers Franco Harris vor Augen: der legendäre Fullback und viermalige Superbowl-Gewinner war nach Knatsch mit seinen Pittsburgh Steelers in seiner allerletzten Saison noch nach Seattle gewechselt , nur um dort gerade noch 8 mal eingesetzt, ausgewechselt und zuletzt gefeuert zu werden.

"Dan the Man", so sein Spitzname, wählte deshalb lieber für einen Abschied in Ehren - auch wenn er sicherlich lieber wie sein langjähriger Rivale John Elway zurückgetreten wäre: auf dem Höhepunkt, mit dem Gewinn zweier Superbowls. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass "seine" Nr. 13 nicht mehr an andere Spieler der Dolphins vergeben wird, seine Statue errichtet und eine Strasse nach ihm benannt werden soll. Doch für seine Fans in Miami und anderswo wird er auch so unsterblich bleiben: als begnadeter Spieler, der nur das Pech hatte, zur richtigen Zeit mit dem falschen Team zu spielen.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.