Analyse Schach-WM Angenehme Bauernopfer

Gewalt ist keine Lösung: Das musste Herausforderer Wladimir Kramnik in der sechsten Partie der Schach-WM gegen Viswanathan Anand feststellen. Der Titelverteidiger aus Indien gewann das Duell durch Aufgabe seines russischen Gegners.


Ein weiterer Sieg für Anand in der sechsten Partie hat den Wettkampf praktisch entschieden. Nur ein Wunder kann Kramnik in diesem WM-Match noch retten.

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3

Es ist nun schon klar, dass Anand diese Partie ohne Rücksicht auf den für ihn positiven Stand des Weltkampfes spielt. In der vierten Partie wollte er 3...Lb4 vermeiden und wählte deswegen den etwas ruhigeren Zug 3.Sf3.

3...Lb4

Die Nimzoindische Verteidigung, so wie in der zweiten Partie.

4.Dc2

Eine öfter gespielte Fortsetzung als in der zweiten Wettkampfpartie, in der 4.f3 geschah. Mit 4.Dc2 vermeidet Weiß jeden positionellen Defekt: Nun ist er immer bereit, nach dem Schlagen des schwarzen Läufers auf c3 mit der Dame zurück zu nehmen und dadurch einen Doppelbauern auf der c-Linie zu verhindern.

4...d5 5.cxd5 Dxd5

Schwarz nutzt die Fesselung des Springers c3, um seine Dame schnell ins Spiel zu bringen. Gleichzeitig greift er den Bauern d4 an.

6.Sf3 Df5

Nach 6...Sc6 7.Ld2 Df5 (schlecht ist 7...Sxd4 wegen 8.Da4+) kann Weiß schon 8.e4 spielen, wonach er ein starkes Bauerzentrum besitzt.

7.Db3

"Der Tiger von Madras" zeigt seine aggressiven Absichten! Mit 7.Dxf5 konnte der Weltmeister die Damen tauschen, um sich praktisch ein Remis zu sichern. Stattdessen wählt er die ehrgeizigste Fortsetzung. Tatsächlich ist der Damentausch 7.Dxf5 auch der am meisten gespielten Zug, denn in dem folgenden Endspiel kann Weiß ohne Risiko weiter auf Gewinn spielen, (obwohl das Endspiel natürlich fast ausgeglichen ist, denn Schwarz wird seine Doppelbauern später mit einer guten Kontrolle der e-Linie kompensieren).

7...Sc6 8.Ld2 0–0

9.h3

Ein neuer Zug! Es ist beeindruckend, wie effizient sich Anand auf diesen Wettkampf vorbereitet hat. In fast jeder Partie schaffte er es, eine neue Ideen zu zeigen und setzt damit seinen Gegner ständig unter Druck. Bisher spielte Weiß hier ausschließlich 9.e3. Mit 9.h3 bereitet Weiß stattdessen den Vormarsch des g-Bauern vor, um damit die exponierte Position der schwarzen Dame auszunutzen. Danach entwickelt Weiß den Läufer mit Lg2 auf die lange Diagonale.

9...b6

Nach einer Viertelstunde Bedenkzeit entscheidet Kramnik, seinen Läufer ebanfalls auf die lange Diagonale zu entwickeln, mit der Absicht, dessen Pendant auf g2 zu neutralisieren. Die Alternative 9...e5 führt zu klarem weißen Vorteil: 10.g4 Dg6 11.Sxe5 (nicht 11.dxe5 Se4 und Schwarz übernimmt die Initiative) 11...Sxe5 12.Dxb4.

10.g4 Da5 11.Tc1 Lb7 12.a3 Lxc3

Kramnik muß seinen Läufer gegen den Springer tauschen, denn nach 12...Ld6 13.Sb5 Da6 14.e4 verliert Schwarz Material.

13.Lxc3 Dd5 14.Dxd5 Sxd5 15.Ld2

In solch offenen Stellungen sind die zwei Läufer stärker als Läufer und Springer (oder zwei Springer). Dieser Umstand und der Druck auf der c-Linie sichern Weiß einen dauerhaften Vorteil.

15...Sf6 16.Tg1

Ein notwendiger Zug: Schwarz drohte, den Bauern auf d4 mit dem Springer zu schlagen. 16.Lg2 hätte das Problem nicht gelöst, denn der Springer f3 wäre weiter gefesselt geblieben und mit 16...Sxd4 hätte Schwarz einen Bauern gewonnen.

16...Tac8

Kramniks Stellung ist gefährdet und jede Ungenauigkeit macht die Situation noch unangenehmer. Der Herausforderer sollte versuchen, seine Figuren mit Tempo ins Spiel zu bringen. Deswegen war 16...Tfd8 mit Angriff auf den Bauern d4 eine bessere Option.

17.Lg2

Jetzt möchte Anand schon die Fesselung des gegnerischen Springers ausnutzen, denn 18.Se5 erscheint nun als positionelle Drohung.

17...Se7

Diese zweite Ungenauigkeit bringt Kramnik in weitere Schwierigkeiten. In Betracht kam 17...La8, um den Läufer auf ein gedecktes Feld zu stellen. Auch danach behält Weiß allerdings mit 18.Lf4 Tfd8 19.e3 Vorteil.

18.Lb4

18...c5

Kramnik versucht, seine Probleme nun mit Gewalt zu lösen und vor allem den gegnerischen Druck auf die c-Linie abzuschütteln. Doch die konkreten Varianten favorisieren Weiß. Nach 18...Tfe8 19.Lxe7 Txe7 20.Se5 Lxg2 21.Txg2 steht Weiß ebenfalls klar besser. Die besten Verteidigungschancen bot 18...Sfd5, wonach Weiß 19.Se5 antworten sollte.

19.dxc5 Tfd8

Nach 19...bxc5 20.Lxc5 kann Schwarz die Fesselung des gegnerischen Läufers nicht richtig ausnutzen, denn Weiß hat immer die Möglichkeit zu b2-b4. Trotzdem wäre dies für Schwarz besser als die Partiefortsetzung gewesen, z.B: 20...Se4 21.b4 (nach 21.Le3 Txc1+ 22.Lxc1 Tc8 23.Le3 Tc2 hat Schwarz genug Kompensation für den Bauern) 21...Sxc5 22.bxc5 Lxf3 23.Lxf3 Tc7 gefolgt von Tfc8 mit guten Rettungschancen.

20.Se5 Lxg2 21.Txg2 bxc5

21...Se4 22.c6 hätte den Bauern auch nicht gerettet

22.Txc5 Se4 23.Txc8 Txc8 24.Sd3

24.Lxe7 wäre wegen 24...Tc1 Matt ein schlimmer Lapsus gewesen. Natürlich passieren aber auf diesem Niveau solche Fehler nicht.

24...Sd5 25.Ld2 Tc2 26.Lc1

Die Aktivität der schwarzen Figuren ist nur ein kurzzeitiger Faktor. Mit Kd1 wird Anand den gegnerischen Turm vetreiben. Danach muss er nur noch den eigenen Turm ins Spiel bringen, um die Stellung ohne weitere technische Probleme zu gewinnen.

26...f5

26...Sc5 hätte wenig geändert, denn nach 27.Kd1 Sxd3 28.exd3 (nicht 28.Kxc2 wegen 28...Se1+ und dank der Gabel gewinnt Schwarz den Turm) 28...Tc8 29.f3 steht Weiß ebenfalls auf Gewinn.

27.Kd1 Tc8 28.f3 Sd6 29.Ke1

Nach sofortigem 29.e3 antwortet Schwarz 29...Sc4, und wegen der Drohung Sxe3 mit Schach kann Weiß noch nicht Tc2 spielen.

29...a5 30.e3 e5

Ein interessantes Bauernopfer von Kramnik. Der Russe versteht, dass ihm nur noch außergewöhnliche Maßnahmen praktische Rettungschancen bieten können. Seine Idee besteht darin, den Bauern e3 zu blockieren. 30...Sc4 31.Tc2 ist stattdessen hoffnungslos für Schwarz. Die Alternative 30...a4 hätte nach 31.Te2 gefolgt von e3-e4 das Resultat ebenfalls kaum noch geändert.

31.gxf5

31.Sxe5 scheiterte an 31...Txc1+.

31...e4

Das ist Kramniks Idee: Der weiße Läufer bleibt eingesperrt – allerdings nicht für lange Zeit. 31...Sxf5 verliert nach 32.e4 einen Springer.

32.fxe4 Sxe4 33.Ld2 a4

33...Tc2 hätte eine Falle gestellt: 34.Kd1 ist nun wegen der Fesselung schlecht - 34...Sxe3+ 35.Lxe3 Txg2. Aber nach 34.Te2 gefolgt von Kd1 steht Weiß weiter auf Gewinn.

34.Sf2

So löst Weiß das Problem der Blockade. Jetzt muß Schwarz entweder einen Springer tauschen oder den Vormarsch des Bauern e3 zulassen. Mit zwei Mehrbauern ist die weiße Stellung problemlos gewonnen.

34...Sd6

Oder 34...Sdf6 35.Sxe4 Sxe4 36.Tg4 mit leichtem Gewinn für Weiß.

35.Tg4 Sc4

Auch 35...Sxf5 36.Txa4 (schwächer ist 36.e4 Te8 37.Tg5 g6) 36...Sfxe3 37.Lxe3 Sxe3 38.b4 wäre für Kramnik hoffnungslos gewesen.

36.e4 Sf6 37.Tg3 Sxb2 38.e5 Sd5 39.f6 Kf7

39...g6 40.Se4 Te8 hätte die Partie mit einer Springergabel entschieden: 41.f7+ Kxf7 42.Sd6+.

40.Se4 Sc4 41.fxg7

41.Txg7+ Ke6 42.f7 gefolgt von Tg8 hätte die Partie schneller beendet.

41...Kg8 42.Td3

Die Zeitnotphase ist vorbei und Anand fällt auch nicht in die letzte von Kramnik gestellte Falle: Nach 42.Sf6+ Sxf6 43.exf6 Te8+ 44.Kd1 Td8 hätte sich der Herausforderer überraschend gerettet, denn 45.Tg2 verlöre sogar für Weiß wegen 45...Se3+. Also hätte Weiß in dieser Variante seinen Läufer abgeben müssen, um Remis zu erreichen.

42...Sdb6 43.Lh6

Nun ist eindeutig Schluss: Anand hat seinen Bauern g7 am Leben erhalten, und es gibt keine Verteidigung gegen Sf6+. Nach

43...Sxe5 44.Sf6+ Kf7 45.Tc3 Txc3 46.g8D+ Kxf6 47.Lg7+ gab Kramnik zum dritten Mal in diesem Wettkampf auf.



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