Analyse Schach-WM Anand siegt dank druckvollen Spiels

Der Remis-Bann ist gebrochen: Titelverteidiger Viswanathan Anand hat bei der Schach-WM nach zwei Unentschieden gegen Wladimir Kramnik den ersten Sieg errungen. Großmeister Dorian Rogozenko analysiert exklusiv für SPIEGEL ONLINE die dritte Partie.


Eine großartige Partie und ein sehr wichtiger Sieg für Anand. Der Weltmeister präsentierte eine neue und starke Idee in der Eröffnung, hat danach immer Druck auf Kramniks König ausgeübt und am Ende im Mattangriff gewonnen.

1.d4 d5 2.c4 c6

Wie in der ersten Partie greift Anand erneut zur Slawischen Verteidigung.

3.Sf3 Sf6 4.Sc3

Keine Abtauschvariante mehr. Kramnik wählt die prinzipiellste Fortsetzung.

4...e6 5.e3

Die so genannte Meraner Variante. Beide Kontrahenten haben mit dieser Variante große Erfahrung. Weiß will erst die Entwicklung beenden und dann e3-e4 spielen.

5...Sbd7 6.Ld3 dxc4 7.Lxc4 b5 8.Ld3 a6

Bisher hat Anand in dieser Stellung fast immer 8...Lb7 gespielt. Mit 8...a6 verteidigt Schwarz den Bauer b5 und bereitet den Vorstoß c6-c5.

9.e4 c5 10.e5

Die schärfste Fortsetzung. Einer der besten Kenner dieser Variante ist übrigens der Moskauer Großmeister Jwegenij Barejew, der früher viel mit Kramnik zusammen gearbeitet hat.

10...cxd4 11.Sxb5

Das sofortige 11.exf6 dxc3 ist ungünstig für Weiß. Bevor er deshalb den gegnerischen Springer auf f6 nimmt, zerstört Weiß vorher die schwarze Bauernstruktur. Vor fast 10 Jahren hat Kramnik genau diese Stellung schon einmal auf dem Brett gehabt. Und zwar gegen keinen Geringeren als Ex-Weltmeister Garry Kasparow.

11...axb5

Kasparov spielte damals 11...Sxe5 und nach 12.Sxe5 axb5 13.Lxb5+ Ld7 und weiteren 20 Zügen endete die Partie Remis.

12.exf6 gxf6 13.0–0

Mit dem König auf e1 geht 13.Lxb5 nicht, denn nach 13...Da5+ verliert Weiß den Läufer.

13...Db6 14.De2

In dieser bekannten theoretischen Stellung hat Schwarz den Bauer b5 bislang mit unterschiedlichen Zügen verteidigt. Meistens geschah 14...La6, aber auch 14...b4 oder sogar 14...Ta5 wurden gespielt. Doch alle diese Züge geben Weiß laut aktueller Theorie die besseren Aussichten.

14...Lb7

Dutzende von Großmeisterpartien wurden mit dieser Stellung schon gespielt – doch dieser Zug ist neu! Anand opfert einen Bauern und setzt auf Königsangriff. Der Weltmeister führte diesen Zug sehr schnell aus - offensichtlich hat er die ganze Idee mit seinen Sekundanten vor dem Wettkampf vorbereitet. Eine unangenehme Situation für Kramnik, vor allem aus psychologischer Sicht: er muss jetzt mit begrenzter Bedenkzeit alle Probleme am Brett lösen, während Anand die Stellung zuhause in Ruhe mit dem Computer analysieren konnte.

15.Lxb5

Wird man mit Weiß mit einer so großen Überraschung konfrontiert, dann hat man oft die Möglichkeit, einen Gang zurückzuschalten, den Ehrgeiz, den man zu Beginn der Partie vielleicht hatte, zu zügeln, ruhig weiter zu spielen, Remis zu machen, um dann zu Hause alles gründlich zu analysieren und in der nächsten Partie wieder auf Gewinn zu spielen. Doch dafür ist diese Stellung viel zu scharf und wenn Weiß nicht prinzipiell weiter spielt, kommt er schnell in Schwierigkeiten. Anders gesagt: Kramnik hatte keine große Wahl und musste Anands Bauernopfer akzeptieren.

15...Ld6 16.Td1 Tg8

Anand nutzt die offenen Linien und Diagonalen, um seine Figuren gegen den weißen König in Stellung zu bringen. Er will ¢e7 spielen, um anschließend die Türme auf der g-Linie zu verdoppeln. Kramniks Stellung sieht sehr gefährdet aus.

17.g3

Droht 18.Sxd4.

17...Tg4

Damit will Anand nicht nur seinen Bauern verteidigen. Viel wichtiger ist ihm, die d-Linie geschlossen zu halten, denn schließlich steht sein König im Zentrum ebenfalls anfällig und kann leicht einem weißen Angriff zum Opfer fallen.

18.Lf4

Kramnik versucht die Verteidigung seines Königs mit einem Angriff im Zentrum zu verbinden. Um die d-Linie zu öffnen, opfert Weiß deshalb kurzfristig eine Figur. Nach 18.Sd2 spielt Schwarz 18...Ke7 und weder 19.Lxd7 Tag8 noch 19.Dxg4 Dxb5 ist besonders schön für Weiß. 18.h3 ist sogar noch schlechter: Nach 18...d3 19.Dxd3 Txg3+ gewinnt Schwarz sofort.

18...Lxf4 19.Sxd4

Vermutlich kam dieser Zug unerwartet für Anand, denn von diesem Moment an investierte er viel mehr Bedenkzeit in seine Züge. Mit 19.Sxd4 bereitet Kramnik ein Opfer auf e6 vor. Aber stärker war 19.Txd4 0–0–0 20.Tad1 Ld5, was zu einer komplizierten Stellung mit etwa gleichen Chancen führt.

19...h5 20.Sxe6 fxe6 21.Txd7

Schwach ist 21.Lxd7+ Ke7 und Weiß verbleibt mit einer Figur weniger.

21...Kf8

Schwarz muss sich gegen das drohende Abzugsschach des Turms verteidigen.

22.Dd3

Kramnik stellt eine neue Drohung auf: 23.Dh7.

22...Tg7 23.Txg7 Kxg7 24.gxf4 Td8 25.De2 Kh6

Kramnik hat die geopferte Figur zurück gewonnen und zwei Mehrbauern behalten. Doch sein König schwebt in großer Gefahr. Anand hingegen konnte seinen König auf h6 in Sicherheit bringen und steht bereit, die g-Linie erneut zum Angriff zu nutzen. Deshalb hat Schwarz trotz des materiellen Nachteils generell bessere Aussichten, vor allem aus praktischer Sicht: Mit begrenzter Bedenkzeit fällt es auch einem Verteidigungskünstler wie Kramnik schwer, solche Stellungen zu spielen.

26.Kf1 Tg8 27.a4 Lg2+ 28.Ke1 Lh3 29.Ta3?

Ein Fehler. Besser war 29.Td1, wonach das Schach 29...Tg1+ nicht mehr so gefährlich ist (der weiße König kann sich später auf c1 verstecken) und die nahe liegende Variante 29...Lg4 30.De3 Dxe3+ 31.fxe3 Lxd1 32.Kxd1 Weiß keine großen Probleme bereiten sollte - seine verbundenen Freibauern auf dem Damenflügel sind stark genug, um ihm das Remis zu sichern.

29...Tg1+ 30.Kd2 Dd4+ 31.Kc2 Lg4

Besser ist sofort 31...Lf5+ mit klarem Vorteil. Denn Weiß muss sowieso 32.Td3 spielen, weil 32.Ld3 Lg4 33.f3 Lh3 zu einer Stellung führt, die auch in der Partie aufs Brett kam und die für Schwarz gewonnen ist.

32.f3

Der zweite und entscheidende Fehler. Kramnik übersieht hier eine versteckte Verteidigungsmöglichkeit, nämlich 32.Td3. Danach bringt Schwarz 32...Dc5+ wegen 33.Tc3 nicht viel ein. Und nach 32...Lf5 33.Kb3 Lxd3 34.Lxd3 kann Schwarz die Stellung kaum noch gewinnen.

32...Lf5+

Jetzt gibt es keine Verteidigung mehr. Anand gewinnt in allen Varianten.

33.Ld3 Lh3

Schneller gewinnt 33...Lxd3+ 34.Txd3 (oder 34.Dxd3 Tg2+ 35.Kd1 Dg1+) 34...Dc4+ 35.Kd2 Dc1 Matt.

34.a5 Tg2 35.a6 Txe2+ 36.Lxe2 Lf5+ 37.Kb3 De3+ 38.Ka2 Dxe2 39.a7 Dc4+ 40.Ka1 Df1+ 41.Ka2 Lb1+ und Kramnik gab auf. 0-1

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