Analyse Schach-WM e4 zu Beginn, am Ende Weltmeister

Alle hatten auf diese Eröffnung gewartet - Anands Lieblingszug e4. Nun war es endlich soweit. Nach einem Remis sicherte sich der Inder gegen Wladimir Kramnik am Ende erneut den WM-Titel im Schach. Großmeister Dorian Rogozenko analysiert exklusiv für SPIEGEL ONLINE die entscheidende Partie.


1.e4

Endlich eröffnet Anand mit seinem Lieblingszug - zum ersten Mal in diesem Wettkampf.

1...c5

Kramniks Haupteröffnung gegen 1.e4 - die Russische Verteidigung - passt nicht zu dieser Partie, denn dort kann Weiß relativ leicht Remis machen. In dieser Partie musste der Herausforderer eine kämpferische Eröffnung finden.

Rivalen Anand (l.), Kramnik: e4 zu Beginn, am Ende Weltmeister
DDP

Rivalen Anand (l.), Kramnik: e4 zu Beginn, am Ende Weltmeister

2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 Die Najdorf-Variante im Sizilianer war auch Kasparows Lieblingswaffe gegen 1.e4. Mit 5...a6 deckt Schwarz das Feld b5 und sichert seiner Dame das Feld c7 (sonst muss Schwarz immer mit Sdb5 rechnen).

6.Lg5

Vor etwa 30 Jahren war dieser Zug die Hauptfortsetzung, inzwischen ist 6.Le3 (was Anand auch gerne spielt) viel populärer geworden. Offensichtlich hofft Anand, dass er die Feinheiten des etwas altmodischen 6.Lg5 besser kennt als Kramnik, der in diesen Varianten deutlich weniger Erfahrung hat.

6...e6 7.f4 Dc7

Zwei der größten ehemaligen Weltmeister – Bobby Fischer und Garry Kasparow – haben hier gerne 7...Db6 gespielt, um den Bauer b2 anzugreifen. Der Nachteil von 7...Db6 besteht darin, dass Weiß in bestimmten Varianten Remis durch Zugwiederholung forcieren kann. Nach 7...Dc7 ist das nicht möglich. Übrigens hat Anand vor elf Jahren selbst schon einmal 7...Dc7 gespielt.

8.Lxf6 gxf6 9.f5

Mit diesem Vorstoß möchte Weiß seinen Gegner zwingen, auf f5 zu nehmen oder e6-e5 zu ziehen. Beide Züge schwächen das Feld d5 und Schwarz sollte sie, wenn möglich, vermeiden.

9...Dc5

Da die schwarze Bauernstruktur am Königs- und am Damenflügel geschwächt ist, bleibt der schwarze König in diesen Stellungen oft lange im Zentrum, wo er sich hinter den Bauern d6, e6 und f6 verstecken kann. Allerdings ist der König im Zentrum fast immer angreifbar, vor allem, wenn viele Figuren auf dem Brett stehen. Mit der Aktivierung seiner Dame hofft Kramnik auf baldigen Damentausch.

10.Dd3

Nach 10.Sb3 De3+ erreicht Schwarz sein Ziel, denn dann muss Weiß die aktive gegnerische Dame mit 11.De2 tauschen und steht Schwarz bereits etwas besser.

10...Sc6 11.Sb3 De5 12.0–0–0

ChessBase

12...exf5

Ein neuer und provokanter Zug. In den wenigen Partien, in denen diese Stellung erreicht wurde, spielte Schwarz bislang immer 12...Ld7, was die lange Rochade vorbereitet. Kramniks Zug sieht extrem riskant aus, denn er schwächt, wie oben erwähnt, die schwarze Bauerstruktur und Schwarz verliert die Kontrolle über das wichtige Feld d5. Der Bauerngewinn spielt in solchen Situationen keine große Rolle.

13.De3

Mit diesem Zug vermeidet Anand ein Schach auf der Diagonalen c1–h6, macht seinem Läufer dem Weg frei und öffnet die d-Linie für seinen Turm auf d1. Aber trotz all dieser Vorteile wirkt die Dame auf e3 doch etwas unnatürlich, da der weiße König noch auf c1 steht (im Unterschied zum Computer hat ein Mensch fast immer Angst vor einer möglichen Fesselung der weißen Dame auf die Diagonale c1–h6). Die meisten Großmeister hätten 13.Kb1 bevorzugt, was ebenfalls gut genug für Weiß aussieht. Wahrscheinlich wollte Anand einer möglichen Vorbereitung Kramniks ausweichen.

13...Lg7

Möglicherweise kam Kramnik zu dem Schluss, dass die geschwächte schwarze Stellung in Wirklichkeit gar nicht so schlecht ist und Verteidigungs- und Gegenspielressourcen enthält. Trotzdem hat Schwarz weiterhin ein Hauptproblem: Was macht er mit seinem König? Wo findet er einen sicheren Platz für ihn? Nach 12...Lxf5 steht er im Zentrum nicht mehr sicher. Deswegen kann die Variante 13...h5 14.Kb1 Lh6 15.Df2 auch nicht gut für Schwarz sein - mit 13...h5 hat er seinen Königsflügel weiter geschwächt und dadurch ist die kurze Rochade keine besonders attraktive Option.

14.Td5 De7 15.Dg3 Tg8

ChessBase

Schwarz droht 16...Lh6+ mit Damengewinn.

16.Df4

16.Dxd6 wäre ein Fehler, denn nach 16...fxe4 17.Dxe7+ Sxe7 nebst 18...f5 verbessert Schwarz seine Struktur im Zentrum und behält seinen Mehrbauern - und das sichert ihm ohne die Damen auf dem Brett deutlichen Vorteil.

16...fxe4

Hier und im nächsten Zug konnte Kramnik 16...Le6 spielen. Nach 17.Td1 (schlecht ist 17.Txd6 wegen 17...Lh6 18.Dxh6 Dxd6) 17...fxe4 18.Sxe4 Kf8 ist die Stellung komplizierter als in die Partie und deswegen boten sowohl 16..Le6 als auch 17...Le6 (anstelle des Partiezugs 17...f5) größere praktische Chancen.

17.Sxe4 f5 18.Sxd6+ Kf8 19.Sxc8

Anand beweist seine flexible Denkweise: Nachdem Weiß klare strategische Vorteile erreicht hat, fängt er an, die Stellung zu vereinfachen. Wahrscheinlich hat Kramnik diesen Abtausch unterschätzt, als er sich für 17...f5 entschied. Schwarz hat jetzt kaum noch Möglichkeiten, einen Angriff gegen den weißen König zu inszenieren.

19...Txc8 20.Kb1

Weiß braucht nur noch ein bis zwei Züge, um die Entwicklung abzuschließen und seine Figuren perfekt zu koordinieren. Mittlerweile hat Anand auch nichts mehr gegen den Damentausch, denn im Endspiel steht Weiß wegen seiner besseren Bauernstruktur überlegen. Das Problem für Schwarz sind aber nicht nur seine Doppelbauern, sondern auch die mangelnde Koordination seiner Figuren. Denn obwohl der schwarze König sich auf f8 ganz gut versteckt hat, braucht der Turm von g8 viel Zeit, um ins Spiel zu kommen.

20...De1+

20...Sb4 21.Txf5 Sxc2 verliert wegen 22.Lc4 mit Doppelangriff auf f7 und c2.

21.Sc1

Noch stärker als 21.Dc1, was ebenfalls zu weißem Vorteil führt.

21...Se7

21...Db4 22.Sd3 Dxf4 23.Sxf4 hätte wenig geändert – auch hier muss Schwarz um Remis kämpfen.

22.Dd2

ChessBase

Es droht Matt auf d8, also muss Schwarz die Damen tauschen.

22...Dxd2 23.Txd2 Lh6 24.Tf2 Le3

Jetzt konnte Anand 25.Tf3 spielen, was ihm dauerhaften Vorteil sichert, zum Beispiel nach 25...f4 26.g3 oder zuerst 26.Sd3 gefolgt von 27.g3. Wenn man solche Stellungen mit Schwarz gewinnen will, dann kann man eigentlich nur auf Fehler des Gegners hoffen, denn Weiß hat keine einzige Schwäche. Kramnik gab hier jedoch seine Hoffnungen auf und bot Remis an, was Anand natürlich gerne annahm. Denn damit war der Wettkampf zu Ende, Anand hatte 6,5-4,5 gewonnen und seinen Weltmeistertitel erfolgreich verteidigt.

Remis 0,5 - 0,5



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